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Flüchtlinge in Berlin: Wohnplatz in modularer Flüchtlingsunterkunft kostet 40.000 Euro

Zukunftsvision: So sollen die modularen Unterkünfte für Flüchtlinge aussehen. Hinten sind die Wohnplätze, im Vordergrund ein Gemeinschaftsraum.

Zukunftsvision: So sollen die modularen Unterkünfte für Flüchtlinge aussehen. Hinten sind die Wohnplätze, im Vordergrund ein Gemeinschaftsraum.

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senstadtum

Die Suche ist nicht leicht. An 60 Standorten in Berlin sollen Flüchtlingsunterkünfte für insgesamt 24.000 Menschen errichtet werden – das entspricht der Einwohnerzahl einer Stadt wie Bad Kissingen in Bayern oder Apolda in Thüringen. Rund 50 Standorte für die Flüchtlingsunterkünfte wurden im Auftrag des Senats bereits ermittelt. Doch gegen sie werden immer neue Einwände aus den Bezirken erhoben. Überraschend ist das nicht: Die Bezirke waren an der Auswahl der Flächen nicht beteiligt.

Neuköllns Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) sagte am Mittwochabend in der Bezirksverordnetenversammlung, es gebe „starke Bedenken“ gegen die geplante Bebauung des Grundstücks am Schlosserweg 1b. Dort sei der Mitmach-Zirkus „Mondeo“ beheimatet, ein „integrationspolitisches Leuchtturmprojekt von Neukölln“. Eine Einigung könne nur dann erzielt werden, so Giffey, „wenn adäquate Ersatzflächen zur Verfügung gestellt werden können“.

Andere Bezirke hatten sich schon vorher mit Kritik zu Wort gemeldet. So verwies Lichtenbergs Bürgermeisterin Birgit Monteiro (SPD) darauf, dass ein Bauareal in Karlshorst mit Schadstoffen belastet sei und damit kaum geeignet wäre. Und Pankows Bezirkschef Matthias Köhne (SPD) erklärte, dass in Buch Erweiterungsflächen für den biomedizinischen Campus wegfallen würden, wenn dort modulare Bauten entstehen.

Senator Andreas Geisel: „Nehmen jeden Einwand ernst“

Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD), der bis vor einem Jahr noch als Bürgermeister von Lichtenberg amtierte, will sich durch die Einwände nicht stoppen lassen. „Die Bezirke können nicht bremsen“, sagte er zur Berliner Zeitung. Denn die Flüchtlingsbauten würden zentral von der Stadtentwicklungsbehörde genehmigt. „Wir nehmen natürlich jeden Einwand ernst“, sagte Geisel. Hinweise, beispielsweise auf Altlasten, würden geprüft. „Aber es wird zum Schluss nicht an der Genehmigung eines bezirklichen Stadtplanungsamtes hängen“, ob die Unterkünfte für Flüchtlinge entstehen, stellte der Senator klar.

Die Suche nach geeigneten Standorten ist schwierig. Etwa 10.000 Quadratmeter muss ein Grundstück groß sein, damit es sich für eine Bebauung eignet. Auf den Grundstücken sollen Flüchtlingsunterkünfte in modularer Bauweise entstehen. Das sind bis zu fünfgeschossige Bauten, die aus überwiegend vorgefertigten Teilen zusammengesetzt werden.

Die ersten rund 50 Standorte verteilen sich zwar auf fast alle Bezirke, eine starke Konzentration ist jedoch in Lichtenberg, Pankow, Marzahn-Hellersdorf und Treptow-Köpenick festzustellen. Auch das stößt auf Kritik. „Die Standortliste muss gewährleisten, dass die Modulbauten auf alle Bezirke verteilt werden“, fordert der Grünen-Abgeordnete Andreas Otto, Vorsitzender des Bauausschusses. Bisher sind in Tempelhof-Schöneberg, Mitte und Charlottenburg-Wilmersdorf keine modularen Unterkünfte geplant.

Noch wird freilich nach geeigneten Flächen gefahndet. „Wir suchen weiter bis zu 90 Standorte, sodass wir dann die 60 geeignetsten zur Umsetzung bringen“, erklärte Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen (SPD). Zu den prominenten Grundstücken, die für eine Bebauung in Betracht kommen, gehört die Lungenklinik Heckeshorn in Wannsee, das Areal der ehemaligen Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik in Wittenau und die Schmidt-Knobelsdorf-Kaserne in Spandau.

Mangelnde Baukultur beklagt

Die ersten modularen Unterkünfte für Flüchtlinge sollen jedoch in Marzahn-Hellersdorf entstehen: An der Martha-Arendsee-Straße 17 (Märkische Allee) und an der Wittenberger Straße 16/18 sind jeweils Unterkünfte für 450 Menschen geplant. Die Projekte wurden bereits ausgeschrieben, die Bauplanungsunterlagen mit Kosten in Höhe von 17,6 Millionen und 17,8 Millionen Euro genehmigt, wie aus einer Vorlage der Finanzverwaltung für den parlamentarischen Hauptausschuss hervorgeht.

Das heißt, dass ein Wohnplatz fast 40.000 Euro kostet. Preiswert wäre der Bau damit nicht. Die Finanzverwaltung versuchte denn auch zu beschwichtigen. Die Zahlen seien „konservativ“ gerechnet, sagte Behördensprecherin Eva Henkel. „Wir gehen davon aus, dass es günstiger wird.“ Der Grünen-Abgeordnete Otto sagte: „Jetzt rächt sich, dass die Ausschreibung auf einen Bautyp eingeschränkt war und der Wettbewerb willentlich eingeschränkt wurde.“

Grüne und Linke haben mit dem Bau modularer Unterkünfte aber noch ein grundsätzliches Problem: „Eine Integration der Flüchtlinge kann nur gelingen, wenn sie in Wohnungen untergebracht werden“, sagte die Linken-Abgeordnete Katrin Lompscher. „Mit dem geplanten Bau der modularen Unterkünfte wird diese Chance vertan. Denn das sind Gemeinschaftsunterkünfte.“

Während Containerdörfer für Flüchtlinge nur für begrenzte Zeit stehen, sollen die modularen Bauten sehr viel länger bleiben. In der ersten Ausschreibung wurde eine Lebensdauer bis zu 100 Jahre verlangt. Die Architektenkammer sorgt sich denn auch um das Stadtbild. Das Wort Baukultur komme „nicht mehr vor“, kritisierte die Kammer. „Architektur wird scheinbar als überflüssiger Luxus betrachtet, für den jetzt weder Zeit noch Geld vorhanden sei.“ Das werde sich nach Expertenansicht rächen. (mit ziv.)