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Flüchtlinge in Berlin: Berlin sucht Lehrer für Willkommensklassen

In der Willkommensklasse: Lehrerin Anna Schuhmacher mit Lamis (2.v.l.) und Youssef (r.) aus Syrien.

In der Willkommensklasse: Lehrerin Anna Schuhmacher mit Lamis (2.v.l.) und Youssef (r.) aus Syrien.

Foto:

Gerd Engelsmann

Viele Frauen und ein paar Männer sitzen auf Stühlen draußen auf dem Gang. Drinnen im Raum 40 des Schulkomplexes in Westend warten drei Schulleiter darauf, den passenden Lehrer für die vielen Flüchtlingskinder zu finden, die derzeit nach Berlin kommen. Immer mehr Willkommens-klassen für Schüler ohne Deutschkenntnisse werden an Schulen eingerichtet. Bereits 478 Lerngruppen sind es. Es wird schwieriger, hierfür qualifizierte Lehrer zu finden.

Eine der Bewerberinnen ist Marlene Bergermeier. Wie viele hier hat sie Deutsch als Fremdsprache studiert und schlägt sich mit Honorarverträgen durch. Marlene Bergermeier unterrichtet Deutsch an einer privaten Ausbildungsstätte für berufsqualifizierende Maßnahmen. Dort wird man stundenweise bezahlt, die Einkünfte liegen bei 16 bis 22 Euro pro Unterrichtsstunde. Lohnfortzahlung im Krankheitsfalle gebe es nicht, auch Sozialabgaben spare sich der Arbeitgeber so, sagt sie. „Es scheint aber keinen zu interessieren, dass das so ist.“

Andere Bewerberinnen arbeiten ebenfalls bei privaten Sprachschulen für Menschen ohne Deutschkenntnisse oder in den Inte-grationskursen, die auch die Volkshochschulen anbieten. Meist befristet. So auch Gudrun Nebe. Sie hat schon arabischsprachigen Kindern Deutsch beigebracht. „Diese Kinder kennen das lateinische Alphabet ja nicht“, sagt sie. Mit syrischen Flüchtlingskindern etwa müsse man stärker mit Symbolbildern arbeiten. Und Laute wie „sch“ oder „ck“ würden Menschen, die Arabisch sprechen, oft besondere Schwierigkeiten machen, sagt Gudrun Nebe, die seit Jahren in Integrationskursen der Volkshochschule Tempelhof-Schöneberg arbeitet. Stets befristet bis zu den Sommerferien.

Drinnen im Raum 40 werden den Bewerbern vor allem drei Fragen gestellt: Welche Qualifikation haben Sie für Ihre Lehrtätigkeit mit Gruppen ohne deutsche Sprachkenntnisse? Was ist Ihre Motivation? Und können Sie Erfahrungen mit Kriegs- oder Krisenkindern einbringen?

Editha Lemke hat bei der letzten Frage darauf hingewiesen, dass sie in Bolivien mit Straßenkindern gearbeitet hat und diesen sogar beibrachte, Spanisch zu lesen und zu schreiben. Die 34-Jährige war nämlich vor Jahren nach Südamerika ausgewandert, jetzt ist sie zurück in Deutschland. Verständnis, Einfühlungsvermögen und Geduld seien für die Arbeit in einer Willkommensklasse wichtig, sagt Editha Lemke, die Germanistik und Deutsch als Fremdsprache studiert hat und zuletzt bei einer privaten Sprachschule gearbeitet hat.

Auch im staatlichen Schuldienst sollen die meisten Willkommensklassen-Lehrer erst einmal befristet bis zu den nächsten Sommerferien beschäftigt werden. Doch angesichts der vielen Flüchtlingskinder rechnen die Bewerber, die in der Regel kein reguläres Lehramtsstudium aufweisen, damit, irgendwann fest übernommen zu werden. Ihre Aufgabe ist es, den Schülern die deutsche Sprache so gut zu vermitteln, dass sie spätestens innerhalb eines Jahres in eine Regelklasse wechseln können. Oft klappt es schon nach wenigen Monaten. Nur Flüchtlingskinder im Einschulungsalter kommen gleich in die Regelklasse. Die Faustregel: Je jünger das Kind, desto schneller lernt es.

An diesem Tag wählen die Leiter der drei Schulen in Charlottenburg-Wilmersdorf ihre drei Lieblingskandidaten aus. Aber die übrigen Bewerber kommen auf die Prioritätenliste, so Schulrätin Karin Babbe, und erhalten einen Vertrag, sobald neue Lerngruppen aufgemacht werden. Maximal zwölf Kinder ohne Deutschkenntnisse sollen in einer Willkommensklasse sein. Derzeit haben viele neu eingerichtete Lerngruppen noch freie Plätze. Doch das wird sich schnell ändern.