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Berliner Zeitung | Freundliche Atheisten: Die meisten Berliner glauben nicht an Gott
22. February 2016
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Freundliche Atheisten: Die meisten Berliner glauben nicht an Gott

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Demonstration gegen den Papstbesuch in Berlin 2011.

Foto:

imago stock&people

Berlin -

Auf die Frage „Sind Sie ein religiöser Mensch?“, kann man in unserer Gegend durchaus die Antwort hören „Nein, ich bin normal.“ So berichtet es Franziskanerpater Udo Schmälzle  im Januarheft der kirchlichen Zeitschrift Herder-Korrespondenz. Er mutmaßt, die Reaktion folge aus Angst und Sprachlosigkeit, die Atheisten befalle, wenn es um Religiosität geht.

In der Berliner Zeitung machen wir andere Erfahrungen. Leserinnen und Leser erklären  am Telefon selbstbewusst, furchtlos und mit individuell unterschiedlichen Argumenten, Religion spiele für sie keine Rolle, weil die Denkweisen der  Vergangenheit „überwunden“ seien, dank der Wissenschaft. Wissen um Naturgesetze statt Glaube sei maßgebend für ihre Weltanschauung. Religionskritische Äußerungen kommen vor, werden von den Atheisten aber selten militant vorgetragen (siehe auch Ergebnis der  nebenstehenden Studie).

Viele Atheisten zahlen Kirchensteuer

Abgesehen von empirischen Eindrücken stellt sich die Frage: Wer sind  „die Atheisten“, und wie groß ist ihr Anteil in der Berliner Bevölkerung? Die Definition kann leicht über das Wort hergeleitet werden: „átheos“ heißt „ohne Gott“. Allerdings ist es für Atheisten nicht ausgeschlossen, an irgendeine Art höheren Geist zu glauben. Atheisten gibt es auch unter Kirchensteuerzahler: Mehr als 20 Prozent der zahlenden Protestanten und elf Prozent der Katholiken geben an nach einer Umfrage des Instituts Allbus an, nicht an Gott zu glauben.

Das spricht für Unschärfen  in der Atheistenstatistik.  Doch auch  die Kirchen anerkennen mittlerweile die Grunddaten und überdenken Strategien: In den östlichen Bundesländern liegt der Anteil der Konfessionslosen bei 73 Prozent, den höchsten Anteil erreicht Sachsen-Anhalt mit 80 Prozent, Berlin  63 Prozent, mit gravierenden Unterschieden zwischen den östlichen und den westlichen Bezirken (siehe Karte).

Die  Forschungsgruppe Weltanschauung in Deutschland (fowid), die das auch für Berlin errechnet,  zieht ihre Datenbasis aus dem Mikrozensus des Statistischen Landesamtes Berlin, das sich wiederum auf die einzig sichere Zahl stützt: die der Kirchensteuerpflichtigen, also vor allem die Mitglieder der großen evangelischen und katholischen Kirchen sowie freireligiösen  und jüdischen Gemeinden.

Muslime, der unbekannte Faktor

Für 2014 meldet das Amt: 1,3 Millionen Berliner sind entweder Protestanten, Katholiken, Muslime und Juden. Hinzu kommen etliche Orthodoxe plus vergleichsweise wenige Buddhisten, Hindus und ähnliche kleinere Glaubensgemeinschaften. Das ergibt bei einer Bevölkerung von 3,4 Millionen um die 35 Prozent irgendwie Religiöse. Der größte Unsicherheitsfaktor: Die wirkliche Zahl der Muslime, das geben die Statistiker zu, ist unbekannt. Man arbeitet mit Schätzungen, Hochrechnungen, vagen Umfragen muslimischer Verbände.

So oder so bedeutet das: Zwei Drittel, in machen Bezirken bis drei Viertel  der Menschen sind Atheisten. Bezieht  man die oben erwähnten Nichtglaubensbekenntnisse von Kirchensteuerzahlern ein, sind es womöglich noch mehr.  Gleichwohl lebt das Land mit einem  Grundgesetz, das einen Gottesbezug gleich in der Präambel herstellt: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen…“.

Dem  Osten Deutschlands, vormals weithin preußisch,  gilt heute ein Atheisten-Ressentiment in dreifacher Form: Die Leute  seien kulturarm, weil gottlos; sie seien irrelevant, weil lediglich regional, irregeleitet weil Produkt der DDR (siehe Infobox). Die Vorwürfe laufen auf eine spezifische geistige Verwahrlosung hinaus, die zum Beispiel ein beachtenswertes Urteil zu Fragen wie Abtreibung oder Embryonalforschung ausschließt.

„Richtige Ossis“ gegen Religion immun?

Doch die Zahl der Glaubensverzichter im Osten wächst, ihrer Verächtlichmachung zum Trotz. Axel Noack beispielsweise stellte 2001 als Bischof der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen in Magdeburg bedauernd fest, es sei nicht nur ein Vorgang in den Köpfen, sondern in der gesamten Lebensgestaltung, dass der „richtige Ossi“ gegenüber Religion immun sei. Weiter räumte er ein, im Berliner Stadtteil Hellersdorf seien  maximal ein Prozent der 140.000 Einwohner Christen im neutestamentlichen Sinn  – ein Wert, den man auch in einer islamischen Stadt der arabischen Welt antreffen könne.

Fast vollständig mangelt es an gesichertem Wissen über die inhaltliche Vorstellungen der vielen Atheisten.  Interessante Hinweise liefert die  2013 im Ch. Links Verlag erschienene Untersuchung der Philosophin Rita Kuczyinski  „Was glaubst Du eigentlich? – Weltsicht ohne Religion“. Die Autorin fragt: Worin sehen Atheisten den Sinn des Lebens? Welche Werte  bestimmen ihr Handeln? Wie finden sie Trost? Welche Vorstellungen haben sie von Tod und Sterben? Die Arbeit ist nicht repräsentativ doch von immenser Lebensnähe.

Einige Resultate seien genannt. Da ist zuerst der  Unterschied zwischen Ost- und West-Atheisten.  70 Prozent der befragten Westdeutschen waren abtrünnige Christen. Deren Drang, sich abzusetzen von der abgelegten Religion, ist stark. Sie wird  bekämpft,  gehasst, totalitär genannt.

Die im Namen des Christentums oder mit Zutun von Christen begangenen historischen Verbrechen werden betont.  Die Ostdeutschen hadern nicht mit der Religion. Sie hatten nichts mit ihr zu tun. Sie ist ihnen schlicht egal. Gott war nie von Belang. Sie sprechen positiv von ihrem Glauben an den Menschen, das Gute in ihm, das in ihm steckende Potenzial. Sie sprechen von Solidarität, von Toleranz und Vernunft. Ostdeutsche messen der Gemeinschaft einen hohen Wert zu, Westdeutsche dem Individuum, dessen Kraft und Selbstvertrauen.

Bloß kein ewiges Leben!

Fast  vollständig stimmt man überein in der Frage nach dem Sinn des Lebens:  Es ist das Leben an sich. Man  macht das beste daraus, gibt ihm einen Sinn durch Kinder oder nützliche  Leistungen. Und: Wenn das Leben endet, ist Schluss. Das Andenken existiert weiter, das Vollbrachte, die Moleküle. Das hat Folgen für das Bild vom Tod. Keine Spur von Furcht, vielmehr ist der Gedanke an ewiges Leben ein Horror.

Werte und moralisches Handeln unterscheiden sich nur geringfügig: Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Rücksichtnahme gegenüber anderen, Freundschaft, Gerechtigkeit –  alles keine Erfindungen des Christentums. Alle Befragten gehen davon aus, dass Christen keine anderen Werte haben, abgesehen von der Gottesverehrung. Auffällig ist, dass Ostdeutsche Kinder und Familie  viel häufiger als Wert benennen. Trost findet man bei anderen Menschen, Freunden, den Kindern. Gern auch beim geliebten Haustier oder, gar nicht selten, bei sich selbst, im Nachdenken, im Tätigwerden.

Gott wird weder zum Leben noch zum Sterben gebraucht. Das empfinden militante Christen als Provokation. Sie wehren sich, indem sie  Atheisten die Fähigkeit zur Vollausbildung von Menschlichkeit und Moral absprechen. Wie fromme Muslime als starke Gruppe mit Atheisten umgehen würden, wissen wir nicht. Beide Gruppen begegnen einander kaum.  Ein  Unbehagen besteht, aber Mutmaßungen verbieten sich, weder unheilvolle noch beschönigende. Immerhin ist zu sehen: Atheisten leben mit großem Vertrauen in den Menschen.