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Filmkritik : "Was bleibt": Krankheit als Metapher

Was tut Lars Eidinger als Schriftsteller Marko in „Was bleibt“? Eigentlich nichts. Das allerdings sehr beeindruckend.

Was tut Lars Eidinger als Schriftsteller Marko in „Was bleibt“? Eigentlich nichts. Das allerdings sehr beeindruckend.

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Berlinale

Weiß die Welt inzwischen überhaupt, was für ein großartiger Schauspieler Lars Eidinger ist? Was für eine selbstverständliche Präsenz er schon allein qua seiner eigentlich durchschnittlichen Körperlichkeit hat? In „Was bleibt“, dem neuen Film von Hans-Christian Schmid, spielt Eidinger einen mäßig erfolgreichen Autor, dessen Beziehung zur Mutter seiner kleinen Tochter zu zerbrechen droht.

Marko ist Anfang dreißig und lebt seit dem Studium in Berlin. Das ist schön weit weg von den Eltern. Denn schwierig gestaltet sich der Umgang mit dem dominanten Vater, dessen Erfolg und gesellschaftlichen Status – er ist ein bedeutender Verleger – keiner seiner beiden Söhne je wird erreichen können. Die Mutter (Corinna Harfouch in einer Parade-Zickenrolle) hingegen musste über die Jahre hinweg immer wieder in die Psychiatrie eingewiesen und mit Psychopharmaka behandelt werden; sie hat die Medikamente nun aber eigenverantwortlich abgesetzt. Freudestrahlend teilt sie es der übers Wochenende versammelten, nun entsetzten Familie mit.

Forderungen und Grenzverletzungen

Da hat man also dieses kultivierte, arrivierte Elternhaus samt der großen Kinder; der andere Sohn kann als frisch gebackener Zahnarzt nicht mal die laufenden Rechnungen begleichen. Und was macht Lars Eidinger als Marko? Eigentlich nichts. Er ist nur da. Registriert mit einem Blick die allgemeine Neurosenlage, die kaum merklich schwankenden Kräfteverhältnisse. Er sieht Forderungen und Grenzverletzungen, die in Demütigungen und Machtdemonstrationen münden – und die eigene Unzulänglichkeit.

Eidingers Marko ist ein Durchschnittsmensch, der das Beste versucht, mit dem Rest an doch geerdeter Sensibilität, den er sich bewahrt hat. Er wirkt gleichmütig, ist aber verletzbar. Tatsächlich verletzt er sich bald gehörig am Fuß.
Die Krankheit als solche spielt in diesem Film eine enorme Rolle. Sie ist Tatsache, aber wohl auch Metapher. Und sie ist ein Vorwand – dies aber weniger für die Mutter, die sich befreien möchte von einer Zuschreibung, sondern für deren Angehörige.

Die Krankheit ist ein Gewicht, das von ihnen in die Waagschale gegeben wird, um jene Balance zu halten, die ihnen am handhabbarsten erscheint. Und die Sätze, die man in dieser Familie tauscht, trennen messerscharf Höflichkeit von wahrer Intention: „Es ist gerade alles etwas viel“, sagt einer, und sein Gegenüber entgegnet: „Irgendwas ist immer“.

Zwiespältige Gedanken

Man sieht dem gehobenen bundesdeutschen Mittelstand hier dabei zu, wie er im Prozess des uneigentlichen Sprechens Terrain sichert oder erweitert und Konflikte zu vermeiden sucht. Und jeder weiß, was gemeint ist, auch der Zuschauer. „Ich hab mein Leben in diese Ehe investiert“, sagt der Familienpatriarch (Ernst Stötzner) irgendwann, und es ist klar, dass er seinen Einsatz nun zurückfordert. Es geht um Beziehungsökonomien. Wie am Ende der Unruheherd entsorgt wird, das erzeugt beim Zuschauen dann durchaus zwiespältige Gedanken.

Die Filme von Hans-Christian Schmid (u.a. „Requiem“, „Sturm“) sind voller Schmerz, aber auch voller Zärtlichkeit, auch dieser. Man kann dies an der Art erkennen, auf welche die Kamera den Figuren nahekommt. Ein Preis fürs Drehbuch mit seinen präzisen Dialogen könnte drin sein. Ein Preis für Lars Eidinger sollte drin sein.

Was bleibt 15. 2.: 9.30 Uhr, Friedrichstadt-Palast; 16. 2.: 20.30 Uhr, Haus der Berliner Festspiele; 17. 2.: 21.30 Uhr, Hackesche Höfe Kino.