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Berliner Zeitung | Flucht ins Frauenhaus Rathenow: „Das war meine Befreiung“
29. January 2016
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Flucht ins Frauenhaus Rathenow: „Das war meine Befreiung“

Letzte Hoffnung: Das Frauenhaus ist für viele misshandelte Frauen rettender Zufluchtsort.

Letzte Hoffnung: Das Frauenhaus ist für viele misshandelte Frauen rettender Zufluchtsort.

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picture alliance / dpa

Rathenow -

Große Entscheidungen beginnen nicht selten mit kleinen Schritten. Einen solchen Schritt macht Manuela an einem Freitagmittag im November 2015: Sie trägt eine entspannende Schönheitscreme aufs Gesicht auf. Ruhe herrscht in ihrem Haus in Brandenburg/Havel, der Mann ist arbeiten, die Kinder in der Schule. Als die beiden nach Hause kommen, bittet sie die Mädchen, ihre Lieblingssachen einzupacken.

Anschließend verstaut Manuela ihren Computer im Auto, bittet die Mädchen einzusteigen und fährt los. Es ist eine kurze Reise, aber die größte ihres Lebens: Sie geht ins Frauenhaus nach Rathenow. Manuela lächelt. „Das war toll, das war meine Befreiung.“

Manuela heißt nicht Manuela, sie stammt nicht aus der Stadt Brandenburg, und Geschlecht und Alter ihrer Kinder sind verändert. Sie soll nicht wiedererkennbar sein, damit ihr Mann sie nicht findet.

„Mit Kindern bleibt oft nur das Frauenhaus“

Manuelas Geschichte ist eine, wie sie sehr viele Frauen erleben, jedes Jahr, davon auch Hunderte im Land Brandenburg: 2900 Frauen wurden hier laut Polizeistatistik im Jahr 2014 Opfer häuslicher Gewalt, 554 Frauen und 684 Kinder fanden Hilfe in einer von 23 Hilfseinrichtungen – in einem Frauenhaus oder in einer Zufluchtswohnung.

Catrin Seeger ist vielen dieser Frauen begegnet. Sie hat ihre Geschichten gehört, hat sie weinen sehen und ihnen ihre Rechte erklärt. Dann hat sie die Frauen in eines der fünf Zimmer im Frauenhaus geführt; Zimmer, in denen auch immer Kinderbetten stehen. Denn Kinder waren fast immer mit dabei. „Kinderlose Frauen versuchen meist, bei einer Freundin oder Verwandten unterzukommen“, sagt Catrin Seeger. „Mit Kindern bleibt oft nur das Frauenhaus.“

Seeger ist 56 Jahre alt und eine auffällige Frau. Das liegt nicht nur an ihren roten Haaren und ihrer Körpergröße von fast 1,80 Meter, sondern auch an ihrer zupackenden Art. Sie weiß, was Gewalt aus Frauen macht, sie hat sie als Kind erlebt. „Mein Vater hat meine Mutter geschlagen“, sagt die Rathenowerin, die zu DDR-Zeiten eine Ausbildung zur Krippenerzieherin gemacht hat. „Da habe ich oft Frauen gesehen, bei denen ich dachte: Die wird zu Hause geschlagen. Als Betroffene hatte ich diesen Blick.“

Manuela hat diesen Blick nicht. Ihren Mann, nennen wir ihn Kai, lernt sie in den 90er-Jahren beim Studium in Berlin kennen. Sie verlieben sich, Kai bewundert seine starke, kluge und erfolgreiche Frau. Sie geht wegen der Arbeit ins Ausland, er bleibt in Brandenburg. Das erste Kind wird geboren, dann das zweite, dann das dritte. „Wir hatten eine Fernbeziehung, die Kinder waren bei mir, und ich bin immer sehr schnell wieder arbeiten gegangen“, erzählt Manuela. Nach der Jahrtausendwende kehrt sie nach Deutschland zurück, sie will Zeit mit der Familie haben. Sie ziehen in ein Haus in Brandenburg/Havel, Manuela wird zum vierten Mal schwanger. Dann wird alles anders.

Gebildete sind anders gewalttätig

„Jede Frau, die in ein Frauenhaus kommt, hat Gewalt erlebt“, sagt Catrin Seeger. „Einige haben körperliche Gewalt erlebt, andere ökonomische oder sexualisierte Gewalt.“ Meist seien es mehrere Formen – „aber psychische Gewalt ist immer dabei“. Gewalttätige Männer gebe es in allen Bildungsschichten: „Die gebildeteren machen ihre Frauen nur anders fertig.“ Es seien aber nicht nur Partner, sondern auch Brüder, Väter, Söhne.

Bei Manuela beginnt die Gewalt wie ein Windhauch, kaum spürbar. „Ich kann nicht genau sagen, was passiert ist“, sagt sie. „Ich geriet immer mehr unter seine Kontrolle.“ Kai schlägt nicht, aber er brüllt, er beleidigt, er droht, er verweigert ihr Geld. Kai beschimpft die Kinder, sagt, seine Frau habe einen „fetten Arsch“, er nennt sie „Opfer“ und empfiehlt ihr im Beisein der Kinder, vor einen Zug zu springen. Er weist ihr Geld zu fürs Einkaufen, sie darf nicht mehr kochen. „Ich war wie entmündigt und völlig isoliert, er war fast pervers sadistisch.“ Aber weil die Veränderungen langsam kommen, weiß sie nicht mehr, was eigentlich normal ist in einer Beziehung. „Ich dachte, dass ich krank bin oder etwas falsch mache.“

„Wenn die Frauen zu uns kommen, haben sie den längsten Weg schon hinter sich“, sagt Catrin Seeger. Dann nämlich sei die Entscheidung gefallen, dass es so nicht weitergehen kann. „Diese Erkenntnis ist schwer, denn die Frauen kennen nicht nur den gewalttätigen Mann, sondern auch den, in den sie sich mal verliebt haben.“ Am Ende müssten die Frauen für sich allein entscheiden, dass es so nicht weiter gehen kann. „Kinder sind oft ein Grund zu gehen – aber genauso oft ein Grund zu bleiben.“

Ein einziger Satz verändert alles

In Manuela Fall reagieren die Kinder zuerst auf die Gewalt ihres Vaters: Sie werden verhaltensauffällig, eines nach dem anderen. Beim vierten Kind bittet Manuela das Jugendamt um Hilfe. Doch letztlich ist es das Internet, dass ihr die Augen öffnet. „Im Sommer 2015 habe ich eine Frage gegoogelt: ,Warum gibt mir mein Mann immer die Schuld?’“, erzählt sie. Schnell wird sie zu einem Fragebogen weitergeleitet, den sie ausfüllt und in dessen Auswertung steht: Sie sind Opfer von Gewalt.

Dieser eine Satz ändert alles. Übers Internet findet sie die Telefonnummer des Beratungs- und Krisenzentrums in Rathenow, sie vereinbart einen ersten Beratungstermin und landet bei Catrin Seeger. Ein paar Wochen später steht sie vor der Tür des Frauenhauses.

Ohne Catrin Seeger gäbe es dieses Haus gar nicht, sie hat es ins Leben gerufen, nachdem sie Anfang der 90er-Jahre in einer Zeitung einen Bericht über ein anderen Frauenhaus gelesen hatte. Am 28. Januar 1993, einem Freitag, eröffnete sie mit Gleichgesinnten die Zuflucht in Rathenow. „In der ersten Nacht haben wir alle im Haus geschlafen, weil wir dachten, dass gleich jemand kommt“, erinnert sie sich. Die erste Frau, das weiß sie noch, kam wie Manuela aus Brandenburg. 778 Frauen hat das Haus in diesen 23 Jahren beherbergt und mit ihnen 882 Kinder. Viele kamen aus der Region, viele aber auch aus Berlin oder auch aus Westdeutschland.

Manuelas Mann hat auf ihren Weggang reagiert wie es gewalttätige Männer sehr häufig tun: Er hat sie erst gebeten zurückzukommen, dann hat er getobt, dann drohte er ihr. Doch Manuela hat sich entschieden, sie will nicht mehr. „Das war seit zehn Jahren die erste Entscheidung, die ich für mich getroffen haben“, sagt sie. Sie bekommt jetzt Hartz IV, zum ersten Mal seit Jahren hat sie eigenes Geld. Jeden Tag fährt sie mehrere Stunden Auto, um die Kinder in die Schule zu bringen. Die beiden älteren, die gerade nicht zu Hause leben, wissen vom Frauenhaus – aber nicht, wo es sich befindet.

Catrin Seeger und ihre Kollegin begleiten die Frauen bei ihren nächsten Schritten, zum Amt, zur Polizei, und wenn nötig, bis vors Gericht und nach ihrem Auszug aus dem Frauenhaus. Etwa 150 000 Euro kostet der Betrieb jährlich, das ist nicht viel Geld, doch Catrin Seeger muss jedes Jahr dafür kämpfen. Die Stadt gibt Geld, der Landkreis und umliegende Kommunen geben Geld, auch das Land Brandenburg zahlt. Doch es müsste mehr sein, und ohne Spenden geht gar nichts. Auch die Bewohnerinnen müssen eine Mini-Miete zahlen.

Manuela wird bald 50 Jahre alt. Was aus ihrem Leben wird, das weiß sie nicht. Wo sie künftig leben wird, weiß sie auch nicht. Aber eines weiß sie: „Dass jetzt alles besser ist als vorher.“


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