Sonderthema: Flüchtlinge in Berlin | Die besten Wochenmärkte in Berlin | Michael Müller |

Berlin
Informationen und Veranstaltungen rund um die Hauptstadt Berlin und die Region

Friedhofscafé Berlin: Kaffeekränzchen auf dem Friedhof in Kreuzberg

Eine ungewöhnliche Verbindung: Das Café Strauss auf dem Gelände des Friedhofs des Friedrichwerdeschen Kirchhofs in Berlin.
Eine ungewöhnliche Verbindung: Das Café Strauss auf dem Gelände des Friedhofs des Friedrichwerdeschen Kirchhofs in Berlin.
Foto: dpa

Früher lagen in der Aufbahrungshalle auf dem Friedhof in Berlin-Kreuzberg die Toten. Heute werden hier Cappuccino, Kuchen und Schnittchen gereicht. Experten schätzen, dass es bald mehr solcher Friedhofcafés geben könnte.

Langsam bewegt sich der Trauerzug mit der Urne über den kleinen Friedhofsweg. Die Herbstsonne scheint. Nur einige Meter entfernt sitzen Sebastian Klopfleisch und Gritt Brosowski vor der früheren Aufbahrungshalle im Berliner Stadtteil Kreuzberg - und trinken Kaffee. Den Trauerzug sehen sie nicht, ein Torbogen steht im Weg. „Ich fand den Gedanken charmant, hier ein Café zu errichten. Das hat ja auch etwas Lebendiges“, sagt die 34-Jährige, die hier oft spazieren geht.

Noch sind Friedhofscafés eher selten zu finden. Von der Bergmannstraße aus - eine belebte Meile mit vielen Kneipen - ist das rote historische Backsteingebäude auf dem Friedrichwerderschen Kirchhof kaum zu übersehen. In der Halle, die aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammt, wurden früher die Toten für mehrere Tage aufgebahrt. An den Füßen trugen sie ein Glöckchen, damit Scheintote vor der Beisetzung bewahrt werden. Später stand das Gebäude lange leer und die evangelische Kirche dachte über die Weiternutzung nach.

Zuletzt seien ein Schuh- beziehungsweise ein Stühlemuseum im Gespräch gewesen, erzählt Martin Strauss. Der 48-Jährige bekam dann aber den Zuschlag - er betreibt inzwischen mit seiner Frau Olga das Café in der Aufbahrungshalle. Rund ein Jahr dauerte der Umbau des denkmalgeschützten Gebäudes, um den sich Strauss selbst kümmerte. Er ist als Architekt bei der evangelischen Kirche angestellt.
In der kleinen Halle ist es an diesem Vormittag relativ still. Nur das Surren des Kühlschranks ist zu hören, das Licht ist gedimmt. Olga Strauss steht hinter dem kleinen Tresen und bereitet Schnittchen vor. „Nachmittags ist hier mehr los“, sagt sie. Früher hat sie selber in einer Kaffeerösterei gearbeitet, die Idee mit dem Friedhofscafé stammt von ihr.

In einer Ecke des Cafés haben vier Rentnerinnen Platz genommen. „Ein Friedhofscafé macht doch einen Friedhof attraktiver“, sagt eine 73-Jährige. „Es ist ein Ort, an dem man über Verstorbene sprechen kann, die hier begraben sind“, sagt eine 64 Jahre alte Frau. „Die meisten unserer Kunden sind Friedhofsbesucher oder Anwohner“, berichtet Café-Inhaber Strauss. Genau dies wollte das Ehepaar schaffen: einen ruhigen Anlaufpunkt ohne Trubel, wie er etwa weiter oben in der Bergmannstraße herrscht.

Nach Einschätzung des Verbandes der Friedhofsverwalter Deutschland sind Friedhofscafés bisher eher die Ausnahme. In der Millionenstadt Berlin jedoch könnten künftig noch mehr solcher Lokale öffnen. Seit einigen Jahren gibt es bereits das „Café Finovo“ auf einem Friedhof im Stadtteil Schöneberg. „In ein paar Jahren werden Friedhofscafés sicherlich keine Ausnahme mehr sein“, meint Jürgen Quandt, pensionierter Pfarrer und Geschäftsführer des Evangelischen Friedhofsverbandes Berlin Stadtmitte. In Berlin gibt es weitere Friedhöfe, in denen solche Einrichtungen vorstellbar oder sogar schon in Planung seien. Das geschehe aber weniger aus finanziellen Gründen. „In erster Linie geht es darum, einen öffentlichen Ort zugänglicher zu machen“, sagt Quandt.

Im Café Strauss scheint das zu gelingen. Hier finden regelmäßig Trauerfeiern statt, zudem gibt es Konzerte oder Lesungen - sogar aus der Krimiwelt. „Neulich hatten wir die „Mörderischen Schwestern“ hier“, sagt der Architekt. Zu rummelig soll es im Friedhofscafé aber nicht zugehen. Vorgaben von der Kirche gebe es nicht, alles beruhe auf Vertrauen, sagt Strauss. „Aber natürlich wissen die, dass ich hier kein Metallica-Konzert veranstalten werde.“ (dpa)

comments powered by Disqus
Weihnachten
Weihnachtsmärkte in Treptow-Köpenick.

Alle Weihnachtsmärkte in Berlin im Überblick.

Facebook
Berliner-Zeitung.de auf Facebook
Ressort

Was in Berlin passiert, beschäftigt oft die ganze Republik. Wir schreiben Nachrichten, Reportagen und Analysen aus dem Herzen der Hauptstadt. Und sagen, was wo läuft.


Wowereits Nachfolger
Am Tag nach der Entscheidung: Michael Müller, 49, während eines Interviews mit der Berliner Zeitung in einem Kreuzberger Café.

Die SPD-Mitglieder haben Michael Müller als nächsten Regierungschef bestimmt. Ist das die richtige Wahl?

Umfrage

Soll sich Berlin für Olympia bewerben?

Aktuelle Berlin-Videos
Service

Wo drohen Staus? Fährt die S-Bahn? Immer ab 16 Uhr für den Folgetag.

Anzeige

Offen, hell und freundlich - am Berliner Bahnhof Gesundbrunnen entsteht ein neues Empfangsgebäude. mehr...

Sonderbeilagen & Prospekte
So sah Berlin früher aus
Dossier
Am Alexanderplatz soll ein 150-Meter-Turm entstehen.

Wie soll die Mitte Berlins aussehen? Alles zur Städtebau-Debatte.

Dossier
Am 8. Mai 2010 hatte Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) das Flugfeld für die Öffentlichkeit freigegeben.

Wohnen oder Park: Was wird aus dem alten Flughafen-Gelände?

Dossier
Wriezener Karree am Ostbahnhof.

Wie geht es weiter mit dem Berliner Immobilienmarkt?

Dossier
Der mittelständische Bauverband ZDB warf der öffentlichen Hand vor, in den vergangenen Jahrzehnten aus Kostengründen ihre Kompetenz als Bauherr stetig zurückgefahren zu haben.

Der Pannen-Flughafen Berlin-Brandenburg wird zum Politikum.

Berlin in Bildern
Polizei
Berliner Jobmarkt
Berliner Kieze und Bezirke