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Fuck for Forest: Ficken für den Regenwald

Das wäre jetzt noch die harmlose Variante im freizügigen Umgang der Fuck-for-Forest-Aktivisten.

Das wäre jetzt noch die harmlose Variante im freizügigen Umgang der Fuck-for-Forest-Aktivisten.

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berliner zeitung/benjamin pritzkuleit

Es ist ein sonniger Nachmittag, draußen laufen die Menschen in kurzen Hosen herum. In der Wohngemeinschaft nahe dem Bersarinplatz sehen die Bewohner um diese Zeit noch recht müde und antriebslos aus. Tommy ist kalt, er verkriecht sich in einer Jacke. Natty gibt Danny einen Kuss, der im grünen Plüschmantel Zähne putzend durch die Wohnung läuft. Leona, mit Piercings, Dreadlocks und kurzem Rock, schaut in die Runde. Und Laura und Robin kuscheln auf dem Sofa.

Das ist das Hauptquartier von Fuck for Forest. Die Wohngruppe ist wohl eine der umstrittensten Umweltorganisationen, denn die Aktivisten wollen mit ihren amateurhaften Pornofilmchen den Regenwald retten. Sie veröffentlichen die Sexfilme im Internet, wer sie sehen will, zahlt 15 Dollar im Monat. Wer will, kann auch mitmachen. Pornografie im Namen des Umweltschutzes.

Ungehemmte Nacktkämpfer

Der polnische Regisseur Michal Marczak hat die Berliner Wohngemeinschaft vor vier Jahren kennengelernt und sie mit der Kamera monatelang begleitet. Jetzt erscheint sein Dokumentarfilm „Fuck for Forest“. Marczak zeigt die ungehemmten Nacktkämpfer für den Umweltschutz auf Berlins Straßen, wenn sie neue Anhänger für ihre Pornodrehs im Freien suchen. Er reist mit ihnen an den Amazonas. Dort will die Gruppe ein Stück Regenwald kaufen, um es vor dem Abholzen zu retten. Man sieht wunderbare Naturaufnahmen und enttäuschte Gesichter. Denn die Indios wollen keine Hilfe von den „verkommenen“ Aktivisten aus Europa.

Die Skandinavier Leona Johansson und Tommy Hol Ellingsen sind die Gründer der Fuck-for-Forest-Bewegung. Ihr Alter sagen sie nicht, sie werden um die 30 sein. Bekannt wurden die beiden, als sie im Sommer 2005 bei einem Konzert im südnorwegischen Kristiansand vor 3000 Zuschauern Geschlechtsverkehr auf der Bühne hatten. Das war ein Skandal. Gerichtsverfahren folgten, die Geldstrafe bezahlten sie aus dem Verkauf von Pornos. Irgendwann wurde es ihnen einfach zu schwierig in Norwegen. Vor acht Jahren flohen sie nach Berlin, gründeten die WG, die auch Arbeitsplatz für ihre Pornodrehs wurde.

Zurzeit wohnen acht Leute zwischen 20 und Anfang 30 in der hippiemäßig eingerichteten Altbauwohnung. Es ist eng und unaufgeräumt, in den Zimmern mit roten Wänden gibt es robuste Hochbetten und Matratzen, man sieht Trommeln, Keyboards, bunte Tücher, Traumfänger, Indianerschmuck. Manchmal leben bis zu 15 Menschen in der Wohnung, selbst in der Küche steht ein Hochbett. Ein soziales Projekt sei diese WG, sagt Leona Johansson, die meist jungen Leute kommen zum Reden, sie sind auf der Suche nach Nähe, laufen nackt herum, sie experimentieren mit ihrer Sexualität, jederzeit an jedem Ort, jeder mit jedem.

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Linke Gruppen wollen nichts mit ihnen zu tun haben. Mit den Organisatoren des Slutwalk, einem Protestmarsch gegen sexuelle Gewalt, gab es Stress. Sexismus lautete der Vorwurf. Umweltschützer des World Wildlife Fund (WWF) lehnen eine Zusammenarbeit ab. Tommy Hol Ellingsen wird wütend. „Was ist Moral, wenn wir nicht die Natur respektieren?“, sagt er. „Kriege und Umweltzerstörung sind normal, doch Sex in der Öffentlichkeit und Nacktheit werden kriminalisiert.“

Erfolgreich scheint das Konzept der Öko-Truppe mit ihren Feld-, Wald- und Wiesen-Pornos dennoch zu sein. Obwohl es im Internet heutzutage etliche kostenlose Pornoseiten gibt, hat Fuck for Forest bisher etwa zwei Millionen norwegische Kronen verdient, 245.000 Euro und 326.000 Dollar, schreiben sie auf ihrer Internetseite. Sie unterstützten fünf Umweltprojekte in Peru, Brasilien, Costa Rica und der Slowakei.

Von dem Geld sieht man in der WG nichts. Lediglich die Miete finanzieren sie aus ihren Einnahmen, sagt Ellingsen. Für seinen Lebensunterhalt sorge jeder selbst. Mit Straßenmusik und Sex-Vorführungen in Klubs. Am Tag holen sie ihr Essen bei der Tafel für Bedürftige, nachts durchwühlen sie Abfallcontainer der Supermärkte.

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Sind sie nun schnöde Exhibitionisten? Durchgeknallte Individualisten, die glauben, wer Regenwälder kaufe, helfe den Ureinwohnern? Sex und Politik, das gab es jedenfalls schon immer – die 68er, die nackten Rückansichten der Kommune 1, die freie Liebe. John Lennon und Yoko Ono lagen tagelang im Bett. Oder „Petting statt Pershing“. Zurzeit finden die Aktivistinnen von Femen mit nackten Brüsten immer wieder ihre Aufmerksamkeit.

So ungehemmt die Männer und Frauen von Fuck for Forest ihren Sexualtrieb auch ausleben, in politischer Hinsicht werden sie Exoten und Einzelkämpfer bleiben. „Ich bin zufrieden damit, nicht verstanden zu werden“, sagt Danny. Die Gruppe hat sich inzwischen auch mit dem Regisseur der Doku überworfen, kritisiert, der Film sei eine Lüge, der Regisseur „ein in Geld und Ruhm verliebter Filmemacher“. Statt zur Berlin-Premiere lädt die Gruppe am heutigen Dienstag zur Sex-Party in den Kit-Kat-Club ein. Die Filmkamera immer griffbereit.

Berlin-Premiere: Di 11.06.2013, 21.30 Uhr, Freiluftkino Kreuzberg, ab 13. Juni im Central-Kino in Mitte und Eiszeit-Kino Kreuzberg



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