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14.10.2012

Gastbeitrag zu Buschkowsky: Es gibt keinen Rassismus mit Herz

Von Aziz Bozkurt
Berlin –  

Ein Bestseller ist Heinz Buschkowskys Buch jetzt schon. Heute Abend gibt es dazu eine Lesung mit anschließender Diskussion im Willy-Brandt-Haus. Aziz Bozkurt, Vorsitzender der AG Migration in der Berliner SPD, findet das empörend. Er sieht rassistische Denkmuster in „Neukölln ist überall“.

Ein Bestseller ist Heinz Buschkowskys neues Buch „Neukölln ist überall“ jetzt schon. Der Sozialdemokrat und Bezirksbürgermeister benennt darin Integrationsprobleme und schlägt Lösungen vor. Doch sein Text ist gerade auch in der SPD umstritten. An diesem Montag, um 19.30 Uhr, liest Buschkowsky im Willy-Brandt-Haus aus seinem Buch. Der SPD-Bundesvorsitzende Sigmar Gabriel, ein bekennender Buschkowsky-Fan, hat eingeladen und hält ein Grußwort. Aziz Bozkurt, Vorsitzender der AG Migration in der SPD Berlin, findet das empörend. Buschkowskys Buch habe rassistische Denkmuster, schreibt er.

***

Über Heinz Buschkowskys neues Buch ist jetzt so viel Lob zu hören. Neukölln sei überall, schreibt der Bürgermeister, der gern Big B genannt wird, das klingt so nett. Alle nicken, wenn Big B spricht, ganz bewusst, ganz betroffen. Und es fallen wieder diese Sätze, die man auch schon hören konnte, als Thilo Sarrazin sein Buch über Deutschland schrieb, das von dummen Muslimen abgeschafft werde.

Wird man ja noch sagen dürfen. Endlich einer, der Klartext redet. Buschkowsky, so scheint es, ist so anders als Sarrazin. Buschkowsky gilt als einer, der Klartext redet und doch Herz hat. Ein echter Sozialdemokrat, der die schwierigen Themen anpackt, die Sorgen der Leute ernst nimmt. Kein Sarrazin, der so kalt ist, so verächtlich, so menschenfeindlich. Buschkowsky ist für viele wohl so etwas wie die Erlösung von Sarrazin.

Dieses Buch macht vieles zunichte

Ich möchte dem entschieden widersprechen. Ich bin ein Berliner Sozialdemokrat und sage, Heinz Buschkowsky hat uns – damit meine ich Neukölln, Berlin, Deutschland und die Sozialdemokratie – keinen Gefallen getan. Im Gegenteil. Dieses Buch bringt niemanden weiter, es steht nichts drin, was mal gesagt werden musste. Schlimmer: Dieses Buch macht vieles zunichte. Mir als leidenschaftlichem Sozialdemokraten tut das richtig weh.

Aziz Bozkurt, Vorsitzender der AG Migration in der Berliner SPD
Aziz Bozkurt, Vorsitzender der AG Migration in der Berliner SPD
Foto: Christian Schulz

Warum? Weil es, so klar wie unerträglich, rassistische Gedankengänge sind, die dieses Buch prägen. Ach, bitte nicht schon wieder dieser Rassismus-Vorwurf, wird jetzt manch einer denken. Wenn die Studien und Umfragen dazu stimmen, dann denkt dies rund ein Drittel: Ungefähr so viele Menschen in unserem schönen Deutschland zeigen immer wieder rassistische Denkmuster, allen offiziellen Abschwörungen zum Trotz.

Geschichte vom guten Deutschen und vom schlechten Anderen

Ich sage: Lasst uns unbedingt darüber sprechen, wo Rassismus anfängt. Nicht, dass wir uns falsch verstehen. Jemanden als Rassisten zu bezeichnen, bringt uns nicht weiter. Ist Buschkowsky ein Rassist? Darum geht es nicht. Steht Rassistisches in seinem Buch? Leider ja.

Ich hatte inständig gehofft, dass wir aus dem Sarrazin-Trauma etwas gelernt haben und nun besser wissen, wo das Problem beginnt. Vergeblich. Daher eine Klarstellung: Rassismus ist, wenn die Gleichwertigkeit von Menschen infrage gestellt wird – kombiniert mit Verallgemeinerungen und kulturalisierten Abwertungen über „die Türken“, „die Araber“, „die Muslime“. Wenn wir uns darauf verständigen, dann finden wir in Buschkowskys Buch viele Passagen, die im Kern rassistische Argumentationen sind.

Ein Beispiel. Buschkowsky schreibt: „Wir erziehen unsere Kinder zur Gewaltlosigkeit. Wir ächten Gewalt in der Begegnung und bringen das unserem Nachwuchs bei. Andere bringen ihren Jungs bei, stark, tapfer und kampfesmutig zu sein.“ Verallgemeinerung? Ja! Abwertungen der anderen, angeblich Nicht-Deutschen? Ja!

Hier geht der gute gewaltfreie Deutsche als Sieger vom Platz, der gewaltbereite Nicht-Deutsche dagegen ist der Depp. Es wird die Geschichte vom guten Deutschen und vom schlechten Anderen erzählt. Diese Argumentation schürt diffuse Ängste vor vermeintlich Fremden. Wohl dosiert, leicht verständlich, mit Volkes Stimme. Aber das macht es aber nicht besser, sondern gefährlicher.

Die „Anderen“ sind Deutsche

Es ist seltsam. Der Bürgermeister von Neukölln scheint nicht begriffen zu haben, dass seine „Anderen“ Deutsche sind. Deutsche, die Aysel oder Kazim heißen. Statt sich damit zu beschäftigen, aktiviert er Ängste. Die sich immer häufiger entladen: Klar, wenn der Buschkowsyky das darf, dann darf jetzt jeder Bio-Deutsche fordern, dass der Ali sich schon mehr anstrengen muss, wenn er dazugehören will. Das nennt man im Fachjargon eine um sich greifende Ideologie der Ungleichwertigkeit.

Auf Buschkowskys Facebook-Fanseite, eingerichtet von Sozialdemokraten, schreiben jetzt Leute von „Kanackenschwemmen“. Und in meiner politischen Arbeit werde ich aufgefordert, aus meiner Hinterhof-Moschee zu kriechen, mein Teehaus zu verlassen, um mit Deutschen zu sprechen. Aber wie soll ich das nur machen? Ich war in meinem Leben dreimal, eher aus touristischen Motiven, in einer Moschee. Ich kenne kaum ein Teehaus von innen. Und mit einem Deutschen könnte ich auch ein Selbstgespräch führen.

Ich hoffe sehr, dass meine stolze Partei sich daran erinnert, was zur besten sozialdemokratischen Tradition gehört: gegen jeden Ungleichheitsgedanken aufzustehen. Dafür zu kämpfen, dass Ein- und Aufstiege in unserer Gesellschaft möglich sind. Für alle! Egal, woher jemand kommt, woran er glaubt, wie alt er ist, wie reich seine Eltern sind, welches Geschlecht er hat, welches er liebt. Darum geht es. Das sind die Dinge, die gesagt – und getan – werden müssen.

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