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Friedenau: Antisemitische Parolen an der Wohnungstür

Die beschmierte Wohnungstür.

Die beschmierte Wohnungstür.

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Petra Fritsche

Noch immer kann es Petra Fritsche kaum fassen. Dass so etwas in ihrem Haus passiert, hätte sich die 62-Jährige nie vorstellen können. Am Montagmorgen gegen 7.30 Uhr fand sie an ihrer Wohnungstür im ersten Stock eines Altbaus in Friedenau einen schwarzen Schriftzug. „Vorsicht! Juden-Freundin“ hatte jemand mit Edding in großen Druckbuchstaben an die Tür geschmiert. Wenige Sekunden später dann der nächste Schock: „In meinen Briefkasten war ein Böller geworfen worden, der Kasten war ziemlich beschädigt“, sagt Petra Fritsche.

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Der Anschlag ist der bisherige Höhepunkt in einer Reihe von Anfeindungen gegen die Friedenauerin. Schon mehrfach habe sie anonyme Briefe und Anrufe mit antisemitischem Inhalt bekommen, sagt die Kommunikationswissenschaftlerin. Petra Fritsche, die bis vor vier Jahren Direktorin des Berliner Internationalen Studienzentrums war, engagiert sich in dem Schöneberger Ortsteil in einer Initiative für Stolpersteine. Mit diesen kleinen Gedenksteinen wird auf Gehwegen an die Opfer der Nazi-Diktatur erinnert, die einmal in den dortigen Häusern wohnten. Die Namen der Opfer sind in Messingtafeln graviert.

Petra Fritsche ist seit mehr als fünf Jahren von dem politischen Projekt fasziniert, das der Kölner Künstler Gunter Demnig initiiert hat. Ihr Name steht auf Einladungen für neue Verlegungen, sie recherchiert in Archiven zu den Opfern und lernt deren Nachfahren kennen, wenn die Steine ins Pflaster kommen. Sie spricht über das Thema vor Schülern und in der Philippuskirche vor Besuchern. Und sie erklärt als ehrenamtliche Stadtführerin in Grunewald und Friedenau Interessierten, wo einst Täter und Opfer wohnten. Derzeit schreibt sie an einer Arbeit zum Thema „Stolpersteine – das Gedächtnis einer Straße“.

Gemeint ist damit die kleine Stierstraße. 54 Stolpersteine wurden dort vor zehn Häusern verlegt. Petra Fritsche war eine der Initiatorinnen der Aktion. „Die Stierstraße ist eine jener Straßen, in denen die Nazis die Juden vor der Deportation konzentrierten“, sagt sie. In sogenannten „Stern-Wohnungen“, die so hießen, weil sie mit einem gelben Stern gekennzeichnet waren, wurden mehrere Familien auf engstem Raum zusammengepfercht. Im Mai 2012 lernte Fritsche einen 86-jährigen Mann aus Kalifornien kennen, der einst in einer „Stern-Wohnung“ an der Stierstraße lebte. Als einziger seiner Familie entkam er der Deportation ins Vernichtungslager. Seine Eltern hatten ihn rechtzeitig auf einem Kindertransport unterbringen können. „Der alte Mann war gerührt, dass wir für seine Familie einen Stolperstein verlegt haben“, sagt Petra Fritsche.

Das LKA ermittelt

Die 62-Jährige hat wegen der Schmiererei an ihrer Tür Anzeige erstattet, das Landeskriminalamt ermittelt. Fritsche hält es für möglich, dass die Täter dieselben sind, die Ende März Dutzende Stolpersteine an der Stierstraße und weiteren Orten im Kiez unkenntlich gemacht hatten. Dass in Friedenau, einem seit jeher gutbürgerlichen Viertel, solches möglich ist, wundert sie weniger. „Antisemitismus ist offenbar wieder gesellschaftsfähig“, sagt sie. Auch der Überfall auf den Rabbiner Daniel Alter kann dafür als Beleg gelten. Der 53-jährige Rabbiner war Ende August vorigen Jahres auf offener Straße in Friedenau von Jugendlichen attackiert worden und erlitt einen Jochbeinbruch. Ein Täter wurde nicht ermittelt, heißt es bei der Staatsanwaltschaft.

Petra Fritsche will sich nicht unterkriegen lassen. Der nächste Stolperstein an der Stierstraße soll am 10. September verlegt werden. Sie sagt: „Ich blicke trotzig nach vorn.“