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Flüchtlinge in Berlin: An den Berliner Universitäten gelingt die Integration

Happy End im Hörsaal (1)

Junge Flüchtlinge informieren sich im Rahmen einer Informationsveranstaltung auf Arabisch zum Studium an der Freien Universität Berlin.

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dpa

Berlin -

Es sind Menschen wie Hannelore Harmsen und Mahmoud Almizel, die die komplizierte Sache mit den vielen Flüchtlingen in Deutschland ganz unkompliziert hinkriegen. Der Exodus aus den Kriegs- und Krisenregionen hat die deutsche Lehrerin und den syrischen Abiturienten im Seminarraum L229 der Freien Universität Berlin (FU) im südlichen Ortsteil Lankwitz zusammengeführt.

Ihr entspanntes Lehrer-Schüler-Verhältnis ist nur ein positives Beispiel unter vielen an den deutschen Hochschulen. Denn es gibt Tausende Geflüchtete, die sich derzeit hier aufs Studieren an einer Uni vorbereiten - und dafür bei allem Bildungshintergrund, Fleiß und guten Willen fachkundige Hilfe brauchen.

Harmsen (64) hat ihre aktive Zeit als Lehrerin eigentlich hinter sich, die Studienrätin für Mathematik und Physik ist seit dem November pensioniert. Aber an diesem sonnigen Montag paukt die so freundliche wie resolute Frau als Dozentin am FU-Studienkolleg mit einem knappen Dutzend junger Männer und Frauen aus Syrien und dem Iran Partialbruchzerlegungen und Wurzelfunktionen.

Almizel (18) meldet sich eifrig im Unterricht - und träumt insgeheim von einem Medizinstudium. Vor neun Monaten kam er nach einer risikoreichen Schlauchboot-Flucht über Griechenland und die Balkanroute in Berlin an. In Damaskus hatte er voriges Jahr ein Abitur mit der Note 1,4 gemacht, weiß aber, dass das für ein Numerus-Clausus-Fach wie Medizin hier nicht reichen wird. Nach weiteren Deutsch- und Mathe-Kursen möchte er im Sommersemester 2017 Maschinenbau studieren, später auf Medizintechnik umsteigen.

Konzentrierte Stimmung in den Vorbereitungskursen

Die Stimmung im Lankwitzer Klassenraum des Vorbereitungskurses für studierwillige Flüchtlinge ist gut. Es wird konzentriert gearbeitet, gegrübelt und zwischendurch gelacht. Die Studenten in spe, darunter zwei syrische Frauen, sprechen konsequent Deutsch - meist erstaunlich gut nach nur wenigen Monaten Aufenthalt. „Alles klar, prima“, „Super gemacht“, aber auch „So geht's nicht“ - Hannelore Harmsen lobt, korrigiert, motiviert. Extra langsam spricht sie nicht. Die Flüchtlinge sollen sich auch in ihrer Mathe-Klasse anstrengen, Deutsch auf Alltagsniveau lernen.

Die Lehrerin aus Leidenschaft ist begeistert von den Schülern, die sie seit Anfang April betreut. „Es macht viel Spaß mit ihnen“, sagt Harmsen. Sie ist überzeugt: „Die meisten werden im Laufe des nächsten Jahres hier studieren.“ Dass dies mehr als ein normaler Kurs mit ziemlich talentierten Mathe-Schülern ist, spürt die aus Kiel stammende Frau selten - sie fragt ganz bewusst nicht andauernd nach den sehr persönlichen Fluchtschicksalen.

Eines davon hat Leen* hinter sich, die aus der Bürgerkriegshölle Aleppo entkam. Die deutsche Gegenwart der 30-Jährigen besteht aus Hoffnung auf eine friedlichere Zukunft - und ständiger Angst um Ehemann und Tochter. Beide sind noch in der zerstörten Heimat und wollen nachkommen. In Syrien hatte Leen Mathematik fast zu Ende studiert, sie braucht in Deutschland fürs Lehramt aber nun ein zweites Fach. „Es ist sehr schwer, wieder ganz neu anzufangen - ich bin ja nicht mehr so jung“, sagt sie. „Aber ich sehe die Zukunft Syriens zu schwarz. Es ist furchtbar dort.“

Erinnerungen sind schwere Last

Fluchterinnerungen und Sorgen um die Familie sind für mehrere Kursteilnehmer eine schwere Last im Alltag. Hinzu kommen Ärger mit der deutschen Asyl- und Hochschulbürokratie, die teilweise schwierige Wohnsituation und immer wieder Sprachkurse. „Aber stressbedingten Streit habe ich in meiner Klasse noch nicht erlebt, alle gehen extrem nett miteinander um“, sagt Harmsen. Sie will ab Herbst weitere Mathematik-Kurse für die FU geben - auch aus grundsätzlicher Überzeugung: „Wir leben hier doch auf der Sonnenseite und haben jetzt die Verpflichtung, etwas abzugeben.“

Harmsens Satz fällt in einer Zeit stark sinkender Begeisterung für das Projekt „Willkommenskultur“ in Deutschland, wie eine aktuelle Studie der Uni Bielefeld Anfang Juli zeigt. Doch die Hochschulen lassen sich davon offensichtlich nicht anstecken.
Unis befreien Flüchtlinge von Gasthörer-Gebühren, ermöglichen ein Schnupperstudium, vergeben kostenlose Bibliotheksausweise und Gratis-Internetzugänge. Hinzu kommen „Willkommens-Cafés“ und private Kontaktangebote. In Intensivkursen wird Deutsch gebüffelt, denn ohne Sprachkompetenz geht nichts im Studium. Überall arbeiten studentische Mitarbeiter mit Geflüchteten in Lernzentren oder -patenschaften, und es werden Sprachlern-Tandems oder auf der persönlichen Ebene „Buddys“ vermittelt.

In Berlin hat das FU-Sprachenzentrum diese Aufgaben übernommen, seit die Universität vor einigen Monaten ein breit angelegtes Welcome-Programm aus dem Boden stampfte. Also sitzen studentische Hilfskräfte wie François Peverali, Lena Weißmann, Patrycja Czarniecka oder Camilo Almendrales an einem Samstagvormittag in ihrem Konversations-Workshop acht jungen Männern aus Syrien und Eritrea gegenüber, um auf Deutsch einen Termin bei der Wohnungssuche und ein WG-Casting zu simulieren.

Flüchtlinge sind dankbar für Alltags-Tipps

Die Flüchtlinge sind dankbar für jeden Tipp, denn nach den ersten Monaten in einer Turnhalle müssen sie sich auf dem engen Berliner Wohnungsmarkt zurechtfinden. „Ich bin superbeeindruckt von diesen Leuten“, sagt Weißmann. „In nur zehn Monaten eine fremde Sprache so gut zu lernen... Die werden es auch packen, hier demnächst zu studieren.“ Und Czarniecka sagt einen Satz, der sich aus dem Mund von Politikern meist viel kühler, oft drohend anhört: „Sprache ist der Schlüssel, um ein Teil der Gesellschaft zu sein.“

Die Syrer Maher Dhman und Housam Shanan sind nach dem Stress der Flucht voller Hoffnung, dass sich nach dem Kursraum KL25/201 bald auch der Uni-Hörsaal für sie öffnet. Oft werden technische und naturwissenschaftliche Studiengänge angesteuert - die Sprachhürde ist hier nicht ganz so hoch wie in den Geisteswissenschaften.

Starker Ehrgeit, Deutsch zu lernen

Für Maria Giovanna Tassinari, Leiterin des Selbstlernzentrums der FU, sind die Anfang 2016 gestarteten Workshops „ein schönes Projekt, bei dem Eigeninitiative und Engagement Früchte tragen“. Wer hierhin komme, bringe großen Ehrgeiz mit, schnell Deutsch zu lernen, und könne damit bald fit sein für ein reguläres Studium. Anfangs saßen zeitweise 20 bis 30 Flüchtlinge in dem Raum, da wurde es eng. Für das Wintersemester erwartet Tassinari erneut steigendes Interesse von Geflüchteten mit Studierwunsch.

Das wäre auch Florian Kohstall recht, der das Welcome-Programm der FU Berlin leitet und fortführen möchte. Es sei nicht immer ganz einfach, an die neu angekommenen Studieninteressierten heranzukommen, nicht alle fänden Zugang zu den Info-Angeboten der Uni. „Wir wissen immer noch relativ wenig über die Bedürfnisse der Flüchtlinge, manche sind in ihren Unterkünften nur schwer zu erreichen. Wir wollen daher jetzt noch stärker mit den Wohlfahrtsverbänden ins Gespräch kommen“, sagt Kohstall.

Der 42-Jährige ist Leiter des FU-Verbindungsbüros in Kairo, arbeitet wegen der neuen Zuständigkeit für das Welcome-Projekt aber derzeit überwiegend in Berlin. Kohstall sieht hinter der dramatischen Exodus-Geschichte auch eine seltsame Ironie: „Früher haben wir die Menschen in der Region für ein Studium in Berlin angeworben, jetzt kommen viele als Flüchtlinge zu uns.“

Dass gerade der Start an einer deutschen Hochschule oft schwer ist, erlebt Sarah Hostmann vom FU-Team Studienberatung. Manchmal gebe es Probleme, weil die fürs Studium nötigen Dokumente fehlen. „Verzweiflung spürt man, wenn es überraschend bürokratische Hürden gibt. Oft müssen wir auch das Studiensystem an sich erklären und die Abgrenzung zu den Ausbildungsberufen.“ Die 33-Jährige ist „aber eigentlich erstaunt, wie gut informiert die meisten in unsere Beratung kommen - und dass sie tatsächlich sehr konkret wissen, was sie hier an der Uni machen wollen“.

Wer bei Hussein Kayed auftaucht, ist noch ganz am Anfang. Der Lehramtsstudent, selbst palästinensischer Syrer, gibt im Auftrag der FU Einsteiger-Abende für Flüchtlinge - auf Arabisch. Seine Zuhörer können kaum Deutsch, es sind „oft Menschen, die noch gar nicht wissen, wie sie starten sollen“. Kayed erklärt ihnen das deutsche Hochschulwesen, das große Angebot seiner Uni mit 180 Studiengängen und rund 36.000 Studierenden, er informiert über Bewerbungsfristen, Sprachkurse und die Chance auf Bafög.

Großes Angebot an geflüchtetet Studenten

Das Interesse der Flüchtlinge ist auch hier groß. Am Ende zeigt Kayed Bilder vom FU-Campus, von einem Hörsaal und einer Mensa. Die Augen leuchten - hier wollen alle schnell hin. Die Hoffnung auf ein Studium eint die Menschen in diesem schmucklosen Raum.

Der Bauingenieur Joachim Wübbe besucht den Info-Abend als „Pate“ von Marwa Khaled (27), die in Damaskus Psychologie studiert hat. Er wünscht seinem Schützling nur das Beste, weiß aber auch: „Wenn's gut läuft, kriegt sie zwei Drittel ihrer Abschlüsse hier anerkannt. Es ist noch ein weiter Weg.“ (Werner Herpell, dpa)

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