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Fontanepromenade am Südstern: Das Geisterhaus in Kreuzberg

Die Freundinnen: Frieda Adam (l.) hat Erna Puterman in ihrer Wohnung versteckt, so überlebte sie die Verfolgung.

Die Freundinnen: Frieda Adam (l.) hat Erna Puterman in ihrer Wohnung versteckt, so überlebte sie die Verfolgung.

Foto:

ADAM/Puterman

Im Grunde hat ein Dreijähriger die Sache ins Rollen gebracht: Dass ein Haus nicht in Vergessenheit gerät und seine Geschichte sichtbar wird. Es geht um die Fontanepromenade 15 in Kreuzberg, nicht weit vom Südstern entfernt. Um ein flaches, graues Haus mit Schnörkeln an der Fassade und vergitterten Fenstern.

Jeden Morgen auf dem Weg in die Kita hat der Dreijährige sich gefürchtet, daran vorbeizulaufen. „Mama, wohnen da Geister?“

Die Fragen ihres Sohnes haben die 36-jährige Geografin Stella Flatten neugierig gemacht. Sie stellte vor zwei Jahren Nachforschungen an, zuerst „mehr als Mutter“, wie sie sagt. Sie wandte sich an Museen, dann an Archive, sie nahm Kontakt zur Shoah Foundation in Los Angeles auf und zum Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg.

Am kommenden Donnerstag wird vor der Fontanepromenade 15 eine etwa zwei Meter hohe Gedenk-Stele aufgestellt, ein Projekt mit Unterstützung des Aktiven Museums Faschismus und Widerstand und des Kreuzberg-Museums zum Themenjahr „Zerstörte Vielfalt“. Kulturstadträtin Monika Herrmann will reden und der Rabbiner Daniel Alter. Vermutlich werden sie auch der Anwohnerin und Initiatorin Stella Flatten danken, ohne die es die Stele wohl nicht gegeben hätte.

Fontanepromenade war Schikanepromenade

Das Haus wurde 1906 für die Fuhrwerks-Berufsgenossenschaft errichtet. „Reorganisierte Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage“ steht heute auf einem Messingschild über der Eingangstür, aber eine Kirche ist es schon lange nicht mehr. Die Mormonen-Gemeinde, die es nach dem Zweiten Weltkrieg kaufte, hat sich inzwischen aufgelöst, weil es kaum noch Gemeindemitglieder gab.

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Die Stele wird künftig daran erinnern, dass in dem Haus von Dezember 1938 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges die „Zentrale Dienststelle für Juden“ des Berliner Arbeitsamtes untergebracht war, „eine zivile Behörde mit Handlangerdiensten zur Selektion, Ausbeutung und Vernichtung“, wie die Historikerin Dietlinde Peters sagt, die das Haus kennt. Dort mussten sich die jüdischen Männer und Frauen der Stadt melden, und wurden dann zur Zwangsarbeit befohlen. Schätzungen gehen in Berlin von bis zu 26.000 jüdischen Zwangsarbeitern in mehr als 230 Betrieben aus. Die Dienststelle in der Fontanepromenade stimmte sich mit der Gestapo darüber ab, wer wann deportiert wurde, damit die Produktion, etwa in den Rüstungsbetrieben, nicht litt.

Eine Berlinerin schildert ihre Erinnerungen laut Dietlinde Peters so: Sie sei zum Arbeitsamt in der Fontanepromenade bestellt worden, das allgemein ,Schikanepromenade‘ genannt wurde. „Aus purer Schikane hatte man uns – bevor man uns vermittelt hatte – stundenlang in einem ganz finsteren und engen Gang warten lassen. Man trat von einem Fuß auf den anderen. Es war sehr deprimierend. Einfach deshalb, weil man auch große Angst hatte vor dem, was da kommt.“

Stella Flatten hat sich auf der Suche nach Zeitzeugen Videos der Shoah Foundation in Los Angeles angesehen, in der Überlebende den Holocaust schildern. Besonders bewegt habe sie der Bericht der Berliner Näherin Erna Puterman, Tochter eines jüdischen Lebensmittelhändlers. Diese erzählt auf dem Video, dass ihr Chef 1940 plötzlich so eine Karte bekommen habe, „dass er mich sofort entlassen muss, denn es geht nicht an, dass Juden und Arier zusammenarbeiten“. Da war sie Anfang 20. Sie habe sich in der Fontanepromenade melden müssen und sei zu Siemens verpflichtet worden. „Von heute auf morgen, als Fabrikarbeiterin.“ Vor allem sei es deprimierend gewesen, als junger Mensch gezeichnet durch die Welt zu laufen. „Wir hatten Angst, was auf uns zukommen wird.“

Stella Flatten hat versucht, Erna Puterman zu finden. Sie hatte den Krieg überlebt, weil eine Freundin sie und ihren Bruder in ihrer Wohnung in der Schönhauser Allee versteckte. Erna Puterman starb 1996. Aber die Freundin lebt noch, Frieda Adam, sie hatte Erna Puterman während der Schneiderlehre kennengelernt und ist heute 94 Jahre alt. Stella Flatten hat mit ihr Kontakt. Per Mail. Frieda Adam geht nicht mehr aus dem Haus und will auch keinen Besuch. Aber sie hat Stella Flatten ein Schwarz-Weiß-Foto geschickt. Von sich und ihrer Freundin Erna. Stella Flatten wird es dabei haben, wenn die Stele vor dem Haus in der Fontanepromenade enthüllt wird.


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