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Flüchtlingsheim Hellersdorf: Die Bürger und der rechte Mob

Die Menschen drängten sich am Dienstag bei einer Informationsveranstaltung. Die unsichtbare Regie führte die NPD.

Die Menschen drängten sich am Dienstag bei einer Informationsveranstaltung. Die unsichtbare Regie führte die NPD.

Foto:

Birgitt Eltzel

Berlin -

Es ist grün im Wohngebiet rund um die Carola-Neher-Straße in Hellersdorf, die Vorgärten sind gepflegt. Die Häuser, Ende der 80er- Jahre gebaut, fünf Stockwerke hoch, sind fast alle saniert, die meisten Innenhöfe sicher verschlossen und nur für die Mieter zugänglich. Wo vor einigen Jahren eine Kita abgerissen wurde, gibt es heute kleine Gärten. Es ist ein guter Ort zum Wohnen, zumal die Mieten noch günstig sind. Wenn nicht der Boulevard Kastanienallee wäre, wo viele Geschäfte in den Erdgeschossen der Wohnhäuser leer stehen. Auch der Supermarkt gammelt seit Jahren vor sich hin, abrissreif.

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All das, seit Langem eigentlich ein Ärgernis im Kiez, ist nun jedoch in den Hintergrund getreten. Anwohner sorgen sich um ihre Sicherheit, um ihre Ordnung und auch um ihr bisschen Wohlstand. Denn im seit 2008 leerstehenden Max-Reinhardt-Gymnasium an der Carola-Neher-Straße 65, mitten im Wohngebiet, soll ein Flüchtlingsheim entstehen, zunächst als Notunterkunft für 200 Menschen. Nach Umbau der Schule, die aus zwei Gebäuden und einem Container besteht, soll bis 2014 ein Asylbewerberheim mit 400 Plätzen eingerichtet werden. Bereits in wenigen Tagen sollen die ersten Flüchtlinge, darunter Familien aus Syrien, einziehen.

Die NPD posiert öffentlich

Wilde Gerüchte von Kriminalität und Gewalt machen derweil die Runde. Eine selbsternannte und anonyme Bürgerinitiative Marzahn-Hellersdorf hat vor allem über das soziale Netzwerk Facebook massiv Ängste geschürt und gehetzt, teilweise mit rassistischen Parolen. Nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes ist die Bürgerinitiative von der NPD beeinflusst.

Ganz offen zeigten sich die Rechtsextremisten und ihre Anhänger am Dienstagabend bei einer vom Bezirksamt organisierten Informationsveranstaltung. Mit einem Plakat „Asylantenheim? Nein Danke“ posierten der Berliner NPD-Chef Sebastian Schmidtke und aus ganz Berlin angereiste Kader.

Die Stimmung war gespenstisch. An wirklichen Informationen schien ein Großteil der nach Polizeiangaben 800 Teilnehmer, in Wirklichkeit wohl noch viel mehr, kaum interessiert. Immer wieder erklangen Sprechchöre „Nein zum Heim“ oder Rufe „Was interessiert mich fremdes Leid!“. Und auch: „Deutschland den Deutschen!“ Auf Youtube gibt es einen beschämenden Mitschnitt zu sehen.

Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau (Linke), die ihren Wahlkreis in Marzahn-Hellersdorf hat, zeigte sich nach der Veranstaltung erschüttert: „Die Stimmung hat mich stark an Rostock-Lichtenhagen erinnert, wo dann Asylbewerberheime brannten.“ Sie selbst habe die Polizei auf Männer aufmerksam gemacht, die T-Shirts mit dem Namen Lichtenhagen und dem Datum der Pogrome im August 1992 auf dem Rücken trugen, ein Code der Rechtsextremisten. Pau sagt, dass die Anwohner instrumentalisiert wurden: „Sie sind keine Nazis, aber sie müssen wissen, wem sie aufgesessen sind.“

Seit Mittwochmorgen gibt es auf Facebook auch eine andere Seite. Unter „Hellersdorf hilft Asylbewerbern“ hatten schon bis zum Mittwochnachmittag fast 1 600 Menschen angeboten, den Flüchtlingen zu helfen: „Sie haben Krieg und unendliches Leid erlebt. Alles, was sie wirklich wollen: Frieden, keinen täglichen Bombenhagel mehr … Sie wollen leben“, heißt es dort.

Überall in Berlin, wo neue Flüchtlingsheime eingerichtet wurden, gab es zunächst Verunsicherung und Widerstand von Anwohnern, erst im Juni in der Soorstraße in Westend. Doch meist änderte sich die Stimmung schnell. Nach Auskunft des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lageso) gibt es im Umfeld der Heime kaum Probleme. Etliche Nachbarn boten den vor Krieg, Hunger und Krisen geflohenen Menschen ihre Hilfe an. An der Soorstraße hat ein Charlottenburger Musiker einen Chor der Flüchtlinge ins Leben gerufen.

Auch Marzahn-Hellersdorfs Bezirksbürgermeister Stefan Komoß (SPD) sagt, es gebe bereits eine Reihe von Unterstützungsangeboten, darunter von jungen Leuten und Kirchengemeinden. Eine Arbeitsgruppe mit Ansprechpartnern zum Flüchtlingsheim sei im Bezirksamt einberufen worden, die Volkshochschule werde Deutschkurse anbieten, zusätzliche Lehrer seien für die Flüchtlingskinder eingestellt worden. „Wir suchen weiterhin stark das Gespräch mit den Anwohnern, weil wir eine gute Nachbarschaft wollen.“

In vier Wochen will Stefan Komoß noch einmal zu einer Versammlung einladen. Dann aber nur gezielt die Mieter im Kiez.



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