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Gastbeitrag: Wann verdienen Frauen endlich so viel wie Männer?

rote tasche equal pay day

Die roten Taschen der Red Purse Campaign in Boston symbolisierten die roten Zahlen in den Geldbörsen von Frauen.

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Getty Images/iStockphoto

Jetzt liegt er wieder hinter uns, der Internationale Frauentag. Nächstes Jahr werde ich ihn zum sechzigsten Mal erleben. Mit Staunen, wie schnell die Zeit vergeht und wie langsam sich die Welt verändert. Mitte der Achtzigerjahre, als Studentin zwischen den USA und Deutschland pendelnd, habe ich mich dazu erstmals geäußert, dann immer wieder. Oft setzte mir meine Mutter ihre Position entgegen: „Ein Menschenleben ist kurz, der Wandel ist doch deutlich spürbar.“


Dann sprach sie über die Bildungserfolge der Frauen, über die Pille und die neue Freiheit, auch ohne die Zustimmung des Ehemannes erwerbstätig zu sein. Alles richtig – und doch so leicht zu kontern. Warum die Pille für die Frau? Warum ist der Hauptverdiener dennoch fast immer der Mann? Warum lässt sich Bildung bei und von Frauen so viel weniger in Geld umsetzen als bei Männern?  Warum ist ein Frauenleben so anders in den USA, insbesondere bei meiner dortigen dänischen Gastfamilie? Alles verstanden. Dennoch beharrte sie darauf, dass sich die Welt schnell ändere. Und darüber ließ sich schlecht streiten.

Rote Zahlen in den Geldbörsen

In einem Punkt waren wir uns aber immer einig. Als ich Ende der Achtziger aus den USA mit einer roten Tasche zurückkam und meiner Mutter erklärte, dass ich diese gekauft hätte, um an der Red Purse Campaign in Boston teilzunehmen,  der Kampagne gegen den geringeren Stundenlohn von Frauen im Vergleich zu Männern, und die rote Tasche nichts anderes als die roten Zahlen in den Geldbörsen von Frauen symbolisieren würde, fragte sie: „Was ist das?“ Ich erklärte ihr, dass die Kampagne auf den prozentualen Unterschied im durchschnittlichen Bruttostundenverdienst von Frauen und Männern hinweist, den Gender Pay Gap. In den USA betrug dieser damals knapp zwanzig Prozent. Frauen mussten also fast drei Monate länger arbeiten, um rein rechnerisch genauso viel pro Stunde verdient zu haben wie Männer bereits im Vorjahr. „Wenn es diesen Tag auch in Deutschland gäbe“, so fügte ich damals hinzu, „könnte ich die Tasche gleich zweimal einsetzen. Mitte März in den USA, Anfang April dann in Deutschland.“

Die Irritation meiner Mutter verstärkte sich, als ich unterstrich, dass Teilzeit nicht der Hauptgrund sei. „Wir reden über Stundenlöhne, Mutter, und nicht über das monatliche oder jährliche Einkommen. Wenn dem so wäre, könnten wir ja erst am Jahresende die roten Taschen rausholen.“ – „Das wird sich schnell ändern“, sagte sie. „Warte nur ab, in wenigen Jahren kannst du die rote Tasche weit vor dem Frauentag tragen.“ Wir einigten uns auf den Valentinstag, den 14. Februar.

Ein bisschen hatten wir recht. Europaweit wurde der Equal Pay Day erstmals am 5. März 2011 gefeiert, drei Tage vor dem Internationalen Frauentag. Der Gender Pay Gap betrug damals 17,5 Prozent. In Deutschland lag die Lücke weit höher, man „feierte“ erst Ende März. In diesem Jahr wird der Equal Pay Day in Deutschland am 19. März stattfinden, elf Tage nach dem Frauentag, mehr als einen Monat nach dem Valentinstag. Vielleicht würde meine Mutter nun sagen. „Na, Mädchen, immerhin liegt er vor dem Muttertag.“

Die Abfolge der Tage über das Jahr spiegelt in eigentümlicher Weise den Lebensverlauf von Frauen wider. Valentine – der Tag der Liebe – gefolgt vom Frauentag mit dem Appell: „Ihr habt die gleichen Rechte und Pflichten. Passt auf!“ Das Unterhaltsrecht hat sich geändert, die abgeleiteten Renten durch den Ehepartner werden sich bald verringern. „Liebe ist etwas Wunderbares, aber sie ist auch vergänglich. Lasst euch nicht blenden und achtet auf euer eigenes Leben.“ So ließe sich die Maxime formulieren, wie sie viele Frauen heute für sich aussprechen.

Das tun Frauen übrigens auch, zumindest sagen sie es. In der vor vier Wochen publizierten Vermächtnis-Studie von der Wochenzeitung Die Zeit, dem Marktforschungsinstitut infas und dem Wissenschaftszentrum Berlin, einer national repräsentativen Untersuchung von über 3000 Menschen, stimmen nur noch 26 Prozent der Frauen zu, dass man Entscheidungen aus Liebe treffen sollte. Aber schon hier zeigt sich: Sie tun das heute doch noch öfter, als sie das eigentlich wollen.

Männer und Frauen in der Zwickmühle

Kommenden Generationen raten Frauen hingegen dringend, keine Entscheidungen aus Liebe zu treffen.  Sie tun das deutlicher als Männer. Ein ähnliches Muster sehen wir bei neuen Erhebungen zu den Lebensentwürfen junger Frauen und Männer. Weit über sechzig Prozent, Frauen wie Männer, streben einen partnerschaftlichen Ausgleich von Beruf und Familie an.

Die Realität aber sieht anders aus. Die Frauen arbeiten Teilzeit, sobald sie Mütter werden. Sie verringern damit ihren Verdienst, aber auch den Stress und ihr schlechtes Gewissen gegenüber der Familie. Und sie erledigen die Hausarbeit allein. Über achtzig Prozent der Frauen tun das. Denn Männer reduzieren ihre Arbeitszeit nicht zugunsten der Familie, obgleich sich viele das wünschen. Sie verdienen mehr Geld, haben aber ein schlechtes Gewissen, weil sie eigentlich mehr für ihre Familie da sein wollen.

Die jungen Frauen und Männer stecken in einer Zwickmühle. Hier sind auch die Betriebe gefragt. Sie können sicherstellen, dass Teilzeit und Elternzeit nicht das Aus für eine Karriere bedeuten, für beide Geschlechter nicht. Eine 32-Stunden-Woche, über den gesamten Lebensverlauf gedacht, Arbeiten in Teams und geteilte Führungspositionen wären entsprechende Instrumente. Männer können selbst mutig darauf drängen, ihre Arbeitszeit auf das von ihnen gewünschte Maß zu reduzieren. Und Frauen können dies von den Männern stärker einfordern, ihnen aber auch mehr in Haushalt und Familie zutrauen.