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Gedenken an „Köpenicker Blutwoche“: „Wir müssen immer einer mehr sein als die“

Marianne Oduah im Gespräch mit Historiker Stefan Hördler in der Gedenkstätte. In den alten Zellen des Amtsgerichts-Gefängnisses sind Dokumente zu sehen.

Marianne Oduah im Gespräch mit Historiker Stefan Hördler in der Gedenkstätte. In den alten Zellen des Amtsgerichts-Gefängnisses sind Dokumente zu sehen.

Foto:

AKUD/Lars Reimann

Berlin -

Eigentlich wollte sie nie wieder nach Köpenick, sagt Marianne Oduah. Dorthin, wo sie ihre Kinder- und Jugendjahre verbrachte. Jahre, die alles andere waren als unbeschwert. Doch die resolute 73-Jährige besiegt den Widerwillen und macht sich auf die Reise von ihrer Wohnung in Westend in den Südosten. Zu den Erinnerungen an all das, was vor 80 Jahren rund um ihr Elternhaus im Elsengrund, nahe dem S-Bahnhof Köpenick, geschah: Am 21. Juni 1933 starteten die Nazis dort eine Gewalt-Orgie, die als „Köpenicker Blutwoche“ in die Geschichte einging. In der Gedenkstätte im einstigen Gefängnis des Amtsgerichts an der Puchanstraße erinnert vom heutigen Freitag an eine neue Ausstellung daran.

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Hunderte Menschen – Sozialdemokraten, Kommunisten, Gewerkschafter, Deutschnationale, Juden, Christen – wurden damals in Köpenick verschleppt und gequält. Mindestens 23 von ihnen wurden dabei ermordet. Auch der Großvater von Marianne Oduah, der SPD-Politiker Paul von Essen, gehört zu den Toten.

Marianne Oduah, die 1937 geboren wurde, spürte schon als Kind einen Schatten über der Familie. „Meine Haupterinnerung ist, dass es meine Mutter sehr schwer hatte“, sagt sie. Nach dem Tod des Vaters, der ihr Vorbild war, habe die Mutter ein freudloses Leben geführt: „Heute würde man sie als depressiv und traumatisiert bezeichnen.“

Abgeholt von Nachbarn

Paul von Essen vertrat im Kabelwerk Oberspree (KWO) als Gewerkschafter und Betriebsrat die Interessen seiner Kollegen. Als Mitglied der SPD-Wehrorganisation Reichsbanner versuchte er, gegen die aufkommende NS-Diktatur zu mobilisieren. Privat sorgte er nicht nur für drei leibliche Kinder, er nahm noch zwei Pflegekinder in die Familie auf. Marianne Oduah erinnert sich an das, was ihre Mutter über den Morgen des 21. Juni 1933 erzählte: „Da standen plötzlich ein gutes Dutzend Jugendliche in braunen SA-Uniformen und wollten den Vater abholen“, sagt sie. „Zum Verhör“, wie es hieß.

Unter den SA-Männern waren viele Jungen aus der Nachbarschaft, die Paul von Essen spöttisch als „Rotznasen“ titulierte. Am Abend sei ein Polizist gekommen und habe der damals 25-jährigen Tochter von Essen schweigend den Hausschlüssel gebracht. Dass der Vater da schon tot war, erfuhr die Familie erst später. Am 1. Juli fand ein Fährmann in der Dahme in Grünau einen Sack mit seiner Leiche. Die Augen waren ausgestochen, die Zunge abgeschnitten, die Nägel ausgerissen. Erst 1950 wurde bekannt, dass Paul von Essen noch lebte, als er ins Wasser geworfen wurde. Er ertrank.

Jedes Jahr im Juni, erinnert sich Marianne Oduah, habe ihre Mutter aufgehört zu essen, sei sie noch stiller und trauriger gewesen als sonst. In Köpenick sind viele Straßen nach den Opfern benannt, etwa nach Richard Aßmann, Paul Pohle, Johannes Stelling und Karl Pokern. Der Platz, an dem Paul von Essens Familie wohnte, heißt Essenplatz. Doch Marianne Oduah wurde auch in der DDR nicht glücklich. „Der Antifaschismus war aufgesetzt, es wurden wieder Menschen abgeholt und in Lager gesperrt, es gab keine Meinungsfreiheit“, sagt sie. Am 13. August 1961 blieb sie in West-Berlin. Sie beendete ihr Medizinstudium und war zuletzt Chefärztin im Martin-Luther-Krankenhaus.

Ein Höhepunkt des frühen SA-Terrors

Der Historiker Stefan Hördler kennt die Schicksale der Opfer. Er hat ein Buch über die Juni-Ereignisse von 1933 geschrieben und in der Gedenkstätte die neue Ausstellung kuratiert. „Neu ist die Erkenntnis, dass die Blutwoche kein lokales Ereignis war, sondern ein Höhepunkt des frühen SA-Terrors in Berlin“, sagt er. Die Nazis wollten mit aller Macht ihre Stärke demonstrieren. In Berlin sei Köpenick ausgewählt worden – dort habe es relativ stabile sozialdemokratische Strukturen gegeben.

Die Nazis wollten testen, wie weit sie gehen konnten. Sie konnten sehr weit gehen: Ein Beerdigungszug für zwei SA-Männer, die in Notwehr von Anton Schmaus, einem der Festgenommen, niedergeschossen worden waren, gestaltete sich zum Triumphzug für das NS-Regime. Tausende Menschen säumten mit Hitlergruß die Straßen. „Die Bedeutung der Köpenicker Blutwoche liegt auch im totalen Versagen der Zivilgesellschaft“, sagt Hördler. Denn der Mordfeldzug habe in aller Öffentlichkeit stattgefunden. Und es waren Nachbarn, die ihren Nachbarn das antaten.

Angesichts eines von vielen Menschen als normal empfundenen Alltagsrassismus hat Marianne Oduah Sorge, dass so etwas wie 1933 wieder passieren könnte. Für sie steht Rostock-Lichtenhagen als Symbol: „Dort haben 1992 auch Nachbarn gewalttätigen Neonazis zugejubelt, die Asylbewerber jagten.“ Was also tun? Marianne Oduah: „Wir Demokraten müssen immer einer mehr sein als die.“ Vielleicht wird sie ja jetzt öfter nach Köpenick kommen, um in der Gedenkstätte Schulkindern ihre Geschichte zu erzählen, sagt sie.

Die Gedenkstätte für die „Köpenicker Blutwoche“ im alten Gefängnis, Puchanstraße 12, ist Do 10–18 Uhr oder nach Vereinbarung geöffnet, Tel. 902 07–33 51.