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Friedhof in Kreuzberg: In Todesnähe

Für das Trauerhaus auf dem Friedhof an der Berliner Bergmannstraße müsste die Kastanie auf dem Hinterhof gestutzt werden.

Für das Trauerhaus auf dem Friedhof an der Berliner Bergmannstraße müsste die Kastanie auf dem Hinterhof gestutzt werden.

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Benjamin Pritzkuleit

Berlin -

Eine Windbö jagt von Osten heran, über die Dächer von Neukölln hinein nach Kreuzberg. Nach Herbst riecht sie und Regen. Sie gleitet über die Berliner Hasenheide und die Friedhöfe nebenan, nimmt noch einmal Fahrt auf über den flachen Gräbern und packt schließlich die Kastanie im Hinterhof der Kreuzberger Heimstraße 22. Ein Rauschen hebt an, als der Wind die Blätter des mächtigen Baumes durcheinanderwirbelt. „Hören Sie das?“, fragt Ines Schröder-Sprenger.
Sie steht auf ihrer Dachterrasse in der Heimstraße und schaut auf die Kastanie im Hof, die den Blick auf den benachbarten Dreifaltigkeitsfriedhof versperrt. Die kleine, zarte Frau mit dem silbergrauen Haar sieht zum Baum hinüber, eine Hand leicht erhoben und lauscht. „Dieses Rauschen“, sagt sie dann. „Darum geht’s.“

Die Kastanie steht am Ende des nach hinten offenen Wohnhofes, direkt an der Mauer, die das Grundstück vom Friedhof trennt. 22 Meter ist sie hoch, der Stamm hat am Boden einen Umfang von fast drei Metern. Schon auf Höhe der Mauerkrone aber strebt der Baum auseinander. Der Hauptstamm führt gerade nach oben, sein Blätterdach breitet sich über dem Hof aus. Ein etwas schmalerer Zweig ragt über die Mauer auf den Friedhof hinaus. Ein Baum für die Lebenden hüben und die Toten drüben.
Die Kastanie vom Kreuzberger Hinterhof ist zum Gegenstand einer Auseinandersetzung vor dem Berliner Verwaltungsgericht geworden. Das Gericht muss klären, ob ein geplanter Neubau auf dem Friedhofsgelände die Gesundheit und Standfestigkeit der weit über hundert Jahre alten Rosskastanie bedrohen könnte. So befürchten es Ines Schröder-Sprenger und die anderen Bewohner aus der Heimstraße 22 und wollen deshalb den Bau nebenan auf dem Friedhof verhindern. Doch in der Auseinandersetzung geht es nicht nur um einen Baum, sondern auch um die Frage, wie nah der Tod dem Leben kommen darf. Denn hinter der Hofmauer soll ein Trauerhaus entstehen, in dem Verstorbene aufgebahrt werden, damit Angehörige von ihnen Abschied nehmen können.

Die Grenze zur Unterwelt

Im Haus an der Heimstraße hat man den Tod stets vor Augen. Von den rückwärtigen Fenstern des Gebäudes aus schaut man – je nach Etage – auf oder über die Hofmauer, die das Grundstück vom Dreifaltigkeitsfriedhof trennt. Diesseits der Mauer das laute und leise Leben in den Wohnungen, die fröhlichen Sommer- und Kinderfeste der Hausgemeinschaft auf dem Hinterhof; jenseits die Gräber, die Toten, die Trauernden. Wenn man so will, gleicht diese Kreuzberger Hofmauer dem Fluss Styx aus der griechischen Mythologie – sie markiert die Grenze zwischen Ober- und Unterwelt. Wer hier wohnt, müsste doch gelassener sein im Umgang mit der Nachbarschaft der Toten.

„Das haben wir auch geglaubt“, sagt Susanne Jung lakonisch. „Aber so ein Blick auf einen Friedhof mit seinen Bäumen und Kreuzen allein verdrängt eben nicht unsere diffusen Ängste.“ Susanne Jung ist Bestattungsunternehmerin, eine resolute Frau mit Kurzhaarfrisur und einem melancholischen Lächeln. Sie ist der Gegenpart der Bewohner aus der Heimstraße 22. Denn die Bestatterin aus Lichtenrade möchte gemeinsam mit ihrem Kollegen Uller Gscheidel das – wie sie es nennt – Abschiedshaus an der Friedhofseite der Hofmauer bauen lassen. So etwas gibt es auf Berliner Friedhöfen bislang nicht. „Die Hinterbliebenen sollen hier Räume mieten können, um ihrer Trauer Zeit geben zu können“, sagt Susanne Jung. „Sie können ein paar Stunden mit den Toten zusammen sein, einen ganzen Tag oder zwei. Sie können dort Kaffee trinken, sich unterhalten, Musik spielen oder einfach nur dasitzen und sich an die gemeinsame Zeit mit den Verstorbenen erinnern.“

Die alte Kapelle des Friedhofs, rechts vom Eingang an der Bergmannstraße, wird von der Kirche nicht mehr genutzt, jetzt stellen Susanne Jung und Uller Gscheidel dort ihre Mustersärge aus. Es fröstelt einen in dem kahlen Steingebäude, was vielleicht auch an all den hölzernen, mehr oder weniger verzierten Särgen ringsum liegt. Die beiden Bestatter wuchten ein hölzernes Architekten-Modell auf einen Tisch. So soll es aussehen, das Abschiedshaus: Gleich neben der Kapelle wird eine baufällige Remise ausgebaut, in der früher Mitarbeiter des Friedhofs wohnten. Daran schließt sich der Neubau an, auf einem verwilderte Gartenstück, das an die Hofmauer der Heimstraße 22 grenzt. Remise und Neubau sollen dann vier unterschiedlich große Abschiedsräume beherbergen, die von Trauernden angemietet werden können. Der etwa sechs Meter breite Neubau soll deutlich flacher werden als die alte Remise, er wird nicht höher sein als die Hofmauer und den Bewohnern aus der Heimstraße somit den Blick vom Nachbargrundstück nicht verstellen.

Gegen ihr Konzept eines Abschiedshauses, das sie vor fünf Jahren entwickelt hat, gebe es keinen Widerstand der Anwohner, sagt Susanne Jung. „Im Gegenteil, sie finden es ausdrücklich gut und richtig. Aber sie wollen so ein Haus eben nicht in ihrer Nähe.“ Und warum nicht? Uller Gscheidel, ein kräftiger Mann mit lichtem Haar und tiefer Stimme, zuckt mit den Schultern. „Wir Bestatter kennen das“, sagt er. „Wenn ein Toter aus dem Krankenhaus noch einmal nach Hause gebracht wird, damit die Familie sich von ihm verabschieden kann, dann gibt es oft Probleme mit den Nachbarn. Die Vorstellung, dass ein unbeerdigter Toter nur ein paar Meter entfernt in einem Raum liegt, löst bei den Menschen irrationale Gefühle von Bedrohung und Angst aus.“

So wird es auch bei den Leuten aus der Heimstraße sein, vermutet Gscheidel. „Dabei sind viele von ihnen schon über die Sechzig hinaus. Das, was wir hier machen wollen, müsste ihnen also näher sein als jungen Menschen“, sagt er. Aber man komme einfach nicht miteinander ins Gespräch. „Wir hatten die Leute auch schon eingeladen, um ihnen unsere Idee und das Modell des Baus vorzustellen und mit ihnen darüber zu diskutieren“, sagt Susanne Jung. „Aber sie standen nur im Halbkreis herum, hörten uns zu und schwiegen, die Arme vor der Brust verschränkt.“

Auf ihrer Dachterrasse schüttelt Ines Schröder-Sprenger energisch den Kopf. „Wir sind hier nicht die Bösen in dem Spiel, wir wollen nichts verhindern“, sagt sie. „Wir haben nur Angst um unseren Baum.“ Für den Neubau müssten die Wurzeln der Kastanie auf der anderen Seite der Mauer und auch einige Äste gekappt werden, sagt sie. Aber niemand könne garantieren, dass der Baum daran nicht zugrunde geht. „Aber der Baum gehört doch zu diesem Haus, zu uns.“
Die Heimstraße 22, ein schönes Bürgerhaus aus der Gründerzeit mit weiß gestrichener Fassade und dunkelroten Fenstern, ist kein Haus, in dem alle paar Jahre die Mieter wechseln. Manch einer lebt schon vierzig Jahre hier und länger. 1994, als die alte Besitzerin starb, taten sich die meisten Bewohner zusammen und kauften das Haus. „Wir waren uns einig: Bevor die Spekulanten kommen, übernehmen wir es selbst“, sagt Ines Schröder-Sprenger.

Die Hausgemeinschaft ließ das Gebäude renovieren und den Hof pflastern. Das Dachgeschoss wurde ausgebaut, die Dächer der Garagen auf dem Hof sind begrünt. An der Fassade prangt ein Spruch des Schriftstellers Paul Heyse: „Echtes ehren/ Schlechtem wehren/ Schweres ueben/ Schoenes lieben“. Im Sommer sitzen die Hausbewohner auf Holzbänken unter der Kastanie im Hof, schauen zusammen die Fußball-WM auf einer Leinwand, feiern Geburtstage oder Hochzeiten. Es gibt einen Gemeinschaftsraum im Haus und noch einen Spruch im Treppenflur: „Meine Väter sind schwarz/ Und meine Mütter sind gelb/ Und meine Brüder sind rot/ Meine Schwestern sind hell./ Ich bin über 10 000 Jahre alt/ Und mein Name ist Mensch.“ Die Sätze stammen aus einem Lied der Berliner Rockgruppe „Ton, Steine, Scherben“, einer Kultband der Kreuzberger Hausbesetzerszene. Im Haus wohnen Werner Orlowsky, erster grüner Baustadtrat in Kreuzberg, der in den Achtzigern zwischen Hausbesetzern und Senatoren vermittelte, und Volker Schröder, der zum Gedenken an die Revolution von 1848 die Umbenennung des Platzes vor dem Brandenburger Tor in Platz des 18. März durchsetzte. „Nein“, sagt Ines Schröder-Sprenger noch einmal, „hier gibt es niemanden, der sich einer guten Idee in den Weg stellt. Wir wollen nur, dass das Trauerhaus woanders hingesetzt wird.“

Auch Katharina Orlowsky-Stubbe aus dem 2. Stock findet die Idee des Abschiedshauses „an sich gut“, wie sie sagt. Dass der Bau aber direkt an ihren Hof anschließen soll, hält sie für unangebracht, und das nicht nur wegen der Kastanie. „Alle Beteiligten würden doch unter der Situation leiden“, sagt die Rentnerin. „Wenn wir auf dem Hof feiern, die Kinder dort herumtoben – wir könnten doch gar nicht mehr so ungezwungen sein in dem Wissen, dass auf der anderen Seite der Mauer gerade Menschen um ihre Liebsten trauern.“ Und was würden die Trauernden empfinden, wenn Kindergeschrei und Lachen über die Hofmauer zu ihnen dringt, fragt sie. „Schon die Pietät verbietet eine solch große Nähe.“
Hans W. Korfmann, eine Etage höher , hat Verständnis für solche Empfindungen seiner Nachbarn. „Die Trauer, der Tod rückt auf diese Weise unheimlich nah heran. Dass dies vor allem die älteren Bewohner in unserem Haus belastet, kann man doch nicht einfach beiseite wischen“, sagt er.

Korfmann, ein erschöpft wirkender Mittfünfziger mit verwuscheltem Haar und müdem Blick, ist Journalist. Für ihn ist der umstrittene Friedhofsneubau längst auch Ausdruck eines Kulturwandels. Das Abschiedshaus sei ein Beispiel von vielen für die fortschreitende Kommerzialisierung des Friedhofwesens, argumentiert er, der seit 1998 in seinem Außenseiter-Verlag das monatliche Stadtteilmagazin „Kreuzberger Chronik“ herausgibt. „Die wirtschaftlichen Nöte zwingen die Kirche, leerstehende Gebäude und Flächen zu vermarkten“, sagt er. Dabei kämen aber nicht immer friedhofsnahe Gewerbe zum Zuge, obwohl es so vorgeschrieben sei. Als Beispiel nennt er die anderen aufgegebenen Friedhofskapellen an der Bergmannstraße, wo ein Catering-Unternehmen und eine Heilpädagogin mit kinderpsychotherapeutischer Zusatzausbildung Räume bezogen hätten.

Das jetzt geplante Abschiedshaus sei ebenfalls eine privatwirtschaftliche Nutzung, auch wenn hierbei immerhin eine friedhofsnahe Zweckbindung vorliege, wie Korfmann sagt. „Ich hätte mir aber gewünscht, dass die Kirche das mit den Anwohnern vorab bespricht. Dann wären wir vielleicht gemeinsam auf einen Standort gekommen, der unseren Bedenken Rechnung trägt.“ Für eine Einigung ist es nun zu spät, glaubt er. Jetzt bleibe nur noch Protest. In seinem Magazin hat Korfmann schon zum Widerstand aufgerufen und seine Nachbarn und sich als „echte Kreuzberger, standhaft wie die Gallier“ gefeiert.

Keine Vermittlung möglich

Jürgen Quandt kann da nur den Kopf schütteln, wenn auch ein nachsichtiges Lächeln in seinen Augen hinter der Brille funkelt. „Als Christ kann man doch nichts gegen das Abschiedshaus haben“, sagt der 69-jährige Pfarrer. Quandt, der vor dreißig Jahren als erster Berliner Pfarrer Flüchtlingen Kirchenasyl gewährte, ist heute der Geschäftsführer des evangelischen Friedhofsverbandes. In dieser Funktion hat er sich in den vergangenen drei Jahren bei den kommunalen und kirchlichen Behörden erfolgreich für das von Susanne Jung und Uller Gscheidel entwickelte Abschiedshaus eingesetzt. „Ich kenne beide seit vielen Jahren und ich weiß, welche Gedanken sie sich machen über eine alternative Bestattungskultur“, sagt Quandt. „Ihnen jetzt nur eine clevere Geschäftsidee zu unterstellen, ist ungerecht.“ Zumal ja eine gemeinnützige Gesellschaft das Abschiedshaus betreiben soll und darin auch keine eigenen Trauerfeiern als Alternative zu den kirchlichen veranstaltet werden dürfen. „Wir holen uns doch keine Konkurrenz ins eigene Haus“, sagt der Pfarrer.

Dass seine Kirche mit dem Projekt aber auch wirtschaftliche Absichten verfolgt, will er gar nicht verhehlen. „Es befreit uns von dem Ballast eines baufälligen, leerstehenden Gebäudes und bringt uns, durch einen Erbbaupachtvertrag mit den Betreibern, sogar noch einen Erlös. Eigentlich gibt es nur Gewinner bei diesem Projekt.“
Wenn da nicht die Anwohner aus der Heimstraße 22 wären. Pfarrer Quandt wiegt bedächtig seinen Kopf. „Ich kenne einige dieser Menschen recht gut“, sagt er. „Das sind interessante, sehr nette Leute. Aber in dieser Sache haben sie sich verrannt, da führt kein Weg mehr hinein.“ Er habe es deshalb auch gar nicht versucht, zwischen den streitenden Parteien zu vermitteln, sagt er. „Die Sache liegt jetzt bei Gericht, und dort wird entschieden.“ Die Kastanie geht jetzt erstmal in die Winterpause.