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Flüchtlingsbauten am Tempelhofer Feld: Architekt warnt vor perfider Strategie des Senats

Auf dem Vorfeld des ehemaligen Flughafens Tempelhof sollen auf einer Fläche von rund 225.000 Quadratmetern soziale Einrichtungen entstehen.

Auf dem Vorfeld des ehemaligen Flughafens Tempelhof sollen auf einer Fläche von rund 225.000 Quadratmetern soziale Einrichtungen entstehen.

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Imago/euroluftbild.de

Die umstrittene Unterbringung von Flüchtlingen auf dem Tempelhofer Feld soll an diesem Donnerstag im Abgeordnetenhaus beschlossen werden. Die rot-schwarze Koalition will das durch Volksentscheid entstandene Tempelhof-Gesetz ändern. Es verbietet eine Bebauung. Der Architekt und Vize-Direktor der Sektion Baukunst an der Akademie der Künste Wilfried Wang sieht diese Pläne sehr kritisch. Wäre ein Erstsemestler mit so einem Entwurf zu ihm gekommen, hätte er ihn weggeschickt, sagt Wang.

Das Abgeordnetenhaus stimmt am heutigen Donnerstag über Änderungen am Tempelhof-Gesetz ab, um zeitlich befristet Unterkünfte für Flüchtlinge zu errichten. Was spricht aus planerischer Sicht dagegen?

Selbst, wenn man der Not geschuldet dort Menschen unterbringen muss, ist die Positionierung der Objekte mit diesen Abständen weder effizient noch notwendig oder sachlich begründet.

Der Entwurf sieht infrastrukturelle Einrichtungen auf dem Vorfeld vor den Hangars vor, dazu fünf Bauten, die innerhalb der sogenannten äußeren Gebietsgrenze liegen, die das Tempelhofer Feld markiert. Dort sollen jeweils rund 700 Menschen unterkommen.

Wenn man alle Objekte durchgeht, gibt es sechs Bereiche, auf denen diese Bauten errichtet werden könnten, ohne auf das Feld auszuweichen. Es gibt bereits Sportflächen auf dem Tempelhofer Feld, sie müssen nicht auf einer Betonfläche mit Kunstrasen ausgelegt werden. Dieses Geld kann man grundsätzlich sparen. Momentan sind die Küchen dezentral, es gibt keinen Grund, dieses System nicht weiterzuführen. Wenn Sie sich vorstellen, es müssten 3500 Menschen, die in diesen fünf Hallen untergebracht wären, bei einer Großküche anstehen – bis alle versorgt sind, sind Stunden vergangen.

Auf einer Infoveranstaltung mit Senatsvertretern sagten Sie vergangene Woche, wenn ein Student im ersten Semester mit so einem Entwurf zu Ihnen käme, würden Sie ihn wegschicken.

Man muss kein Architektengenie sein, um eine gewisse Effizienz in diese Planung zu bringen. Wenn man Menschen dort unterbringen muss, ist dies auf dem Vorfeld möglich. Mit welcher Notwendigkeit wird diese Gesetzesänderung also betrieben? Da bleibt nur der Schluss, dass ein Fuß in die Tür gesetzt werden soll, um später eine Bebauung vorzunehmen.

Gehen wir davon aus, dass es diese Hintergedanken im Senat nicht gibt: Die Pionierprojekte sollen laut Entwurf unberührt bleiben, Wiese und Taxiway am Columbiadamm ebenfalls. Am Tempelhofer Damm soll die Nutzung der Wiese geringfügig eingeschränkt werden. Sind diese Maßnahmen nicht verkraftbar, sofern sie vorübergehend sind?

Man schaut sich den Flächenbedarf an, sieht die Positionierung der Objekte und merkt: Es handelt sich beim Vorfeld um eine sehr große Fläche mit mehr als ausreichend Platz für die Objekte, Verkehrsflächen und Notfallwege. Der Entwurf legt dar, wie unüberlegt hier vorgegangen wurde. Oder wie überlegt, um scheinbar darzulegen, dass es notwendig ist, Flächen auf dem Feld zu belegen.

Konkurrenz um bezahlbaren Wohnraum besonders in der Innenstadt gab es schon vor dem dramatischen Anstieg der Flüchtlingszahlen, der Bedarf ist nun noch größer. Wie ist stadtplanerisch darauf zu reagieren?

Mittlerweile hat sich bei Politikern herumgesprochen, dass eine Veräußerung von Flächen im öffentlichen Besitz zu Höchstpreisen keine sozial nachhaltige Politik sein kann. Man muss sich klar werden: Will man sozialen Wohnungsbau haben? Muss er zwangsläufig aussehen wie die Gropiusstadt?

Welche Alternativen sehen Sie?

Man muss Wohnungsbau nicht mehr über große Wohnungsbaugesellschaften in riesigen Strukturen umsetzen, sondern kleinteilig, vielleicht mit mehreren Architekten, die unterschiedliche Vorstellungen haben, was eben auch zu unterschiedlichen Modellen und Wohnungsbautypen führt. Es geht darum, dass man aus dem sehr wirtschaftlichen Denken wieder ein soziales und vielfältiges Denken macht. Aber SPD und CDU gehen noch immer davon aus, dass die Wohnungsbaugesellschaften die Kompetenz und Finanzkraft haben, große Wohneinheiten schnell zu errichten.

Sie plädieren für mehr privaten Wohnungsbau?

Nein, es muss eine Mischung an möglichen Finanzierungsoptionen geben, es kann nicht mehr darum gehen, auf Masse zu bauen, also 1000 Einheiten durch eine Wohnungsbaugesellschaft und nur ein Planungsbüro. Die Argumentation, dass durch die Vervielfältigung von Wohntypen eine Kostenersparnis zu erreichen ist, führt dazu, dass wir wieder monotone Siedlungen bekommen. Wir vermissen dort soziokulturelle Einrichtungen, Kitas, Schulen, Bibliotheken, auch Restaurants und Cafés. Ohne die Mischung von Nutzung wird es keine humane Stadtentwicklung geben. Es gilt, diese Einsicht in den Köpfen der Politiker einzupflanzen, um die Fehler der 60er- und 70er-Jahre zu vermeiden.

Anfang der 90er-Jahre gab es das Stadtforum, in dem über die Gestaltung des neuen Berlins diskutiert wurde. Brauchen wir heute nicht mehr Debatte darüber, wie Berlin in 30 Jahren aussehen soll?

Doch, natürlich. In den 90er-Jahren sind viele in den Speckgürtel gezogen, Berlin ist nicht mehr so schnell gewachsen. Das hat sich drastisch geändert, aber man hat diese Veränderung des Zuzugs nicht gespürt. Der berühmte Satz von Klaus Wowereit war, dass Mietsteigerungen doch toll seien.

Die Entwicklung wurde politisch begrüßt.

Richtig, weil der Mief, der Berlin anhing, vermeintlich abgehängt werden konnte. Natürlich ist Glamour ein Teil dieser Stadt, aber es ist auch ein Großteil der Bevölkerung nicht in der Lage, Eigentum zu bilden oder Mietpreise über zwölf Euro pro Quadratmeter zu zahlen. Berlin hat noch riesige Flächen, die entwickelt werden könnten.

Das Gespräch führte Torsten Landsberg.



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