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Foodblogger: Lecker bis glücklich

Kocht gern, isst gern, schreibt gern: Luisa Weiss begeistert mit ihrem ausgezeichneten Food-Blog „The Wednesday Chef“ seit 2005 ihre Leser.

Kocht gern, isst gern, schreibt gern: Luisa Weiss begeistert mit ihrem ausgezeichneten Food-Blog „The Wednesday Chef“ seit 2005 ihre Leser.

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Berliner Zeitung/Christian Schulz

Luisa Weiss sitzt in einem hübschen kleinen Frühstückscafé in Charlottenburg. Hier, in der Nähe vom Klausenerplatz, wohnt die 36-jährige Amerikanerin, die seit neun Jahren Food-Bloggerin ist. Zunächst berichtete sie aus New York. Vor fünf Jahren zog sie nach Berlin, zurück in die Stadt, in der sie geboren wurde und nach der sie in Amerika immer Heimweh hatte. Nun ist sie wieder da und schaut sich die hiesige Restaurantszene an. Anfangs fiel ihr Urteil recht ernüchternd aus. Aus New York war sie verwöhnt von authentischer asiatischer Küche. „In Berlin wurde zu sehr für den deutschen Geschmack gekocht“, sagt Weiss.

Viel Lob für Lichtenberg

Innerhalb der letzten drei Jahre habe sich die Situation jedoch verändert. Die Küche sei vielfältiger geworden. Die letzte große Überraschung erlebte Weiss in den riesigen Hallen des vietnamesischen Dong Xuan Centers in Lichtenberg, „So etwas habe ich in Berlin und Deutschland noch nie erlebt. Eine tolle Welt für sich und das beste vietnamesische Essen, das ich je gegessen habe.“ Und so hatten ein paar Wellblechhallen in der Herzbergstraße einfach so dafür gesorgt, dass Berlin New York überholte.

Food-Blogs wie Luisa Weiss’ „Berlin on a platter“ gibt es immer häufiger, je wichtiger das Thema Essen, je vielfältiger die Restaurantlandschaft in der Hauptstadt wird. Die Blogger sind quasi die neue Generation der Gastrokritiker. Die Amerikanerin Sylee Gore flaniert für ihre Seite „Berlin Reified“ mit Mann und Kind auf kulinarischer Entdeckungsreise durch die Stadt. Auch ihre Fotos und Texte sind so ansprechend, dass einem das Wasser im Mund zusammenläuft. Von „Nimmersatt Berlin“ bis „Berliner Fresse“, es gibt inzwischen Dutzende Blogs, die sich mit der Gastronomieszene beschäftigen. Die einen konzentrieren sich auf Frühstückslokale, die anderen auf Bio-Läden, wieder andere futtern sich durch Imbisse. Die Blogs sehr persönlich gestaltet und fast nie diffamierend.

Luisa Weiss, die auch Kolumnistin bei Harper’s Bazaar ist und Bücher veröffentlicht, schreibt jedenfalls nur über Lokale, in denen es ihr gefallen hat. Die Lust am Essen ist ihr Antrieb, sie will schöne Entdeckungen mit anderen teilen. Geld verdient sie mit ihrer Arbeit als Autorin und Lektorin, ihr Blog ist anzeigenfrei. Die Hauptleserschaft ihres Blogs sind noch immer Amerikaner. „Berlin on a platter“ ist ein Unterblog ihrer preisgekrönten Seite „The Wednesday Chef“, auf dem die Tochter einer Italienerin und eines Amerikaners ihre eigenen Rezepte veröffentlicht. 150 000 Nutzer weltweit lesen ihren Blog jeden Monat, und so gelangen ihre Rezensionen über das Fürst & Iven Café am Savignyplatz und die Brasserie Lamazère am Stuttgarter Platz eben auch nach New York und Singapur.

Besonders die Amerikaner nähmen Veränderungen in der Berliner Gastroszene genau wahr, sagt Weiss. Die New York Times schreibt mittlerweile über Orte wie den Pauly Saal oder das Katz Orange. „Berlin ist ein großes Thema in New York. Und seit einiger Zeit erzählen alle, die hier waren, wie gut sie in Berlin gegessen haben.“ Das sei vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen. Luisa Weiss überrascht das noch immer, sie findet die New Yorker Lokale immer noch authentischer. Aber: „Man kann langsam nicht mehr von zwei völlig verschiedenen Welten sprechen. Und das gefällt mir.“

Tolle Thai-Küche hat sie zum Beispiel im Preußenpark und im Dao-Restaurant auf der Kantstraße entdeckt. Für gutes chinesisches Essen geht es ins Tian Fu in der Uhlandstraße. Soll es deutsche Küche sein, ist das Engelbecken am Lietzensee die erste Adresse. Jeder Neueröffnung rennt Luisa Weiss aber nicht hinterher. Hat sie Heißhunger auf Fast Food, dann wird eben ein Hamburgerladen ausprobiert. Nicht organisiert, sondern je nachdem, worauf sie gerade Lust hat. Etwa einmal pro Woche kommen neue Texte hinzu.

15 000 Seitenbesuche im Monat

In dieser Frequenz liefern auch die Macher von „Berliner Fresse“ Texte. Die Blogger sind Freunde, die ohnehin regelmäßig essen gehen und vor acht Jahren beschlossen, darüber zu schreiben. Auslöser war ein Ärgernis: Blog-Gründer Stefan Haubold, ein Softwareentwickler, war sauer über den Service eines Japaners in der Oderberger Straße und startete den Blog. Noch heute treffen sich die Freunde zu siebt oder acht und kommentieren am Ende des Abends das Essen, den Service und die Toiletten der Lokale. Ein No-Go für sie sind Fertigprodukte und schlechter Service.

Im Schnitt schauen 15 000 Besucher im Monat auf die Seite, knapp die Hälfte davon ist aus Berlin. Von den Werbeeinnahmen können die Macher die laufenden Kosten decken. Empfehlungen für gute Restaurants haben sie natürlich auch. Ganz oben stehen „Der Hahn ist tot“ in Mitte, die Cocolo Ramenbar in Kreuzberg und das Matreshka in Friedrichshain. Letzteres wird kurz und bündig kommentiert: „Dieses Restaurant ist der Knaller!“