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Gastbeitrag von Franziska Eichstädt-Bohlig: Olympia fordert Berlin zur Selbstprüfung auf

Franziska Eichstädt-Bohlig ist Stadtplanerin und langjährige Politikerin der Grünen. Die ausgewiesene Bauexpertin saß von 1994 bis 2005 im Bundestag und von 2006 bis 2011 im Berliner Abgeordnetenhaus.

Franziska Eichstädt-Bohlig ist Stadtplanerin und langjährige Politikerin der Grünen. Die ausgewiesene Bauexpertin saß von 1994 bis 2005 im Bundestag und von 2006 bis 2011 im Berliner Abgeordnetenhaus.

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die grünen

Mit der vom IOC betriebenen Gigantomanie und Kommerzialisierung sind der Olympiade der Sinn und die Begeisterung verlorenen gegangen. Für eine Event-übersättigte Gesellschaft ist Olympia ist heute nicht mehr als ein Superspektakel. Zumal es von hoch verschuldeten Städten und Staaten und von deren Steuerzahlern finanziert werden soll. Darum gibt es sehr grundlegende Vorbehalte gegen die Ausrichtung einer Olympiade. Das klägliche Scheitern der letzten Bewerbung und die endlose Peinlichkeit des BER-Projektes verstärken dies in Berlin.

Nun hat der Berliner Senat für die Interessenbekundung zu den Spielen 2024/28 ein durchaus bedenkenswertes Konzept vorgelegt. Es setzt auf mehr Bescheidenheit als derzeit üblich, auf die Verankerung der Spiele in der ganzen Stadt und auf die Einbeziehung von regionalen Standorten. Eigentlich sollte es auch gute Bürgerbeteiligung beinhalten. Aber zu nachdenklichen Gesprächen mit der Stadtgesellschaft über den Sinn einer Olympiade, über ihren Wert für Berlin und ihre Probleme und Belastungen ist der Senat bislang nicht fähig.

Bürgersorgen beiseite gewischt

Ohne Diskussion wurde eine Reihe von Unternehmen und Verbänden als bedingungslose Unterstützer bestellt. Symbolbauten werden in grelle Lichtreklame getaucht, die große Schau versprechen aber keinerlei olympische Idee. Solche Werbung setzt die alte falsche Strategie des IOC fort und reduziert Olympia auf ein inhaltlich leeres Großevent.

Auf dem missglückten Bürgerforum am 12. Februar wurde nicht versucht, Begeisterung für eine olympische Idee zu wecken und nach der Bedeutung für Berlin zu fragen. Mit ein paar Daten zu Standorten, Organisation und Kosten wurden die brüllenden Jugendproteste ebenso wie die sehr berechtigten Bürgersorgen beiseite gewischt. „Wir haben das alles im Griff“ war die saloppe Standardantwort auf alle Fragen. Die nachdenklichen Gäste verließen diesen Abend mit Sorgen. Denn so spaltet der Senat die Stadt in NOlympia und PROlympia. Und behandelt dieses Vorhaben so naiv, dass es im noch größeren Gau als das BER-Desaster münden könnte.

Um die Menschen für Olympia zu begeistern, müsste eine Bewerbung vom ersten Tag an mit einem Konzept zur Belebung von Breitensport und Spiel für Kinder und Jugendliche verbunden werden. Da reicht die Zusage, bis 2024 auch 60 Berliner Schulsportanlagen zu sanieren nicht aus. Notwendig wäre eine Strategie, die Kindern und Jugendlichen mehr Lust auf Sport macht und damit Selbstbewusstsein und Gemeinschaftssinn auch über soziale und kulturelle Unterschiede hinweg schafft. Eine breit getragene positive Bewegung für den Kern des olympischen Gedankens ist eine wesentliche Voraussetzung, um die berechtigten Sorgen über die Kosten und Belastungen aufzuwiegen.

BER, ICC, Tempelhof, Staatsoper etc.

Denn da hilft keine Schönfärberei: Natürlich kosten die Spiele das Land und den Bund viel Geld – auch wenn die vorhandenen Anlagen und Netze optimal genutzt werden. Darum muss der Senat in Szenarien aufzeigen, wieweit die Schuldenbremse eingehalten werden kann, welche Bedeutung der Länderfinanzausgleich hat und welche Projekte und Investitionen auf die lange Bank geschoben werden müssen. Die Frage, wieweit eine Olympiabewerbung mit notwendigen Investitionen für das aktuelle Bevölkerungswachstum, mit dem Bedarf an bezahlbaren Wohnungen und den wachsenden Integrationsaufgaben in Konflikt steht muss ernsthaft und öffentlich geprüft werden.

Auch die Sorge, dass die Berliner Verwaltung ein solches Großprojekt nicht stemmen kann, ist mehr als berechtigt nach den Erfahrungen mit BER, ICC, Tempelhof, Staatsoper etc. Darum kann der Senat die Bewerbung auch nur dann ernsthaft betreiben, wenn sie verknüpft wird mit einer Strategie der neuen Ertüchtigung und Ausstattung der Berliner Verwaltung.

Die Olympiabewerbung erfordert einen intensiven Prozess der Selbstprüfung, welche Schwerpunkte das Gemeinwesen Berlin in den nächsten 10 bis 15 Jahren setzen kann, muss und will. Die Ziele des Berlin-Konzepts 2030 sind zu vage und bei einer Olympiabewerbung teilweise überholt. Ein paar Bürgerforen und „gefällt mir“-Abstimmungen bringen keine angemessene Entscheidungsgrundlage. Eine ernsthafte Bürgerbeteiligung muss mit einer ernsthaften Abwägung aufseiten der Politik verbunden werden.