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Forschungsreaktor in Berlin: Wo Wannsee strahlend blau leuchtet

Auf Nummer sicher: Stephan Welzel vom Helmholtz-Zentrum in der Neutronenleiterhalle

Auf Nummer sicher: Stephan Welzel vom Helmholtz-Zentrum in der Neutronenleiterhalle

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Berliner Zeitung/Markus Wächter

Pförtnerhäuschen, Schranken, Sicherheitscheck, Ausweiskontrolle: Das Gelände des Helmholtz-Zentrums am Hahn-Meitner-Platz in Wannsee ist Standort für den Atomreaktor BER II. Der liefert keinen Strom, sondern Neutronen für wissenschaftliche Untersuchungen.

Stephan Welzel ist stellvertretender Reaktorleiter und zeigt zunächst ein Modell mit den beiden Experimentierhallen samt eines Querschnitts vom Reaktor. Für die Grundlagenforschung sei der Reaktor wichtig, sagt Welzel. Neue Materialien würden für eine nachhaltige Energieerzeugung getestet, etwa für Solar- oder Brennstoffzellen. Teuer an Elektroautos sind die Platinzellen, ein preiswerter Ersatz könnte den Elektroantrieb zur Alternative zum Verbrennungsmotor machen.

Zwei Meter dicke Betonwand

Bevor es ins Innere geht, folgt die nächste Ausweiskontrolle. Besucher erhalten personenbezogene Einlasskarten und einen Dosimeter. Das Gerät misst die Strahlenbelastung. Ein Piepen signalisiert, dass die erlaubte Jahresdosis erreicht wäre, wenn man dauerhaft an der jeweiligen Stelle stehen bliebe.

Auf der Reaktorwarte sitzen zwei Mitarbeiter vor einer Wand mit einem Tableau. Es gibt Aufschluss über Spannung, Temperaturen und die Lage der Brennstäbe. Auf der anderen Seite erlaubt eine Glaswand den Blick in die Reaktorhalle. Das Setting erinnert an einen James-Bond-Film, mit dem Unterschied, dass in der Fiktion jetzt sicher irgendetwas explodieren und ein Alarm losgehen würde.

Der Kern selbst hängt in einem Wasserbecken. Das ist ummantelt von einer zwei Meter dicken Betonwand, oben ist es offen, elf Meter geht es runter, 200 Kubikmeter Wasser umgeben die aus den USA stammenden und mit Uran 235 bestückten Brennelemente. Von der Warte aus sieht man am Beckengrund ein mystisches blaues Leuchten: die Tscherenkow-Strahlung, ein elektromagnetischer Effekt bei der Freisetzung von Elektronen.

„Keine Kontamination, bitte durchgehen“

Unten in der Experimentierhalle, wo der Reaktor steht, sind allerhand Metallkübel verkabelt. Sie enthalten verschiedene Proben, die mit Elektronen beschossen werden. Ein Detektor zeichnet die Wechselwirkung zwischen Neutronen und den atomaren Bestandteilen des Probenmaterials auf, Wissenschaftler machen Notizen. In eine Wand sind rote Metallklappen eingelassen, im sogenannten Stopfenlager landen radioaktive Abfälle, Putzlappen etwa. Radioaktiv? Stephan Welzel beruhigt: alles innerhalb der Freigrenzen der Strahlenschutzverordnung. Und einen Strahlenschutzanzug trägt man schließlich auch nicht. Ein Blick auf den Dosimeter bestätigt: keine Veränderung.

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Beim Verlassen der Halle muss man trotzdem eine Schleuse passieren. In einer Ecke steht ein über zwei Meter großes Gerät, das ein bisschen so aussieht wie ein Metallschrank. Der Ganzkörpermonitor soll eine Verstrahlung ausschließen, dafür müssen die Arme in zwei Öffnungen, das Gesicht an die rückwärtige Fläche gehalten werden. „Näher“, sagt eine metallische Frauenstimme. Umdrehen, die Arme in eine andere Öffnung. Es dauert einen Moment, bis die Stimme sagt: „Vielen Dank, keine Kontamination, bitte durchgehen.“

Besonders seit der Nuklearkatastrophe in Fukushima haben viele Menschen ein mindestens mulmiges Gefühl, wenn es um Atomkraft geht. Auch in Wannsee gab es meldepflichtige Ereignisse und Risse in Schweißnähten, die 2014 behoben wurden. Stephan Welzel verweist auf die hohen Sicherheitsstandards: „Schon bei Spannungsschwankungen, die Sie am Fernseher nicht wahrnehmen würden, schaltet sich der Reaktor vorsorglich ab.“

2019 hat die Kernzeit hier ohnehin ein Ende, dann laufen die Mittel des Forschungsministeriums aus. In der dreijährigen Nachbetriebsphase werden die Brennelemente abklingen. Die Entsorgung ist dann übrigens Sache der USA. Es ist wie im Supermarkt: Die Verpackung entsorgt der Verkäufer.


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