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Gastbeitrag zu Anti-Israel-Demos: Israels Botschafter entsetzt über antisemitische Parolen

Yakov Hadas-Handelsman

Yakov Hadas-Handelsman

Foto:

dpa/Carmen Jaspersen

"Jude, Jude, feiges Schwein. Komm heraus und kämpf allein.“

„Hamas, Hamas, Juden ins Gas.“

„Scheiß Juden, wir kriegen euch!“

Wo sind wir? Wo hören wir diese Sprechchöre? In Nazi-Deutschland im Jahr 1934?

Nein. Diese Parolen werden bei Demonstrationen in Deutschland im Jahr 2014 gerufen.

Seit März 2012 bin ich Botschafter des Staates Israel in Deutschland. Wenn mir jemand gesagt hätte, dass ich in diesem Land Zeuge solcher hasserfüllter, volksverhetzender und antisemitischer Erscheinungen in aller Öffentlichkeit werden würde, hätte ich es wohl nicht für möglich gehalten.

Kultur des Hasses und der Gewalt

Siebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind in den Straßen Berlins und in vielen anderen Städten in ganz Deutschland tatsächlich wieder Aufrufe zur Vernichtung des jüdischen Volkes zu hören. Und die Demonstranten flüstern nicht. Laut und deutlich und unüberhörbar verkünden sie ihre Parolen. Sie stehen auch nicht irgendwo abseits. Sie versammeln sich direkt vor der Gedächtniskirche in Berlin oder in der Innenstadt von Gelsenkirchen. Dort rufen und schreien sie – unter den Augen hilfloser oder teilnahmsloser Passanten.

Selbstverständlich hat in einer Demokratie jeder das Recht, seine Meinung frei zu äußern. Es steht auch jedem frei, für oder gegen Israel zu demonstrieren. Doch dabei sollten immer die demokratischen Grundregeln eingehalten werden. Es ist unerträglich und zudem gesetzeswidrig, wenn bei Demonstrationen in Deutschland öffentlich gegen Israelis und Juden gehetzt wird und Gewalt angewendet wird.

Mit Entsetzen verfolge ich, wie in den vergangenen Tagen Aktionen gegen Solidaritätsveranstaltungen für Israel und pro-palästinensische Kundgebungen in ganz Deutschland missbraucht werden, um eine Kultur des Hasses und der Gewalt in die öffentliche deutsche Debatte zu importieren. Ich denke, dass diese Entwicklung jedem deutschen Demokraten Sorge bereiten sollte.

Juden werden verfolgt

Die Demonstranten bilden eine unheilige Allianz, die hauptsächlich aus drei Gruppierungen besteht: Islamisten, Neonazis und extreme Linke. Jede Gruppe hat ihre eigene Agenda, und sie alle haben einen gemeinsamen Nenner: den Hass auf das jüdische Volk und auf den Staat Israel.

Sie nutzen die Meinungsfreiheit in Deutschland, um ihre Botschaften voller Hass, Rassismus und Antisemitismus zu verbreiten. Sie lehnen demokratische Werte ab, zögern aber nicht, die Plattform der Demokratie für ihre Zwecke zu nutzen. Sie verfolgen Juden in den Straßen Berlins, so geschehen am vergangenen Samstag, als ob wir uns im Jahr 1938 befänden. Und wenn es so weitergeht, fürchte ich, dass es nur eine Frage der Zeit ist, wann unschuldiges Blut vergossen werden wird.

Jetzt ist es Zeit zu handeln.

Der Verfasser, 1957 in Tel Aviv geboren, ist seit 2012 israelischer Botschafter in der Bundesrepublik.