blz_logo12,9

Freiflächen in Berlin: Wieder verdrängt ein Neubau ein Stück Kunst

1200 Quadratmeter Kapitalismuskritik. Das Wandbild in der City West.

1200 Quadratmeter Kapitalismuskritik. Das Wandbild in der City West.

Foto:

Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Meistens bleibt nicht viel mehr als ein kurzer Blick aus der S-Bahn. An der Uhlandstraße, zwischen den Bahnhöfen Savignyplatz und Zoo, prangt auf einer Brandmauer ein Wandbild mit einem Parlament. Zu den Mitgliedern gehören Brandt, Kohl, Adenauer, Schmidt, Genscher und Erhard. Schon ist die Bahn vorbeigerauscht.

Wer alle Akteure auf dem Bild identifizieren will, muss sich beeilen. Das Areal vor der Brandwand soll bebaut werden, das Fassadengemälde wird hinter dem Neubau verschwinden. Wieder geht ein Stück Kunst aus dem Stadtbild verloren, weil eine Freifläche bebaut wird. Wieder verliert die Stadt ein Stück Charme, der ihr aus dem Unfertigen, Rauhen und Bunten erwuchs. Auf der Freifläche an der Uhlandstraße soll ein Wohn- und Geschäftshaus entstehen: rund 75 vollmöblierte Miet-Apartments, ein paar Läden im Erdgeschoss. Fertig.

Bild mit politischer Aussage

Verloren geht dabei das mit 1 200 Quadratmeter Fläche wohl größte Wandbild Berlins. Das Bild ist dreigeteilt – und es hat eine eindeutige politische Aussage: An der linken Brandwand ist ein Berlin-Panorama dargestellt. Um den Fernsehturm gruppieren sich Banken und Versicherungen, eine Krake beherrscht die Stadt. Ganz unten sieht man fiese Kapitalistenfratzen. Auf einer Wolke darüber schauen Bismarck und der Alte Fritz gelangweilt zu. Auf der mittleren Wand ist das Parlament mit den Politikern zu erkennen, die ein Papier mit der Aufschrift „Reform“ vor sich liegen haben. Ein bisschen eierköpfig sehen sie aus. Rechts sieht man Berliner, die mit den Ergebnissen der Politik hadern, mit Steuererhöhungen, auch mit der Agenda 2010. Einer betrinkt sich mächtig, Rudi Dutschke ist zu erkennen, auch Charlie Chaplin. Auf der Wolke darüber stehen Marx und Engels.

Das Wandbild stammt aus dem Jahr 2004. Sein geistiger Vater ist Christian Wahle, 1979 in Ost-Berlin geboren. Zusammen mit Kollegen hat er die drei Brandwände an der S-Bahntrasse bearbeitet.

Groß darüber reden will Wahle heute nicht. Nur so viel: Das Triptychon war eine Auftragsarbeit. Natürlich wäre es „schön, wenn das Bild erhalten bliebe.“ Aber genauso natürlich wisse man als Fassadenmaler auch, „dass solche Kunst endlich ist“.

Kein Denkmalschutz möglich

Bemalte Brandmauern in Berlin werden immer seltener. Nach der Wende wurden rund 450 im gesamten Stadtbereich gezählt. Mit dem ersten Bauboom in den 90er-Jahren schlossen sich Häuserlücken, viele Werke verschwanden – sei es durch Neubauten oder durch Verwitterung. Dieser Trend gewinnt jetzt, da die Stadt in Richtung vier Millionen Einwohner wächst, noch einmal an Tempo.

Vor zwei Jahren hatten die Grünen in Friedrichshain-Kreuzberg versucht, den Verlust abzubremsen. Sie wollten alle zur Hausbesetzerzeit entstandenen Wandbilder im Bezirk unter Denkmalschutz stellen. Anlass waren Pläne einer Wohnungsbaugesellschaft, an der Waldemarstraße ein Besetzer-Bild zu übermalen – für Werbung eines Sportartikelkonzerns.

Die für Denkmalschutz zuständige Senatsverwaltung für Stadtentwicklung antwortete, dass ein Wandgemälde nur geschützt werden könne, wenn das Gebäude selbst unter Schutz stehe. Oder wenn das Werk eine „eigenständige künstlerische Bedeutung“ habe – eine Einschätzung, die aber erst Jahre später getroffen werde.

Die Chancen für das Polit-Wandbild in Charlottenburg sind nicht abzuschätzen. Der Fall in der Waldemarstraße endete dagegen nach Kreuzberger Art. Weil die Wohnungsbaugesellschaft keine Lust auf Ärger hatte, verzichtete sie auf die Übermalung.