Berlin - 03.02.2012

Fluglärm

Die Ersten ziehen weg

Gerüchten zufolge, soll sich Kanzlerin Merkel ein Häuschen am Zeuthener See bauen lassen. Dabei wohnt sie schon heute schön im Grünen: Ihr Wochenenddomizil steht in einem einsamen Örtchen in der Uckermark.
Foto: Gerd Engelsmann
Von Peter Neumann

Die Orte rund um den Flughafen Schönefeld sind stark gewachsen. Nun könnte sich der Trend umkehren. Vielen Menschen wollen sich dem drohenden Lärm des neuen Großflughafens entziehen und verkaufen bereits ihre Häuser.

Er wäre gern geblieben, sagt Franz Faschko. „Aber ich musste Konsequenzen ergreifen“, sagt der Sportler, der einst Deutscher Meister im Bogenschießen war. „Ich will mich dem Lärmterror des neuen Flughafens nicht aussetzen.“ Also sagte Faschko den Vereinskollegen bei den Sportschützen Blankenfelde, mit denen er lange trainierte, Adieu. Dann verkaufte er sein Haus in Blankenfelde. „Mit 250 000 Euro Verlust“, wie er sagt. Nun lebt Faschko bei Stuttgart.

Er ist nicht der Einzige, der den Umkreis des künftigen Flughafens Berlin Brandenburg (BER) verlassen hat. „Wer es sich leisten kann, zieht weg. An vielen Häusern in unserem Ort steht ,zu verkaufen‘“, sagt Bernd Habermann aus Blankenfelde, lange Zeit Vorsitzender der Fluglärmkommission Schönefeld. Er rechnet damit, dass das Bevölkerungswachstum im Umfeld des Flughafens zu Ende ist. „Der Trend kehrt sich um.“ Seit der Wende sind die meisten Orte im „Speckgürtel“ stark gewachsen, die Gemeinden rund um den Schönefelder Flughafen sind keine Ausnahme.

Die Zahlen, mit denen die Bundesregierung jetzt eine Große Anfrage der Linken-Fraktion im Bundestag beantwortet hat, sind in der Tat beeindruckend. Danach wohnten in Brandenburg 1990 nur 90.000 Menschen im Zwölf-Kilometer-Umkreis um das künftige Flughafenterminal – 2009 waren es dagegen 133.000, fast 48 Prozent mehr. In Blankenfelde-Mahlow stieg die Einwohnerzahl um knapp 77 Prozent, in Großbeeren um mehr als 133 und in Schönefeld sogar um 151 Prozent.

Zieht die Kanzlerin nach Zeuthen?

Kein Wunder, dass Verfechter des Flughafenbaus sagen, dass ihr Projekt für die meisten Anlieger offenbar kein Problem sei. Warum hätten sich sonst so viele in dessen Hörweite angesiedelt? So wunderte sich Klaus-Dieter Scheurle (CSU), Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, öffentlich über die vielen Zuzüge nach Blankenfelde.

In Zeuthen gibt es sogar Gerüchte über einen möglichen prominenten Zuzug: In dem Ort östlich des neuen Flughafens wird seit Wochen darüber spekuliert, ob Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihr Ehemann Joachim Sauer ein Haus am Zeuthener See beziehen. Der Rohbau sei fertig. Schon keimen Hoffnungen, dass Zeuthen von Fluglärm verschont bleiben wird, die Regierungschefin werde sicher um Ruhe bitten. Das Bundespresseamt dementierte die Gerüchte. Zudem stünden die Routen nach langen Debatten und Prüfungen fest.

Bernd Habermann findet es zynisch, das Bevölkerungswachstum als Zustimmung zum Flughafenbau zu werten. „Viele, die nach Blankenfelde zogen, konnten nicht wissen, was auf sie zukommt“, erklärte er. Franz Faschko kann das nur bestätigen. Er siedelte sich 1994 in dem Ort südlich von Berlin an. „Damals war der Ausbau des Schönefelder Flughafens kein Thema. Dieser Standort rangierte auf den Listen ganz weit hinten – er sei ungeeignet, hieß es.“

Keine Medikamente mehr

Natürlich flogen auch damals Flugzeuge über Blankenfelde hinweg. „Doch es waren viel weniger als heute – und verschwindend wenige im Vergleich zu dem, was uns nach der BER-Eröffnung im Juni blüht“, erklärt Habermann. Zudem gab es lange Zeit berechtigte Hoffnung, dass der alte Flughafen geschlossen und der neue woanders gebaut wird. Brandenburger Politiker bevorzugten damals noch Sperenberg. Erst 1996 beugten sie sich den Forderungen des Bundes sowie des Senats – und entschieden gemeinsam mit ihnen, dass der neue Großflughafen in Schönefeld entstehen soll.

„Doch lange danach war fraglich, ob er tatsächlich dort gebaut wird“, sagt Eckhard Bock vom Verein zur Förderung der Umweltverträglichkeit des Verkehrs. So erklärte das Oberverwaltungsgericht Frankfurt (Oder) den „Landesentwicklungsplan Flughafen Standortsicherung“, eine der Grundlagen für die Standortentscheidung, für unwirksam – im Jahr 2005. Erst nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts im folgenden Jahr war klar, dass der BER in Schönefeld errichtet wird.

Bock kritisiert, dass die Ämter so viele Hausbauten genehmigten – obwohl absehbar war, dass die Bewohner unter Fluglärm leiden werden. „Wir haben es mit einem kompletten Versagen der Landesentwicklungsplanung zu tun“, sagt er.

Franz Faschko muss sich darüber nicht mehr ärgern. Er konnte es sich leisten, sein Haus in Blankenfelde aufzugeben und sich woanders neu anzusiedeln. Faschko hat das nicht bereut: „Seitdem ich fort bin, brauche ich keine Medikamente mehr.“

Im Aufwind

Die Gemeinden rund um den künftigen Schönefelder Flughafen verzeichneten viele Zuzüge, teilte die Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken mit.

Auch in Rangsdorf stieg die Einwohnerzahl – von 1990 bis 2009 um 76 Prozent. In Wildau betrug der Zuwachs 39,2, in Schulzendorf 32,5 und in Eichwalde 19,5 Prozent.

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