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Gedenktafeln: Die Mauerkreuze bleiben in Melilla

Spreeufer ohne Gedenken: Die Kreuze für 13 Mauertote fehlen.

Spreeufer ohne Gedenken: Die Kreuze für 13 Mauertote fehlen.

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AFP/PATRYK SEBASTIAN WITT

Die Gedenkveranstaltungen zum 25. Jahrestag des Mauerfalls werden ohne die weißen Kreuze für die Mauertoten stattfinden müssen. Die Aktivisten, die sie entwendet haben, wollen sie jedenfalls nicht vor dem Wochenende wieder rausrücken. Auch einen Tag nach dem Diebstahl bleiben viele Umstände dieses Falls rätselhaft. Wo die Kreuze wirklich sind zum Beispiel. Wie es passieren konnte, dass die Gedenktafeln am hellen Tag einfach abgeschraubt werden konnten und wem sie eigentlich gehören.

Die Angehörigen der Maueropfer sind auf jeden Fall sauer. Jürgen Litfin zum Beispiel, der Bruder von Günter Litfin, der am 24. August 1961 beim Fluchtversuch erschossen worden ist. Sein Name steht auf einem der weißen Holzkreuze. Litfin hat in Mitte eine Gedenkstätte für seinen Bruder einrichten lassen.

Philipp Ruch, der Sprecher des Aktionskunst-Projekts mit dem Namen „Zentrum für politische Schönheit“, das die Kreuze gestohlen hat, hat ihn angerufen. Ruch hat ihn zu einem „Denkveranstaltung“ genannten Happening für Flüchtlinge am Sonntag im Maxim Gorki Theater eingeladen. Litfin wusste allerdings nicht, wen er da am Telefon hatte. Jetzt weiß er es. „Diese Verbrecher möchte ich nicht treffen. Die sollte man einsperren, bis sie die Kreuze wieder rausrücken“, sagt er.

Ein Polizeiwagen war in der Nähe

Genauso wenig hat er allerdings für die Berliner Polizei übrig, die das Reichstagsgebäude bewacht. Einige Meter vom Mahnmal entfernt ist täglich ein Streifenwagen mit zwei Beamten postiert. Wie einem Film im Internet zu entnehmen ist, kamen die Aktivisten am Tag, sie trugen neonfarbene Westen und schraubten die Kreuze einfach ab. Die Polizei griff nicht ein. Litfin kommentiert das drastisch: „Es müssen Idioten sein, die das bewachen.“ Aus dem Wagen heraus kann man die tiefer gelegene Stelle nicht komplett einsehen. Es bleibt trotzdem rätselhaft, wie den Beamten das Treiben der Aktivisten entgehen konnte. Auch das sei Teil der Ermittlungen, heißt es aus der Behörde.

Eine eigene Ermittlungsakte könnte damit füllen, um heraus zu finden, wem die Kreuze eigentlich gehören. Denn fast jede infrage kommende Verwaltung hat schon einmal mit ihnen zu tun gehabt. Die Kreuze mahnen seit 1971 zum Gedenken an die Toten der innerdeutschen Grenze. Der Berliner Bürger-Verein brachte sie damals an der vorderen Grenzmauer an. Weil ein Versorgungstunnel für den Bundestag gebaut wurde, musste die Gedenkstätte 1995 an den Tiergarten ziehen. Seit 2003 befindet sich die Installation wieder am Spreeufer. Am Tiergarten verblieben allerdings Kreuze für dieselben Maueropfer.

Als sich der Bürger-Verein überfordert sah, übernahm diese das Museum am Checkpoint Charlie, nicht aber die Kreuze an der Spree. Sie waren von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit als Gedenkort eingeweiht worden. Im Bezirksamt Mitte fühlt man sich nun nicht zuständig und verweist auf die Senatskanzlei. Die dort angesiedelten Senatskulturverwaltung vermutet den Bundestag als Eigentümer. Diese Verwaltung wiederum sieht die Besitzrechte bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Und dort war die Sache bisher auch nicht zu klären. Die Behörde will das nun aber in Angriff nehmen. Denn sonst muss auch die Frage offen bleiben, ob nun neue Kreuze angefertigt werden oder man sich auf die Zusage des Aktivisten verlässt, sie irgendwann zurück zu geben.

Denn das will Philipp Ruch. Aber nicht gleich. Er spricht von massivem Druck, der ausgeübt werde: auf Aktivisten wie auf ermittelnde Behörden durch die Politik. „Wir werden uns aber auf gar keinen Fall beeindrucken lassen“, sagt er am Telefon. Mittlerweile hätten seine Anwälte Kontakt zum Staatsschutz aufgenommen. Die Polizei habe ein Ultimatum gestellt. Bis Mittwochmorgen müssten die Aktivisten die Kreuze zurück geben. „Das werden wir aber nicht tun. Sie sind an den europäischen Außengrenzen.“

Die Berliner Kreuze sollen sich an drei Orten befinden. Einer davon ist Melilla, jenes Stück Land in Marokko, das zu Spanien gehört. Gewaltige Zaunanlagen sorgen dort dafür, dass afrikanische Flüchtlinge nicht illegal europäischen Boden betreten können. Die Initiative präsentiert auf ihrer Internetseite Fotos von Männern, die ein Kreuz in Melilla in die Luft halten. Ein anderes hängt an einem Stacheldrahtzaun in Bulgarien, der in den vergangenen zwei Monaten gebaut worden sein soll, ein weiteres in Griechenland. Ob es die echten Kreuze sind oder Kopien bleibt unklar, ebenso wenig ist nachvollziehbar, wann und wo die Fotos entstanden sind.

Rückkehr nach dem Wochenende

Philipp Ruch will die Mauerkreuze erst nach dem Wochenende wieder zurück geben. „Wir können eine Garantie abgeben, dass die Kreuze nach dem Gedenken von ihrem Ausflug zurückkehren werden“, sagt er. Es geht ihm darum, die Veranstaltungen zum Mauerfall am 9. November zu stören. Ruch spricht von einem Gedenkkartell, das die Veranstaltungen in Berlin initiiert habe und sich gar nicht für Mauertote interessiere, sondern sich mit Lichtinstallationen selbst feiere, während sich Europa mit massiven Zaunanlagen gegen Flüchtlinge abriegele. Am Freitag sollen Aktivisten mit Bussen an europäische Grenzbefestigungen transportiert werden und dort Löcher in die Zäune schneiden.
Philipp Ruch war am Dienstag nochmals am Reichstagsgebäude. Diesmal hat er sich nicht an einem Mahnmal vergriffen. Er hat rote Rosen und Grablichter anstelle der verschwunden Kreuze platziert.


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