blz_logo12,9

Flughafen-Bar: „Bei uns sitzen Sie in der ersten Reihe“

Schauen, was am Flughafen BER alles nicht geschieht. Sven Böhme (l.) und Kai Sauerwald stellen in der Nähe der Flughafenbaustelle Kinositze auf.

Schauen, was am Flughafen BER alles nicht geschieht. Sven Böhme (l.) und Kai Sauerwald stellen in der Nähe der Flughafenbaustelle Kinositze auf.

Foto:

Gerd Engelsmann

Selchow -

Das Gelände am Hofladen und der Bar „45 über Null“ in Selchow (Dahme-Spreewald) ist schneebedeckt. Ein paar Ziegen springen in einem Gehege herum. Zwei Männer schleppen Kinositze heran. Drei Klappstühle aus Holz, die zusammenhängen. Kai Sauerwald, der Hofladenbetreiber, und Barkeeper Sven Böhme stellen sie in die Nähe des Zauns, an dem ein Transparent „Fensterplätze“ verheißt. Auf der anderen Straßenseite befindet sich das riesige Areal der Baustelle des Flughafens BER. „Von hier können unsere Gäste den ganzen Schlamassel um den Flughafenbau am besten sehen. Nach dem Motto: Bei uns sitzen Sie in der ersten Reihe“, sagt Sauerwald ein wenig bitter.

Eigentlich war es gar nicht geplant, in Selchow eine Art BER-Katastrophen-Freiluftkino aufzubauen. Vielmehr zog es Sauerwald und Böhme Anfang 2012 auf die grüne Wiese, weil der traditionsreiche Selchower Hofladen der Familie Sauerwald schlecht zu erreichen war. Seit die Bahnstrecke für den künftigen Hauptstadtflughafen fertig ist, lag das Geschäft in einer Sackgasse.

Und weil Platz war auf dem unbebauten 3.000 Quadratmeter großen Areal, errichteten sie nicht nur ein neues Blockhaus für den Hofladen und einem kleinen Gastraum, sondern gleich noch eine Freiluftstrandbar in der Einflugschneise. Mit Sonnenstühlen und Sonnenschirmen. Im Juni 2012, als der Airport eigentlich eröffnet werden sollte, waren Hofladen und Bar fertig – nur eben der Flughafen nicht. Dessen Start wurde verschoben. Es sollte bekanntlich nicht das letzte Mal sein.

„Jammern hilft nichts“

Sauerwald und Böhme können eigentlich nichts mehr hören vom Flughafen und vom Desaster um BER. Die beiden haben einst optimistisch auf das Großprojekt geschaut, das in unmittelbarer Nachbarschaft entsteht. Sie haben Kredite aufgenommen für den Bau des Hofladens und der Bar. Sie dachten, mit dieser Top-Lage seien auf der sicheren Seite – wie viele andere Unternehmer auch, die sich auf den pünktlichen Start am BER verließen. Der neue Großflughafen sollte neue Kunden bringen, noch mehr sogenannte Planespotter mit ihren Kameras und Fahrradfahrer anziehen. „Flugzeuge faszinieren schließlich jeden“, sagt Böhme. Laden und Bar sollten ausgebaut werden, sechs bis zehn Angestellte hier arbeiten.

Die Pläne haben die beiden Freunde erst einmal auf Eis gelegt – aus bekannten Gründen. Sie haben aber nicht kapituliert. „Jammern hilft nichts, wir müssen schließlich mit unserem Geld die Kredite abbezahlen. Anders als beim Flughafen helfen uns keine Steuergelder, nur gute Ideen“, sagt der 35-jährige Sauerwald.

Sauerwald war es, der auf den glorreichen Gedanken mit dem Kino kam. „Als vor drei Wochen klar wurde, dass der Flughafen auch nicht im kommenden Oktober an den Start gehen wird, sondern irgendwann, da habe ich gedacht: Was ist das nur für eine Kinoveranstaltung“, erzählt der 35-Jährige. Die nächtliche Idee ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Also schaute Sauerwald am nächsten Tag im Internet, ob er irgendwo Kinostühle auftreiben konnte. Er fand sie bei einem Berliner Anbieter. 17 originale Kino-Klappsitze für 250 Euro. „Ein gutes Angebot. Da mussten wir einfach zuschlagen.“

Cocktails unter freiem Himmel

Sven Böhme und Kai Sauerwald haben die Klappstühle schon einige Male probeweise auf dem Freigelände aufgestellt. Zur Freude ihrer Gäste. Spätestens im April, wenn die Freiluftsaison beginnt und die Bar wieder öffnet, werden die Kinositze auf einer eigens errichteten Anhöhe fest installiert. Dort könne man dann in der allerersten Reihe Cocktails unter freiem Himmel schlürfen, die idyllische Ruhe auf der Großbaustelle in sich aufnehmen und die Baufahrzeuge zählen, versichern die beiden Freunde. Vorausgesetzt es fahren welche.

„Immerhin funktioniert die Beleuchtung am Flughafen schon“, sagt Sven Böhme mit leichtem Sarkasmus in der Stimme. Selbst am Empfangsgebäude. „Wenn es dunkel ist, sieht das von hier aus richtig gut aus.“