blz_logo12,9

Flüchtlinge: Ohne Grenzen

Torwart Ali Ahmadi stammt aus Afghanistan.

Torwart Ali Ahmadi stammt aus Afghanistan.

Foto:

xyxyxyxyxyxy

Ein Kunstrasenplatz in Kreuzberg. Ali Ahmadi, ein junger Torwart von kräftiger Statur, hat durch einen waghalsigen Sprung einen Elfmeter gehalten. Doch der Schütze hat nachgesetzt und den zurückprallenden Ball über die Torlinie geschoben. Der 20-jährige Ahmadi schlägt mit der flachen Hand verärgert auf den Rasen. Mitspieler und Gegner klopfen ihm auf die Schultern, lachen. „Selbst wenn wir verlieren, haben wir Spaß“, sagt Ali Ahmadi. „Hier sind die Probleme ganz weit weg.“ Ahmadi gehört zu den „Champions ohne Grenzen“, einem Projekt, das Flüchtlinge jeden Mittwoch an der Wrangelstraße zusammenführt.

Ali Ahmadi stammt aus Afghanistan. Im Alter von zehn Jahren ist er in den Iran geflüchtet. Er hat dort keine Schule besucht, sondern als Tischler gearbeitet, immer wieder wurde er ausgegrenzt und bedroht. 2010 brach er nach Europa auf, sein gespartes Geld überließ er den Fluchthelfern. Die Route führte ihn über die Türkei nach Griechenland, von Italien über Frankreich nach Deutschland. Er übernachtete in einem türkischen Eselstall, musste sich von griechischen Polizisten freikaufen, schlief in Paris auf der Straße. Das schlimmste auf seiner zwei Monate dauernden Flucht, sagt er, war die Überfahrt nach Italien: „Wir waren 72 Leute in einem kleinen Schiff, es gab keinen Platz zum Schlafen. Ich habe versucht zu essen, aber dann habe ich mich umso mehr übergeben.“ Drei Tage dauerte die Fahrt, geplant waren acht Stunden.

Viele der dreißig Flüchtlinge, die in Kreuzberg kicken, haben ihr Leben riskiert, um in Freiheit noch einmal neu anfangen zu dürfen. Sie stammen aus dem Irak, Bangladesch oder Mali, aus dem Iran, Kamerun oder Palästina. „Champions ohne Grenzen“ besteht seit April 2012, in Kooperation mit der Kontakt- und Beratungsstelle für Flüchtlinge und MigrantInnen (Kub) und dem Kreuzberger Verein FSV Hansa 07. „Für die Flüchtlinge ist Fußball eine wichtige Ablenkung“, sagt Trainerin Carolin Gaffron. Sie spielt seit ihrem 11. Lebensjahr Fußball, studiert Kulturwissenschaften und engagiert sich für soziale Themen, ihre Initiative heißt: „...weil Fußball verbindet.“ Gaffron sagt: „Oft bleiben die Flüchtlinge unter sich. Der Fußball fördert die Internationalität, davon profitieren sie später in ihrer Arbeit.“

Nach jedem Training vermittelt Carolin Gaffron Kontakte, zu Sprachlehrern, Ärzten, Anwälten. Sie übersetzt Formulare, plant Behördengänge. Und sie bittet die Spieler, aktiv zu werden. Die „Champions ohne Grenzen“ bestreiten Freundschaftsspiele, nehmen an Turnieren teil, beteiligen sich an Kundgebungen gegen Rassismus und treten bei Stadtteilfesten auf. Das Projekt will medialen Klischees entgegen wirken, gerade jetzt, da Rechtsextreme ein geplantes Asylbewerberheim in Hellersdorf nutzen, um Stimmung gegen Migranten zu schüren. „Entweder werden Flüchtlinge als Sozialschmarotzer oder als arme Opfer in dreckigen Wohnheimen dargestellt“, sagt die 31-jährige Gaffron. „Bei uns dürfen sie normale Menschen sein. Sie können Freunde treffen und Spaß haben – sie brauchen keine Erwartungen von außen erfüllen.“

Ali Ahmadi hat kaum noch Kontakt zu Freunden und Verwandten in Afghanistan. Seine Aufenthaltserlaubnis für Deutschland endet 2014. Ahmadi sagt, er möchte sich so gut wie möglich integrieren. Er hat Sprachkurse absolviert, eine kleine Wohnung in Steglitz bezogen. Er geht zur Volkshochschule, möchte sein Abitur ablegen. In seiner Freizeit spielt er in einer Theatergruppe und hilft anderen Flüchtlingen. „Ich möchte eine Familie gründen, und wenn ich es schaffe, möchte ich studieren“, sagt er. „Mein Traum ist es, Arzt zu werden.“ Die „Champions ohne Grenzen“ wollen ihr Angebot auf Flüchtlingsheime ausweiten. Eine Mannschaft für Kinder gibt es schon in Marienfelde, sie sind zwischen acht und zwölf Jahre alt. Einer ihrer Trainer ist Ali Ahmadi. Lange fühlte er sich auf der Flucht hin und her gestoßen, doch nun gibt er selbst die Richtung vor.



Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?