Neuer Inhalt

Gedenken an Judendeportation: Zwei Kilometer Fußmarsch durch Moabit

Der originale Weg, Gleis 69, Güterbahnhof Moabit. Er soll in die Gestaltung einer Gedenkstätte einbezogen werden.

Der originale Weg, Gleis 69, Güterbahnhof Moabit. Er soll in die Gestaltung einer Gedenkstätte einbezogen werden.

Foto:

Gerd Engelsmann

Berlin -

Die Gedenkstele an der Quitzowstraße in Moabit ist unscheinbar. Von ihr führt ein gut 100 Meter langer, gepflasterter Weg zwischen einem Baumarkt und einem Supermarkt hindurch Richtung Norden, wo sich früher der Güterbahnhof Moabit erstreckte. Tausende Juden aus Berlin wurden vom Frühjahr 1942 an über diesen Weg zu den Gleisen 69, 81 und 82 getrieben und von der SS wie Vieh in Güterwaggons gepfercht. Ziel dieser Deportationszüge: die Vernichtungslager wie Auschwitz, Theresienstadt, Riga, Minsk und Lodz.

Dass nur eine Stele daran erinnert, ist für Andreas Nachama, den Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, bis heute unverständlich. „Ich finde, es ist an der Zeit, sogar höchste Eisenbahn, an diesem Ort eine würdige Gestaltung vorzunehmen.“ Der Güterbahnhof Moabit sei der größte Deportationsbahnhof in Berlin gewesen. Von dort wurden 30.000 der mehr als 53.000 deportierten Juden verschleppt.

Gedenkfeier in Grunewald

Die Deportationen begannen vor exakt 72 Jahren – am 18. Oktober 1941. Von der Synagoge in der Levetzowstraße, die die Nazis zu einer „Sammelstelle“ umfunktioniert hatten, mussten bis zum Januar 1942 mehr als 10 000 Männer, Frauen und Kinder die acht Kilometer lange Strecke zum Vorort-Bahnhof Grunewald gehen. In Grunewald erinnert das Denkmal Gleis 17 an die Deportationen, dort findet heute um 12 Uhr eine Gedenkfeier statt.

Ab Ende März 1942 nutzten die Nazis den Güterbahnhof Moabit für die Deportationen, weil er nur zwei Kilometer von der Levetzowstraße entfernt war. Als „Osttransporte“ wurden die Züge durchnummeriert, Abfahrt ab „Berlin-Mo“ oder Berlin-Mob“, heißt es in Transportunterlagen, von denen nur wenige überliefert sind. Unter den Deportierten war etwa die Schriftstellerin Else Ury („Nesthäkchen-Bücher“), auch Gert Rosenthal, der jüngere Bruder von Hans Rosenthal, der später als Entertainer Karriere machte.

Wie Andreas Nachama sagt, ist der gepflasterte Weg noch der originale Weg, über den die Juden getrieben wurden. Zwar liegt auch das Gleis 69 noch an der historischen Stelle, es wurde nach Kriegsende aber erneuert. Auch ein Teil der alten Laderampe existiert noch auf einem kleinen Grundstück hinter dem Supermarktplatz an der Ellen-Epstein-Straße. Diese Erkenntnisse wurden schon 2007 veröffentlicht, als man die Stele aufgestellt hat. Damals mit dem Versprechen, dies sei nur der Auftakt für einen neuen Gedenkort. Ein leeres Versprechen.

Sabine Weißler (Grüne) ist die Kulturstadträtin im Bezirk Mitte. Sie sagt: „Der Ort ist sehr wichtig, dort muss etwas passieren.“ Sie weiß, dass die historische Quellenlage zu den Deportationen vom Güterbahnhof aus sehr schlecht ist. Auch, dass mehrere Anläufe für den Bau eines Gedenkstätte gescheitert sind. Dennoch forciert sie jetzt ihre Bemühungen. 2014 will sie einen Wettbewerb zur Gestaltung eines Mahnmals veranstalten, 2015 könnte gebaut werden. „Es muss Informationen geben.

Das Mahnmal muss auch verdeutlichen, dass die Deportationen nicht heimlich stattgefunden haben, sondern unter den Augen der Berliner Bevölkerung.“ Den Wettbewerb unterstützt auch Kulturstaatssekretär André Schmitz. Die Finanzierung ist noch ungeklärt. Von dem Wettbewerb erhofft sich Weißler zudem Vorschläge, wie man den Deportationsweg kennzeichnen kann.

Darum kümmert sich seit zwei Jahren die Moabiter Initiative „Sie waren Nachbarn“. „Der Deportationsweg hat mitten durch Moabit geführt. Er muss dauerhaft markiert werden“, sagt Aro Kuhrt von der Initiative. Tausende Menschen seien durch die Straßen getrieben worden, niemand habe darüber geredet. Die künftige Markierung soll nicht nur eine historische Erinnerung sein, sondern auch symbolisch dafür stehen, „nicht wegzusehen, Ausgrenzung und Diskriminierung nicht hinzunehmen“, sagt Kuhrt.

Die Initiative startet jetzt mit Aktionstagen, die bis 9. November gehen. Es gibt Musik, Theater, Ausstellungen und Installationen. Auch den Deportationsweg will man provisorisch markieren. Wie Kuhrt sagt, gehe man erstmals in die Öffentlichkeit. „Es ist ein Beginn.“


Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?