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Foodsharing in Berlin: Auf den Teller statt in die Tonne

Salat, Äpfel, ein Pfannkuchen und veganes Dessert: Gerard Misler füllt den Kühlschrank mit Lebensmitteln.

Salat, Äpfel, ein Pfannkuchen und veganes Dessert: Gerard Misler füllt den Kühlschrank mit Lebensmitteln.

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berliner zeitung/Gerd Engelsmann (2)

Der Weg zum Kühlschrank ist eine Überraschung: Man weiß nie, was drin liegt. Oder ob die Fächer leergeräumt sind. Weil der Andrang mal wieder größer war als das Angebot. An diesem Montagmorgen sieht es anfangs so aus, als müsse man tatsächlich in den Supermarkt einkaufen gehen, doch dann kommen sie nach und nach: die Lebensmittelretter.

In ihren Stoffbeuteln und Fahrradkisten haben sie eingesammelt, was andere übrig behalten haben oder nicht mehr verkaufen können: Börek vom Imbiss, Sonntagsbrötchen vom Bäcker, die montags keiner mehr kaufen will, Kartoffeln, Kokosnüsse und Tomaten aus dem Supermarkt. Weil eine Tomate in der Schale geplatzt ist, haben die Verkäufer gleich die ganze Packung aus dem Regal genommen, denn kein Kunde würde sie so noch in seinen Korb packen. Auch ein veganes Apfel-Vanille-Dessert ist an diesem Tag dabei, das Mindesthaltbarkeitsdatum ist abgelaufen, was nicht heißt, dass die Ware verdorben ist. Nur darf sie nicht mehr verkauft werden.

2000 ehrenamtliche Helfer

„Wir retten, was andere wegwerfen“, sagt Gerard Misler. Der 53-jährige Künstler und Honorarlehrer an einer Pankower Schule gehört zum deutschlandweit agierenden Netzwerk Foodsharing. Die Aktivisten haben es sich zur Aufgabe gemacht, Lebensmittel zu retten und an andere zu verteilen. In Berlin gibt es schätzungsweise 2000 solcher ehrenamtlicher Helfer. Manche wühlen nachts in den Containern der Supermärkte nach weggeworfenen Produkten, „Containern“ heißt diese Nahrungssuche, andere holen übrig gebliebene Esswaren aus Supermärkten, Bioläden und Imbissen ab. Oder sie haben selbst noch genügend Lebensmittel zu Hause.

Auf Internet-Portalen wie www.foodsharing.de und www.lebensmittelretten.de werden die Waren zum Abholen angeboten. „Fairteiler“ heißt die Initiative. Statt in der Tonne landet das Essen auf dem Teller.

Neuerdings gibt es in Berlin sogar öffentlich zugängliche Kühlschränke, in denen nicht mehr gebrauchte Lebensmittel gut gekühlt zum Abholen bereitliegen. Sie stehen im Innenhof des Tommy-Weisbecker-Hauses (Wilhelmstraße 9, Kreuzberg), neben einem Hausprojekt (Dänenstraße/Malmöer Straße 29, Prenzlauer Berg) und in den Gerichtshöfen (Gerichtstraße 12, Wedding, täglich 14–20 Uhr). Diese Projekte liefern auch den Strom.

Zum Team Prenzlauer Berg gehören etwa 25 Leute. „Es sind Junge und Alte, Berufstätige, Studenten und Arbeitslose. Wir sind eine Gemeinschaft gegen Lebensmittelverschwendung“, sagt Gerard Misler, der in den 70er Jahren gegen Atomkraftwerke protestierte, 1991 aus Westdeutschland nach Berlin kam und bis heute keinen Führerschein besitzt. Er sagt, nachhaltige Themen hätten ihn schon immer interessiert, er sucht alternative Strukturen. Nun rettet er Lebensmittel.

Filme wie „Taste the Waste“ von Valentin Thurn und Bücher über die Lebensmittelverschwendung wie „Die Essenvernichter“ brachten viele Aktivisten zum Umdenken. Heute wissen sie, dass mehr als die Hälfte unserer Lebensmittel im Müll landet, das meiste schon auf dem Weg vom Acker in den Laden: jeder zweite Kopfsalat, jede zweite Kartoffel und jedes fünfte Brot. Deutschlandweit werden jedes Jahr 20 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen.

Grundlage ist Vertraulichkeit

Ihre Arbeit haben die Berliner Lebensmittelretter gut organisiert. Abwechselnd säubern sie mehrmals in der Woche die Kühlschränke und sortieren verdorbene Waren aus. Reinigungsutensilien liegen in einem Schrank neben dem Kühlschrank bereit, Absprachen werden online getroffen, jeden Donnerstag um acht trifft sich die Gruppe im Leihladen (Leila) am Teutoburger Platz. Erst nach eingehender Anmeldung und Prüfung dürfen sich neue Mitglieder engagieren. Mit einem speziellen Ausweis gelangen sie in die Betriebe, aus denen sie die übrig gebliebenen Esswaren abholen und verteilen.

Denn das Prinzip Lebensmittelretten funktioniert nur auf der Grundlage von Vertraulichkeit. Die Namen der Geschäftsinhaber, die Obst, Gemüse, Joghurt, Brot und Milch an die Lebensmittelretter verschenken, müssen geheim bleiben. Denn noch gibt es dafür keine juristisch abgesicherte Basis. „Wir wollen jeder Gefahr aus dem Weg gehen“, sagt Gerard Misler.

Die Bewegung Foodsharing mit 60 000 Nutzern feiert am 12. Dezember 2014 ihr zweijähriges Bestehen. Sie hat in dieser Zeit eigenen Angaben zufolge Lebensmittel im Wert von drei Millionen Euro gerettet und verteilt. Künftig fusioniert das Portal www.lebensmittelretten.de mit der Online-Plattform www.foodsharing.de


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