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Berliner Zeitung | Flughafen Berlin-Brandenburg: Der Chef hat die BER-Baustelle nicht im Griff
29. September 2015
http://www.berliner-zeitung.de/22826954
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Flughafen Berlin-Brandenburg: Der Chef hat die BER-Baustelle nicht im Griff

Flughafenchef Karsten Mühlenfeld am 25.09.2015 in Berlin nach der Aufsichtsratssitzung der Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg.

Flughafenchef Karsten Mühlenfeld am 25.09.2015 in Berlin nach der Aufsichtsratssitzung der Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg.

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dpa

Und noch eine Panne am BER: Rund 600 Wände im Terminal dürfen nicht so bleiben wie sie sind, weil sie den Brandschutzbestimmungen nicht entsprechen. Damit hat Flughafenchef Karsten Mühlenfeld die Öffentlichkeit am Montag überrascht. Die immer neuen Hiobsbotschaften sieht man im Aufsichtsrat der Flughafengesellschaft FBB zunehmend mit Sorge. Jetzt wurde dort erstmals Kritik an Mühlenfeld laut. „Die FBB kann nicht vermitteln, dass sie die Baustelle im Griff hat“, hieß es am Dienstag aus Aufsichtsratskreisen. „Es ist umgekehrt: Die Baustelle hat die FBB im Griff.“ Der „Welpenschutz“, den der im Februar angetretene Chef genieße, sei nicht mehr lange haltbar.

Es ist nicht die erste schlechte Nachricht vom neuen Flughafen, aber sie schlägt besonders hohe Wellen. Diesmal geht es um rund 600 Wände, die bis Mitte 2012 im Terminal gebaut worden sind, zum Beispiel in Treppenhäusern, Aufzugschächten und Büros. Dem Vernehmen nach sind kleine Flächen dabei, aber auch sehr große. Die Bombe platzte am Montagnachmittag, als Mühlenfeld im Potsdamer Sonderausschuss BER überraschend auf diese Wände zu sprechen kam – und dabei den Eindruck erweckte, dass alle eingerissen und neu gebaut werden müssten.

Am Abend ruderte der Chef zurück. So habe er das nicht gesagt, ließ er in einer Pressemitteilung melden – offenbar auf Druck aus dem Senat. Berlins Flughafenkoordinator Engelbert Lütke Daldrup beeilte sich zu erklären: Nur 20 bis 30 Leichtbauwände müssten abgerissen werden. Es handele sich um Gasbetonsteine, die mit Mörtel verfugt worden seien – das widerspräche den Bestimmungen. Rund 570 Wände könnten stehen bleiben, müssten aber mit Blech oder Stützen verstärkt werden – ebenfalls aus Gründen des Brandschutzes.

Wände haben zu viele Löcher

Sicher: Im Terminal gibt es eine vierstellige Zahl von Räumen – die Gesamtzahl der Wände liegt deutlich über 600. Doch dass so viele Wände im Terminal den Brandschutzbestimmungen nicht entsprechen, erweitert das ohnehin schon große Arbeitspensum bei der Fertigstellung des BER enorm. In seiner Präsentation im Sonderausschuss wies Mühlenfeld außerdem daraufhin, dass die Sanierung andere Arbeiten behindert – insbesondere die Fertigstellung von Deckenhohlräumen.

Nach Informationen der Berliner Zeitung sind Wandarbeiten in vielen Fällen auch deshalb erforderlich, weil gepfuscht wurde. „Als man jetzt Kabel verlegen wollte, stellte man fest, dass man bei früheren Leitungsarbeiten viel zu viele Löcher in die Wände gebohrt hatte“, sagte ein Beteiligter. „Das hat die Tragfähigkeit dieser Wände deutlich gemindert“ – ein Sicherheitsproblem.

„Am BER ist offenbar nicht einmal das kleine Einmaleins der Bautechnik beachtet worden“, bemängelten die Grünen-Politiker Harald Moritz und Andreas Otto. „Wer den Brandschutz missachtet, handelt fahrlässig – oder er sabotiert.“

Das Hin und Her bei der Kommunikation hat auch Politiker der Koalition verärgert. „Da hätte man vielleicht jemanden zum Chef machen sollen, der sich mit Flughäfen auskennt – Bewerber gab es ja“, sagte Stefan Evers, Vize-Vorsitzender der CDU-Fraktion. Nicht die Technik sei das Problem, „sondern die Flughafenführung“. Mühlenfeld, der vom Turbinenbauer Rolls Royce kam, habe eine faire Chance bekommen, am BER aufzuräumen, doch es gebe zunehmend Zweifel.

„Das BER-Debakel hat einen neuen Tiefpunkt erreicht“, meinten die Grünen-Politiker Moritz und Otto. „Der Regierende Bürgermeister und der Flughafenchef müssen das Parlament über den Sachstand informieren und erklären, ob es noch einen Weg aus der Krise gibt.“

Immer für eine Überraschung gut

Auch im obersten Gremium der FBB fühlt man sich schlecht informiert. Während der Sitzung am Freitag habe Technik-Chef Jörg Marks das Thema Wände nur am Rande angesprochen, hieß es in Aufsichtsratskreisen. Nachdem immer neue Pannen bekannt geworden sind, sei „nur eines sicher: Dass die FBB immer für eine unglaubliche Überraschung gut ist.“ Dabei habe das Unternehmen seit der Absage der Eröffnung im Juni 2012 mehr als drei Jahre Zeit gehabt, eine Bestandsaufnahme zu erarbeiten. „Irgendwann muss es einen Punkt geben, an dem die Geschäftsführung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen kann, wann der BER fertig wird“, hieß es weiter. „Es beunruhigt mich, dass der Vorsitzende der Geschäftsführung dies offen lässt.“