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Franzosen in Berlin: Berlin, mon amour

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La France in Friedrichshain. Carole Gautron in ihrem Café „Louise Chérie“. Die Möbel sind sämtlich aus Frankreich.
La France in Friedrichshain. Carole Gautron in ihrem Café „Louise Chérie“. Die Möbel sind sämtlich aus Frankreich.
Foto: David Oliveira
Berlin –  

50 Jahre Élysée-Vertrag: Fast 15.000 Franzosen wohnen in Berlin. Ihre Kultur und ihre Traditionen haben sie mitgebracht. Die Hugenotten haben die deutsche Hauptstadt schon vor 300 Jahren geprägt.

An ihren ersten Besuch in Berlin kann sich Carole Gautron gut erinnern. Vom Flughafen Schönefeld fuhren sie und ihr Freund mit der S-Bahn in die Stadt. Ein paar Stationen vor dem Alexanderplatz seien sie durch eine Gegend ohne Häuser gekommen. „Ein Niemandsland“, sagt sie. „Nur ein paar Bäume standen herum.“ „Wir haben einen Fehler gemacht“, rief ihr Freund. Aber sie waren richtig. Sie konnten sich nur nicht vorstellen, dass es mitten in der deutschen Hauptstadt so viel Raum gibt.

Carole Gautron wollte damals vor fünf Jahren nur Freunde besuchen. Einen Monat später zog sie nach Berlin. „Das war Liebe auf den ersten Blick“, sagt sie. Vor ein paar Monaten hat sie zusammen mit ihrem Bruder ein Café namens Louise Chérie in Friedrichshain aufgemacht. Hier erinnert alles an ihre Heimat. Die Holztische, das Buffet hinter der Theke, der schmiedeeiserne Pavillon – alles stammt aus dem Antiquitätengeschäft ihres Vaters. Draußen hängt eine französische Fahne, und die Zitronentarte und der Apfelkuchen sind nach Familienrezepten gebacken.

Carole Gautron ist eine von 14 361 Franzosen, die ihren Hauptwohnsitz in Berlin haben. Ihre Zahl ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. In keiner anderen deutschen Stadt sind es so viele. Rund 8000 Franzosen wohnen in München, in Hamburg sind es 4 000. Dass es in Berlin Platz gibt, dass man das Fenster öffnet, und einen Baum vor sich hat, das begeistert Carole Gautron, die jetzt 43 ist, immer noch. Die Stadt sei so anders als Paris, wo sie früher gewohnt hat. In ihre Wohnung dort fiel kein Licht, draußen gab es kein Grün. Berlin sei so lebendig, sagt sie. „Meine Freunde kommen hierher, um Party zu machen. In Paris geht das nicht. Es ist superlangweilig dort.“ Und alles koste viel mehr.

Deutsche flirten nicht

„Berlin ist eine Traumstadt, Berlin ist cool. Alle wollen hierher“, sagt auch Linde Berger. Sie ist 23, studiert in Frankfurt /Oder, aber wohnt in Berlin. Linde Berger ist am Stadtrand von Paris groß geworden, ihre Mutter ist aus Deutschland. Bei einem Praktikum in Berlin hätte sie sich in die Stadt verliebt und dann alles daran gesetzt, wieder her zu kommen. Sie hat ein Café als Treffpunkt vorgeschlagen. Das „Ungeheuer“ liegt in Neukölln nicht weit von ihrer Wohnung. Die teilt sie mit zwei Deutschen.

„Solche Cafés gibt es in Paris nicht“, sagt sie. „Dort hat man nur Bistros, in denen jeder Tisch gleich aussieht, und wo auch keine Sofas stehen so wie hier.“ Das Mobiliar des „Ungeheuer“ besteht aus der Trödelmischung, die für Nord-Neukölln typisch ist. „Das ist so gemütlich“, sagt Linde Berger. Sie fühle sich in Berlin auch sicherer als in Paris. „Hier kann ich nachts mit Shorts in der U-Bahn sitzen, in Paris würde ich angemacht.“

„Das stimmt“, sagt Amelie Loisier, eine französische Fotografin, die nach Berlin kam, weil sie hier eine Offenheit für ihre Ideen vorfand, die sie in Frankreich nie erlebt hätte. Deutsche Männer würden einen selten anmachen. „Aber das Flirten existiert hier auch überhaupt nicht.“ Sie denkt an das Spiel zwischen einem Mann und einer Frau, das kein Ziel und keinen Zweck hat, aber Freude macht. Das vermisst sie ein bisschen.

Freunde fürs Leben

Wenn Carole Gautron das Lebensgefühl in Berlin beschreibt, fällt immer wieder das Wort Freiheit. „Frei’eit“, wie es aus ihrem Mund klingt. „So viel Freiheit gibt es nirgendwo.“ In ihrem Haus in Friedrichshain etwa lebten ältere Menschen, Familien, verrückte Musiker und Leute in Wohngemeinschaften zusammen. „Und alle respektieren einander“, sagt sie. „Das gibt es in Paris nicht.“

Dort würde sie ungeschminkt nie auch nur zum Bäcker gehen. „Aber hier kann ich machen, was ich will.“ Niemand würde sie beurteilen. Vielleicht liegt es daran, dass Amélie Loisier schon seit elf Jahren in Berlin ist, aber sie vermutet in der nachlässigen Art sich zu kleiden etwas Absichtsvolles. „Dass man aussieht wie aus dem Bett gefallen, das ist doch Berliner Stil“, sagt sie. „In Wahrheit sind diese Menschen manchmal total durchgestylt.“

Deutsch hat Carole Gautron in der Schule gelernt, als Teenagerin war sie bei einem Austausch in Bremen. Dort fand sie eine Freundin, doch als sie diese in ihr Sommerhaus einladen wollte, sagte die Großmutter nein. Sie wollte keine Deutsche bei sich empfangen, nachdem ihr Mann im Zweiten Weltkrieg in deutsche Gefangenschaft geraten und bei seiner Heimkehr so abgemagert war, dass seine Frau ihn nicht erkannte.

Für Carole Gautron hat die Geschichte in ihrem Verhältnis zu den Deutschen keine Bedeutung. Sie springt auf, als ein junger Mann mit Malerhosen das Café betritt. Es gibt keine Küsschen auf jede Wange, sondern eine herzliche Umarmung. „Das ist ein sehr guter Freund“, sagt sie später. Überhaupt habe sie viele gute deutsche Freunde, Freunde fürs Leben.


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