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Forum: Das Schweigen der Jäger

Szene mit dem Sohn eines der toten Rumänen in Philip Scheffners bezwingendem Film „Revision“.

Szene mit dem Sohn eines der toten Rumänen in Philip Scheffners bezwingendem Film „Revision“.

Foto:

Svenja L. Harten / pong

Berlin -

Die beiden Männer kamen durch eine einzige Kugel zu Tode. Dem einen spaltete sie den Kopf, dem anderen blieb sie im Gehirn stecken. Als ein Bauer die beiden leblosen Körper in einem Kornfeld in Mecklenburg-Vorpommern fand, nicht weit von der deutsch-polnischen Grenze entfernt, soll der zweite Mann noch geatmet haben.

Die beiden Toten waren rumänische Staatsbürger, sie hießen Grigore Velcu und Eudache Calderar. Wurden sie am frühen Morgen des 29. Juni 1992 Opfer eines Jagdunfalls, wie es vier Jahre später in einem Prozess gegen zwei Jäger hieß? Die Munition passte nicht zu dieser Version. Wichtige Zeugen wurden nicht geladen. Der Prozess endete mit Freispruch. Die Familien der beiden Männer wurden weder über den Prozess noch über dessen Ergebnis informiert. „Sie waren nicht Teil des Verfahrens“, sagt der Staatsanwalt, der die Anklage führte.

Ungeheure Recherchearbeit

Der Regisseur Philip Scheffner unterzieht diesen Fall mit seinem Film jener Revision, die auf der juristischen Ebene ausblieb. Ein Justizskandal von gravierender politischer Dimension hat sich vermutlich hier ereignet, ignoriert von den Medien. Zwei Monate später brannten in Rostock-Lichtenhagen die Asylbewerberheime, einer der in Rumänien befragten ehemaligen Freunde der beiden Toten hat es mit- und überlebt.

Scheffner skandalisiert nichts. Aber nicht nur das macht seinen Film so überaus eindringlich, überzeugend und darüber hinaus spannend. Scheffner hat mit seinem Team eine ungeheure Recherchearbeit geleistet, er hat die Zeugen befragt, die vor zwanzig Jahren abgeschoben wurden. Männer, die zusammen mit Velcu und Calderar nach damaligem Gesetz illegal die Grenze passierten, durch ein Kornfeld robbten, um ein paar Monate in Deutschland zu arbeiten. Einer berichtet, er habe am Rand des Feldes einen Polizeiwagen mit aufgestelltem Zielfernrohr gesehen. Noch bevor die Polizei am Fundort der Toten eintraf, stand das Feld in Flammen.

Schweigen und Verdrängung

Philip Scheffner hat die Familien, die den Roma angehören, über ihr Leben nach dem Tod der Männer und Väter befragt. Geduldig, den Blick offen in die Kamera gerichtet, zeigt er die Frauen und die inzwischen fast erwachsenen Kinder bei einem schmerzhaften Erinnerungsprozess. Eine der Witwen bekam drei Wochen nach dem Verschwinden ihres Mannes den verplombten Sarg zugeschickt. Was sie sah, hat sie auf einem Foto festgehalten, das sie vor ihren vier Kindern versteckte.

Scheffners Umgang mit den Menschen vor der Kamera ist ebenso hartnäckig wie respektvoll. Immer wieder ließ er sie die Aufnahmen ansehen und gab ihnen die Möglichkeit, etwas zu ändern oder abzubrechen. Diese fortlaufende Revision wurde zum Strukturprinzip seines herausragenden Films. Klug und kunstvoll verschränkte er damit eine nie abgeschlossene Vergangenheit mit einer Gegenwart, die sich dem Schweigen und Verdrängen verschrieben hat.

Revision

16. 2.: 19.30 Uhr, Delphi;

17. 2.: 14.30 Uhr, Cubix 7;

19. 2.: 22 Uhr, CineStar 8.