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Flüchtlinge in Kreuzberger Schule: Endstation der Heimatlosen

Am Zaun auf dem Sportplatz trocknet Wäsche. In der Baracke dahinter befindet sich die Gemeinschaftsküche.

Am Zaun auf dem Sportplatz trocknet Wäsche. In der Baracke dahinter befindet sich die Gemeinschaftsküche.

Foto:

BLZ/Lars Reimann

Sista Mimi steht auf dem Flur und regt sich auf. Ihr ist kalt, obwohl sie eine Fleecejacke trägt und sich noch die kenianische Flagge umgewickelt hat. Sista Mimi stammt aus Kenia und hat „keinen Bock mehr“, wie sie sagt. Sie hat es satt, in einem Raum zu leben, den sie ihr Schlafzimmer nennt, aber der eigentlich ein leer stehendes, zugiges Klassenzimmer ist. In einer alten Schule in Kreuzberg, die nie als Flüchtlingsheim gedacht war. Sista Mimi hat es satt, dass die Türen nicht verschließbar sind, seit sie von der Polizei während einer Razzia im vergangenen Winter aufgebrochen wurden.

Überhaupt steht der Winter vor der Tür, zumindest fühlt es sich an diesem kühlen Montag so an, wenn der Wind kräftig durch die zerbrochenen Scheiben im Gebäude zieht. Das Wasser im Haus fließt nur kalt, die Heizung funktioniert nicht, und das, was als Herd im Gemeinschaftszentrum dient, ist ein einflammiger, schmutziger Flüssiggaskocher auf einem alten Aktenschrank. Springt ein Funke über, brennt die Bude, die einige Hundert Menschen seit einem dreiviertel Jahr ihr Zuhause nennen.
Solange ist es her, dass sich Flüchtlinge vom Oranienplatz und deutsche Aktivisten in der leer stehenden Gerhart-Hauptmann-Schule an der Ohlauer/Ecke Reichenberger Straße einquartiert haben. Auch Sista Mimi, wie sie sich nennt, 34 Jahre alt, DJ von Beruf und schon lange in Deutschland, lebt hier, seit sie aus ihrer Wohnung um die Ecke zwangsgeräumt wurde. Auch andere, die obdachlos wurden, seien hier, sagt sie, aber wie viele und woher, weiß niemand so genau, „die Leute kommen und gehen den ganzen Tag“. Viele seien Muslime, vor allem Afrikaner, „viele sind mit dem Boot gekommen. Männer. Die sind fast alle traumatisiert.“

Sie wickelt die Flagge fester um ihren schmalen Körper. „Kommen Sie, ich zeige, wo die Probleme sind.“ Oben, in der Aula zum Beispiel. Ungefähr zwanzig Matratzen liegen auf dem Boden, auf manchen schläft jemand. An der Wand steht: „Give me freedom or Give me death.“ „Die Menschen hier haben ihre Stimme verloren“, sagt Mimi, „deshalb schreiben sie ihre Gefühle auf die Wände.“ Alle Scheiben in der Aula sind zerbrochen. Warum ist das so? „Unterschiedlich“, sagt Mimi zögernd. Manche haben die Männer selbst eingeworfen. Viele seien traumatisiert „und wenn sie trinken, wird es noch schlimmer“. Deutsche Punks kämen auf das Gelände und verkauften Alkohol.

Auch im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg weiß man um die Zustände in der ehemaligen Schule. Baustadtrat Hans Panhoff (Grüne) will sich am Freitag mit Leuten aus dem Haus treffen, um „Vertrauen zu fassen“ und ein paar der Probleme zu regeln. „Es kann so nicht weitergehen, das ist klar“, sagt Panhoff, er klingt etwas resigniert am Telefon. In dem Gebäude wohnten „viel zu viele Menschen“, so 200 bis 250. Der Bezirk sorge für Wasser, Strom, Müllabfuhr, Leitungsreparaturen, die Kosten gingen „in die Tausende“, schätzt Panhoff. Man wolle die Menschen, die teils in höchster Not gekommen seien, vor dem Winter nicht auf die Straße setzen. Er setze nun auf die Kooperationsbereitschaft der Bewohner, sagt der Stadtrat. Große Pläne wie ein „Projekte-Haus“, das in dem Gebäude entstehen sollte, sind vorerst aufgeschoben.

Sista Mimi steigt ein Stockwerk tiefer, dort wohnen mehrere Roma-Familien. Hier ist es ordentlicher, Wäsche hängt zum Trocknen über Pulten, Teppiche liegen auf dem Boden. Aber ein Herd mit einer fettigen Pfanne steht direkt daneben, die Toiletten stinken, die Urinale sind abgebrochen. Zwei Kinder fahren auf dem Gang Fahrrad. Sie tragen keine Strümpfe und keine Jacke. „Das ist zu kalt“, sagt Mimi. „Bitte schreiben Sie, dass wir Decken und Kleidung brauchen, vor allem Decken. Und einen großen Kühlschrank. Und die Kinder müssten in die Schule.“ (mit jan.)



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