E_Paper_BZ
Nachrichten aus Berlin und der ganzen Welt

Flüchtlingsproteste in Berlin: Flüchtlinge wollen endlich gehört werden

Flüchtlinge beim Hungerstreik auf dem Pariser Platz im Juli 2014.

Flüchtlinge beim Hungerstreik auf dem Pariser Platz im Juli 2014.

Foto:

dpa

Badra Ali Diarra fühlte sich weder in Italien noch in Sachsen-Anhalt willkommen. Vor drei Jahren war der Mann aus Mali vor dem Bürgerkrieg in Libyen über das Mittelmeer nach Italien geflohen. Dort bekam er weder eine Unterkunft noch Geld zum Leben. „Man schläft draußen, manche sterben draußen. Es gibt kein Geld, um sich zu ernähren“, schilderte Diarra sein Schicksal. Darum zog er weiter nach Deutschland und landete in Sachsen-Anhalt, wo er einen Asylantrag stellte. Auch dort fühlte der 25-Jährige sich alleingelassen.

Deshalb kam Diarra nach Berlin - und schloss sich im Herbst 2012 einem Protestcamp von mehr 100 Flüchtlingen auf dem Kreuzberger Oranienplatz an. Über eineinhalb Jahre kämpften dort vor allem Afrikaner, die über die italienische Mittelmeerinsel Lampedusa in die EU eingereist waren, für eine Änderung des Asylrechts in Europa. Danach dürfen sie nur in dem Staat Asyl beantragen, in dem sie als erstes europäischen Boden betreten haben. Deshalb soll der Afrikaner nun nach Italien abgeschoben werden.

Der Fall ist beispielhaft für viele andere. Schlagzeilen wie diese gibt es immer wieder: „600-Kilometer-Fußmarsch von Flüchtlingen aus Bayern nach Berlin“, „Hungerstreik von Flüchtlingen am Brandenburger Tor“ oder „Flüchtlinge besetzen Plattform des Berliner Fernsehturms“. Die deutsche Hauptstadt zieht Flüchtlinge aus aller Welt an. Viele von ihnen waren erst in anderen Bundesländern untergebracht, bevor sie sich auf den Weg nach Berlin machten.

Flüchtlinge dürfen sich nicht frei bewegen

Berlins Integrationsbeauftragte Monika Lüke wundert das nicht. „Berlin ist die Hauptstadt, hier sitzt die Bundesregierung. Wenn ich Anliegen und Forderungen habe, gehe ich nach Berlin“, sagt sie. Verbände wie Pro Asyl prangern an, dass die Flüchtlinge in Sammelunterkünften leben müssen, nicht arbeiten und sich nicht frei in Europa oder Deutschland bewegen dürfen. Dagegen protestierten die Flüchtlinge am Sitz der Bundesregierung, um Änderungen zu erreichen, sagt der Geschäftsführer von Pro Asyl, Günter Burkhardt.

Der Soziologe Peter Ullrich (TU Berlin) sieht in den immer drastischeren Protesten von Asylbewerbern eine „Mischung von neuem Selbstbewusstsein und schierer Verzweiflung.“ Da kämen Menschen „in einer miserablen sozialen Situation zusammen, ohne eigene Mittel, durch Flucht und frühere Lebenserfahrungen zum Teil traumatisiert - und vor allem ohne klare Perspektiven. Das ist sozialer Sprengstoff“, erläutert der Soziologe. „Aber es gibt unter Flüchtlingen auch ein Bewusstsein, dass man das nicht hinnehmen muss.“

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum die Berliner offener für die Proteste der Asylsuchenden sind.

nächste Seite Seite 1 von 3