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Flüchtlingscamp Kreuzberg: Das Camp bleibt

Soll zum permanenten Stützpunkt für den Protest der Flüchtlinge gegen die deutsche Asylpolitik werden: das Zeltdorf am Oranienplatz in Kreuzberg.

Soll zum permanenten Stützpunkt für den Protest der Flüchtlinge gegen die deutsche Asylpolitik werden: das Zeltdorf am Oranienplatz in Kreuzberg.

Foto:

Gerd Engelsmann

Berlin -

Ahmed Hamoul steht in einem Zelt am Oranienplatz in Kreuzberg vor einer Plastikwanne und putzt routiniert Salatblätter. Hinter ihm braten andere Mitglieder der Kochgruppe Erdnüsse und Karotten in riesigen Pfannen an. Auf dem Tisch liegen frischer Schnittlauch und andere Kräuter, in der hintersten Regalecke sind fein säuberlich Dutzende Gläser Spreewaldgurken aufgereiht. Nicht nur das Küchenzelt des Protestcamps der Flüchtlinge ist inzwischen professionell organisiert. Nach drei Monaten am Oranienplatz haben sich die Flüchtlinge auch sonst darauf eingestellt, dauerhaft dort zu bleiben.

Zwar hat der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg ihnen die leerstehende Gerhart-Hauptmann-Schule an der Reichenberger Straße für die Winterzeit als Schlafplatz und Kälteschutz überlassen. Doch die Schule, sagte Camp-Koch Hamoul, diene ihnen lediglich als Rückzugsort. „Das Camp ist dagegen unsere politische Basis, es soll den Protest nach außen hin in die Stadt sichtbar machen – solange, bis unsere Forderungen erfüllt sind.“

Während die Flüchtlinge in der Adventszeit vom Pariser Platz vertrieben wurden und vor wenigen Tagen ein ähnliches Protestcamp in Wien geräumt wurde, können sie in Kreuzberg bei ihrem Anliegen auf Unterstützung des Bezirks setzen. Bürgermeister Franz Schulz (Grüne) sagt der Berliner Zeitung, eine Räumung werde es nicht geben. Und auch keinen Druck, das Zeltlager abzubauen, nachdem der Bezirk die Schule zur Verfügung gestellt habe. Im Dezember hatte Schulz noch erklärt, dass er mit dem Abbau am Oranienplatz rechne. Ein Missverständnis, sagt er heute. „Es ist nachvollziehbar, dass die Flüchtlinge mit ihren Forderungen auch im Stadtbild sichtbar sein wollen.“

Den Oranienplatz hält Schulz dabei für eine sinnvolle Wahl für das Camp. „Von dort sind Aktivitäten auf dem Pariser Platz oder vor dem Bundestag schnell erreichbar.“ Auch der Zeitpunkt sei günstig: „Im Wahljahr könnte einiges in Bewegung kommen, da wollen ja alle wieder gewählt werden.“

Schulz rechnet damit, dass das Camp am Oranienplatz langfristig zum Kreuzberger Stadtbild gehören wird. Von heute auf morgen würden die Forderungen der Flüchtlinge nämlich nicht umgesetzt werden. Diese haben sie auf Transparente geschrieben haben, die an den Zelten angebracht sind: Stopp aller Abschiebungen, angemessene Unterbringung von Flüchtlingen und Abschaffung der Residenzpflicht. Letztere verbietet es Flüchtlingen unter anderem in Bayern, wo die Proteste ihren Anfang nahmen, die ihnen zugewiesenen Landkreise zu verlassen. Eine Auflage, die in vielen Bundesländern, darunter auch Berlin, inzwischen gelockert wurde – und die in Europa einmalig ist, wie auf ein Hinweisschild neben dem Infopunkt erklärt wird.

Dort hängen sonst vor allem lange Listen mit benötigten Lebensmitteln und Alltagsgegenständen – von Reis bis zu Prepaid-Karten für Handys. Unterstützer bringen aber auch frische Nelken vorbei. Sie stehen nun auf dem Küchentisch, an dem Hamoul den Salat putzt. Der 28-Jährige kommt aus der Bürgerkriegsregion Darfur im Westen Sudans. Aus Mali und Libyen kommen andere aus der Kochgruppe. Etwa hundert Portionen bereiteten sie mittags und abends mit den gespendeten Zutaten in der Zeltküche zu, sagt Hamoul. „Manche Anwohner gehen extra für uns einkaufen.“

Man spüre, dass sich die Bevölkerung mit dem Anliegen der Flüchtlinge identifiziere, sagt Bezirksbürgermeister Schulz. „Es gibt eine außerordentliche Anteilnahme.“ Zwar habe es anfangs vereinzelt kritische Nachfragen gegeben. „Aber die Bürger konnten nachvollziehen, dass die Flüchtlinge für ihren Protest den Oranienplatz gewählt haben, weil sie sich hier von Übergriffen von Neonazis sicher fühlen. Und das ist ja nicht überall in Berlin so.“