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Flüchtlinge in Berlin: Jeder fünfte Berliner stört sich an Flüchtlingen

Setzen sich für Bewegungsfreiheit ein: Die Flüchtlinge im Camp am Berliner Oranienplatz.

Setzen sich für Bewegungsfreiheit ein: Die Flüchtlinge im Camp am Berliner Oranienplatz.

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dpa

Berlin -

Kürzlich veröffentlichte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), dass die Zahl der Asylbewerber deutschlandweit im ersten Halbjahr 2013 um 86,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gestiegen ist. Auch in Berlin kommen immer mehr Flüchtlinge an, der Senat sucht dringend nach Unterkünften, tausend Plätze fehlen.

Auch wenn in der Stadt Konflikte um Asylbewerber schwelen, zeigt sich die Mehrheit der Berliner tolerant. Allerdings gibt es eine nicht unbedeutende Minderheit von 21 Prozent, die sich nach eigenem Bekunden gestört fühlen würde, wenn in ihrer direkten Nachbarschaft eine Flüchtlingsunterkunft eingerichtet werden würde. Auf diesen Bevölkerungs-teil dürften sich die Bemühungen rechtsradikaler Parteien richten, die versuchen, die Flüchtlingsproblematik für den Wahlkampf zu benutzen. Auf einer Anwohnerversammlung neulich in Hellersdorf hatte die NPD damit bereits Erfolg. Die Forsa-Umfrage im Auftrag der Berliner Zeitung wurde danach durchgeführt, zwischen dem 16. und dem 25. Juli 2013. 1005 Menschen wurden befragt.

Zwei Drittel der Befragten (65 Prozent) haben sich gegen Stadtrand-Ghettos ausgesprochen, sie sind dafür, dass Flüchtlinge in Wohngebieten in der Stadt untergebracht werden. Trotz des Wirbels um Hellersdorf: Es fällt auf, dass die Ablehnung von Flüchtlingen in der Nachbarschaft im Ostteil nicht wesentlich größer ist als im Westen. Im Osten würden sich 23 Prozent der Befragten „stark“ oder „sehr stark“ gestört fühlen, im Westen 19 Prozent. Am stärksten ist die Ablehnung von Flüchtlingen im Kiez bei über 45-Jährigen und CDU-Wählern.

9 Prozent sehen etwas Positives

Was die Hintergründe der steigenden Asylbewerberzahlen angeht, gibt es offenbar Aufklärungsbedarf in der Bevölkerung. Laut BAMF stammen die meisten Flüchtlinge aus Kriegsgebieten wie Tschetschenien, Syrien und Afghanistan. Über die Hälfte bekommt wegen drohender Verfolgung einen Schutzstatus. Trotzdem glauben 63 Prozent der Befragten, dass die meisten Zuwanderer aus wirtschaftlichen Motiven kommen. Besonders verbreitet ist diese Auffassung unter CDU-Anhängern. Je mehr man nachfragt, desto stärker wird deutlich, dass die Berliner bei aller Toleranz auch Ängste und Sorgen mit Flüchtlingsheimen verbinden.

Die Hälfte der Berliner ist der Meinung, dass die Unterkünfte Auswirkungen auf den Stadtteil haben, in dem sie liegen. Wenn man sich bei diesen Befragten erkundigt, welche Folgen das sein könnten, ohne Antworten vorzugeben, nennen 29 Prozent in freier Assoziation steigende Kriminalität und Gewalt, 18 Prozent soziale Spannungen, 16 Prozent mehr Müll. 9 Prozent sehen auch etwas Positives – und erwarten einen Kulturaustausch. Ob es sich dabei um Aktivisten des provisorischen Flüchtlingscamps auf dem Oranienplatz handelt, ist unbekannt.

Sorge über steigende Kriminalität

Der Staatssekretär für Inneres, Bernd Krömer (CDU), ist auf die Ängste kürzlich im Zusammenhang mit dem Flüchtlingscamp eingegangen. In einem Brief an den scheidenden Bezirksbürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg, Franz Schulz (Grüne), drückte er seine Sorge über steigende Kriminalität rund um den Platz aus. Seit September 2012 habe sich die Sicherheitslage in Teilbereichen verschlechtert. Die Polizei kann das zwar nicht direkt nachweisen, aber Schlagzeilen machte eine Messerstecherei zwischen einem Anwohner und einem Flüchtling, zuletzt kursierten Vergewaltigungsvorwürfe. Schulz’ designierte Nachfolgerin, Monika Herrmann, will das Camp aber auch nicht auflösen.