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Fußgängerlobbyist Stefan Lieb : Warum Radfahrer in Berlin nerven können

Stefan Lieb und sein Lieblings-Verkehrszeichen: Am Zebrastreifen müssen Kraft- und Radfahrer anhalten, damit Fußgänger die Straße überqueren können.

Stefan Lieb und sein Lieblings-Verkehrszeichen: Am Zebrastreifen müssen Kraft- und Radfahrer anhalten, damit Fußgänger die Straße überqueren können.

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Berliner Zeitung/Markus Wächter

Eine Lobby für Fußgänger? Gibt es so was überhaupt? Ja: den Fachverband Fußverkehr Deutschland, FUSS genannt. Jeder Mensch ist tagtäglich per pedes unterwegs, doch die zahlreichen Fußgänger werden von Politikern und Planern oft ignoriert. Das will der FUSS ändern. Der neue Bundesgeschäftsführer heißt Stefan Lieb, und er hat sein Büro in der Exerzierstraße in Wedding – passenderweise mit einem Zebrastreifen vor der Tür.

Sie machen einen ausgeglichenen Eindruck. Müssten Sie sich eigentlich nicht ständig ärgern?

Warum?

Berlin gilt als Stadt der Fußgänger, die meisten Wege werden zu Fuß zurückgelegt. Trotzdem tauchen die Fußgänger und ihr Verband selten in den Medien auf. Wurmt Sie das?

In der Tat ist das ein Problem für die Fußgänger. Kaum ein Politiker spricht über Fußverkehr, auch bei zahlreichen Planern ist das Thema noch nicht verankert. Aber es kommt immer mehr in die Köpfe hinein, dass es sehr viele Menschen gibt, die gehen, um irgendwo anzukommen – nicht nur von der Wohnung zur Garage. In Berlin werden mehr Wege zu Fuß zurückgelegt als im Auto oder mit dem Nahverkehr.

Wenn es um Verkehrspolitik geht, wird die Autofahrer- oder die Radfahrerlobby befragt. Warum wird so selten an Fußgänger gedacht?

Vielleicht, weil wir Fußgänger nicht so ein Wirtschaftsfaktor sind wie Auto- oder Radfahrer. Wir brauchen Schuhe, nicht viel mehr. Die Industrie ist an uns nicht besonders interessiert. Wir sind einfach da.

Fußgänger fühlen sich an den Rand gedrängt, von Autos gefährdet, von Radlern bedrängt. Müsste es nicht auch einen Verband militanter Fußgänger geben?

Es staut sich Ärger an, ganz klar. Es gibt Fußgänger, die uns erzählen, was sie am liebsten mit dem Autofahrer machen würden, der ihnen als Nächstes über die Füße fährt. Oder mit dem Radfahrer, der sie als Nächstes auf dem Gehweg anklingelt. Wir sagen: Gewalt löst die Probleme nicht. Doch solche Regungen zeigen, wo die Probleme liegen.

Von Ihnen kommen die Aufkleber „Parke nicht auf unseren Wegen“. Die werden schon mal auf Rückspiegel geklebt. Das ist nicht legal.

Wir sind die Erfinder dieser Aufkleber. Aber dazu gibt es eine Gebrauchsanleitung, die klar besagt, dass sie nicht auf den Spiegel oder den Lack gehören, sondern nur an den Rand der Windschutzscheibe. Wir bieten auch nur solche Aufkleber an, die leicht zu entfernen sind. So stellen die Aufkleber rechtlich keine Sachbeschädigung dar.

Hand aufs Herz: Fühlten Sie schon mal den Impuls, einen Radfahrer, der Ihnen auf dem Gehweg entgegenkam, vom Rad zu stoßen?

Dazu fällt mir ein Erlebnis ein, das ich in Neukölln hatte. Vor Kurzem war ich im Schillerkiez, in der Herrfurthstraße. Dort ist ein Teil des Kopfsteinpflasters asphaltiert worden, man kann dort als Radfahrer jetzt sehr gut fahren. Es gibt wenig Kfz-Verkehr, es ist ruhig. Doch meine private Verkehrszählung ergab: 50 Radfahrer auf den Gehwegen, aber nur fünf auf der Fahrbahn. Da war ich ratlos. Was kann man den Radfahrern denn noch bieten? Stützräder? In solchen Fällen bin ich schon genervt. Und ich bin auch nicht so gestrickt, dass ich bereitwillig präventiv aus dem Weg springe, damit Herr Radfahrer oder Frau Radfahrerin auf dem Gehweg durchkommt. Manchmal gebe ich einen Kommentar ab. Aber gewalttätig werden? Das bringt nichts. Zumindest kein Verständnis.

Wie sollte man als Fußgänger in so einem Fall stattdessen vorgehen?

Wir sagen: Radfahrer auf die Fahrbahn! Allerdings müssen dort auch die Bedingungen stimmen: Auf der Fahrbahn darf es nicht zu schnell zugehen, und es muss genug Platz sein. Beim Radfahrer-Bashing machen wir jedoch nicht mit. Die meisten Mitglieder unseres Verbands fahren Rad, ich auch. Und auch ich bin sehr selten auf Gehwegen unterwegs. Aber langsam und immer im Bewusstsein: Hier bin ich ein Gast, der sich benehmen sollte. Wenn Aufklärung und Verbesserungen an der Fahrbahn nichts geholfen haben, sollten als letzte Maßnahme auch mal ein paar Euro an die Polizei fällig werden.

Immer wieder wird diskutiert, alle Wege in Grünanlagen für Radfahrer zu öffnen. Wie sehen Sie das?

Als Radfahrer muss man nicht auf jedem Weg radeln. Grünanlagen sind Bereiche, in denen sich die Menschen erholen, in denen Kinder auch mal kreuz und quer rennen dürfen, ohne dass die Eltern ständig in Panik sind und gucken müssen, ob es Gefahren gibt. Radfahrer können ihr Fahrzeug hier gern schieben. Ansonsten: Die schönen Wege gehören den Fußgängern, den Rollstuhlfahrern, den Senioren mit Rollator.

Ist Berlin eine Fußgängerstadt?

Berlin hat einen großen Schatz: breite Gehwege. Im Vergleich zu anderen Städten ist das wirklich toll. Allerdings hapert es manchmal an der Qualität: Pflaster bricht auf, Kantensteine stehen hoch. Es gibt schlecht gesicherte Baustellen. Viele Gehwege sind in früheren Jahrzehnten schmaler geworden: Radwege wurden abgeknapst und Parkplätze. Und immer mehr Verkehrsteilnehmer sind dort unterwegs. Jetzt müssen dort auch noch Segways fahren. Irgendwann wird es zu eng. Vor den Hackeschen Höfen oder auf der Warschauer Brücke können die Menschen nur noch im Gänsemarsch gehen. Das ist unhaltbar.

Sollte der Hackesche Markt Fußgängerzone werden?

Wir sind nur sehr bedingt Fans von Fußgängerzonen. In vielen Fällen ist dort abends nichts los. Wir schlagen stattdessen vor, den Bereich vor den Hackeschen Höfen und angrenzende Straßen zu einer Begegnungszone zu machen. Das würde bedeuten: Autos, Fahrräder und Straßenbahnen dürften weiterhin fahren, aber nur Tempo 20, und Fußgänger haben überall Vortritt, wenn sie die Straße queren wollen. Vom östlichen Ende der Oranienburger Straße sollten die Parkplätze verschwinden. Dann könnten sich die Cafés auf den Gehwegen ausbreiten und die Fußgänger auf der jetzigen Fahrbahn laufen. Heute ist es dort sehr stressig. Da ist Berlin unfreundlich zu seinen Gästen.

Fußgänger haben Vortritt – wo sonst sollte das noch gelten?

Unter den Linden! Diese Straße muss wieder zur Flaniermeile werden, die sie früher mal war. Der Autoverkehr hat sie entwertet, immer wieder unterbrechen querende Straßen die Mittelpromenade. So lange Unter den Linden noch die U-Bahn gebaut wird, haben wir die Chance, die Straße anders zu planen. Wir schlagen vor, einige Straßenquerungen aufzuheben und bei anderen den Asphalt durch Pflaster zu ersetzen – um zu zeigen, dass Fußgänger dort das Vorrecht haben. Am Schloss und vor der Humboldt-Uni stellen wir uns eine mehrere Hundert Meter lange Begegnungszone vor. Auch dort hätten Fußgänger Priorität. Ich glaube nicht, dass es große Staus geben würde. Berliner Autofahrer nutzen diese Straße schon heute kaum noch.

Wo sind die schönsten Fußwege?

Ich empfehle Ihnen, sich über die „Grünen Hauptwege“ zu informieren. Das sind 20 Verbindungen, die sich durch ganz Berlin ziehen und oft über lange Strecken keine Straßen queren. Hier in der Nähe gibt es auch einen Hauptweg, entlang der Panke. Ein wunderbarer Uferweg, sehr grün und still. Schön ist auch der Parkring, der sich um das Zentrum zieht. Eine lange Verbindung, die unter anderem durch den Volkspark Wilmersdorf führt.

Der Senat testet blinkende neue Ampelschaltungen für Fußgänger. Halten Sie das für sinnvoll?

So etwas ist eher ein „Nice to have“ als ein Muss. Wenn Ampeln blinken, damit sich Fußgänger auf die Abläufe einstellen können, ist das ganz nett, aber viele müssen auch erst mal die Gebrauchsanleitung am Mast lesen. Das Entscheidende ist: Wie oft habe ich als Fußgänger die Möglichkeit, die Fahrbahn zu überqueren? Und wie viel Zeit bekomme ich dafür? Dabei geht es um ganz Berlin, nicht nur um ein paar Modellprojekte. Da geht es ganz klar um Interessenkonflikte.

Mir hat die Verkehrslenkung Berlin mitgeteilt, dass bei uns die Fußgänger viel Zeit bekommen, um die Straße zu queren. Bei uns setzen die Ampelplaner ein Gehtempo von 1,2 Meter pro Sekunde voraus, vor Seniorenheimen ein Meter pro Sekunde. Anderswo seien es 1,5 Meter.

Unsere Position ist: Auch Berlin hat sich auf die zunehmende Alterung der Gesellschaft noch nicht in ausreichendem Maße eingestellt. Senioren können Straßen nicht so schnell wie andere überqueren. Zwar sagen alle Ampelabteilungen in allen deutschen Städten, wenn man mit Wünschen ankommt: Es geht nicht! Doch wenn die Politik etwas will, geht es dann plötzlich doch, und die Welt geht nicht unter.

Im März hieß es, dass der FUSS ein Handyverbot für Fußgänger unter bestimmten Bedingungen für sinnvoll hält. Die Resonanz im Blätterwald war groß, eine Zeitung schrieb über Sie: „Dieser Mann will Berlins Blindgänger bestrafen.“ Gilt Ihre Forderung weiter?

Ich finde es nervig, wenn ich zur Seite springen muss, wenn mir jemand mit Smartphone entgegenkommt und nicht aufpasst. Doch jeder Fußgänger hat das Recht, auf dem Gehweg auf sein Smartphone zu schauen. Anders ist es, wenn ich eine Straße überqueren will, dann sollte man nicht auf das Display schauen, sondern auf die Fahrbahn. Aber das größte Problem sind nicht die Fußgänger, die sich selbst gefährden. Das Problem sind die Autofahrer, die am Handy hängen und dabei andere in Gefahr bringen.

Sie fahren Rad. Auch Auto?

Ich habe keinen Führerschein.

Zum Schluss ein Blick über den Tellerrand. Gibt es eine Stadt, die Sie als Fußgängerhölle erlebt haben?

In vielen südeuropäischen Städten hat man es als Fußgänger schwer, zum Beispiel Rom oder Neapel. Da sind Gehwege eher eine Andeutung, und als Mitteleuropäer ist man auch das dauernde Hupen nicht gewohnt. Und man hat nicht immer den Mut, sich quer zum Autostrom durchzuschlängeln.

So schlimm ist Berlin also nicht?

Nein. Aber wir sind noch auf einem langen Weg.

Das Gespräch führte

Peter Neumann.