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Berliner Zeitung | Geflüchtete Jugendliche suchen in Berlin neue Wege
19. March 2016
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Geflüchtete Jugendliche suchen in Berlin neue Wege

Bassel (16), Houda (15), Jamil (16), Burchin (16) und Jamal (18) berichten aus ihrem Schulalltag in Deutschland.

Bassel (16), Houda (15), Jamil (16), Burchin (16) und Jamal (18) berichten aus ihrem Schulalltag in Deutschland.

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Markus Wächter

Es gab Halbjahreszeugnisse und das zweiwöchige Betriebspraktikum; die Kölner Silvesternacht entfachte eine Debatte um das Frauenbild junger muslimischer Männer und die fremdenfeindliche Alternative für Deutschland (AfD) zog mit zweistelligen Ergebnisse in mehrere Länderparlamente ein.  Viel ist passiert seit unserem letzten Besuch an der Johanna-Ecke-Sekundarschule in Tempelhof vor mehr als drei Monaten.

Die Berliner Zeitung begleitet seit dem Sommer fünf Schüler der Eck-Schule, die mit ihren Familien nach Deutschland geflüchtet sind. Einer dieser Schüler hat inzwischen die Schule ohne Abschluss verlassen. Zwei Schülerinnen besuchen noch Willkommensklassen, wo sie Deutsch lernen und auf einen Sprachtest zum Übertritt in eine Regelklasse vorbereitet werden. Es gibt in diesen Sprachlerngruppen die verschiedenen Niveaustufen A1, A2 und B1, der höchste Level, so wie es der europäische Referenzrahmen vorgibt.

Sprachstufen und Spezialklassen

Die aus Syrien stammende Palästinenserin Houda ist gerade in die B1-Stufe gewechselt. Burchin befindet sich schon länger in B1 und macht jetzt den offiziellen Sprachtest, um von der Sprachlerngruppe in eine Regelklasse aufzurücken. Dort bereiten sie sich dann auf einen Schulabschluss vor. In der Eck-Schule gib es spezielle Regelklasse, die vornehmlich von Jugendlichen aus Flüchtlingsfamilien besucht werden. Es gibt viele unterschiedliche Modelle in Berlin und auch keine einheitlichen Prüfungsvorgaben.

Jamil besucht die 9, Bassel schon die 10. Klasse. Ergänzend werden die Schüler von Mitschülern unterrichtet, wofür die Schule jüngst einen Preis erhalten hat. Die Lehrer achten darauf, dass  die jungen Flüchtlinge etwas lernen und  halten auch Kontakt zu den Eltern, machen Hausbesuche. Lehrerin Ilona Ludwig-Schulze etwa hat schon mal Bassels Familie besucht. Dort wurde ihr gleich Mlouchia aufgetischt, ein minzartiges Muskraut mit Öl, Reis und Fleisch. „Lecker“, sagt die Lehrerin.

Offen redet sie inzwischen auch mit den Schülern  über die Ängste von Einheimischen angesichts der zahlreichen Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen. „Einige sind verunsichert oder haben eine kleine Rente und müssen überlegen, ob sie sich einen Wintermantel kaufen können“, formuliert sie. Die meinen dann, dass die Flüchtlinge zuviel Geld vom Amt bekommen. Die Lehrerin ist etwas besorgt, dass die deutschen Schüler für die Flüchtlinge nur begrenzt als Sprachvorbilder taugen. In der Hofpause werde oft kein gutes Deutsch mehr gesprochen. Artikel fehlten, die Wortstellung stimme oft nicht. Isch geh Fitness, heißt es dann,  wenn man den Besuch eines Fitnessstudios ankündigt.

Jamal: Noch nicht ausbildungsreif

Jamal stammt aus Afghanistan.

Jamal stammt aus Afghanistan.

Foto:

BLZ/Markus Wächter

Jamal – in Afghanistan geboren, im Iran aufgewachsen – ist schon seit Monaten nicht mehr an der Schule. „Er geht gerade einen anderen Weg“, seufzt eine Lehrerin. „Wir haben uns letztens noch einmal getroffen und gesprochen. Er ist schon 19 und muss Geld verdienen, das ist für ihn gerade wichtig.“ Seine Lehrerin und auch die Schulsozialarbeiterin versuchen noch, den Kontakt zu halten.  Damit er doch noch den Schulabschluss macht, wenigstens die Berufsbildungsreife, den früheren Hauptschulabschluss, das haben sie ihm empfohlen. „Aber im Moment ist er so ein bisschen beratungsresistent“, heißt es. 

Jamal, seit gut  drei Jahren in Deutschland, möchte jetzt über die Berufsausbildungshilfe das alte Handwerk des Täschners lernen. Das will er bei einem freien Träger, dem  Jugendausbildungszentrum (Jaz) in Zehlendorf machen, das er über ein Praktikum kennengelernt hat. Allerdings ist sein Deutsch noch nicht gut genug. Deshalb hat er nun erst einmal eine Bewerbung für einen Berufsvorbereitungskurs abgegeben. „Solche Kurse dauern drei bis sechs Monate“, sagt Jaz-Geschäftsführer Gerold Maelzer, ein jovialer Mann. „Dabei lernen die Jugendlichen ihren Tag zu strukturieren, es kann auch ein Haushaltsplan erstellt werden, damit sie den Umgang mit Geld besser lernen und es gibt Deutsch-Intensivkurse.“ Das Jugendamt zahlt dies im Rahmen der Jugendberufshilfe.

Über junge Flüchtlinge wie Jamal wird derzeit viel diskutiert. Wie kann man sie ohne ausreichende Deutschkenntnisse und ohne Schulabschluss zu einem Berufsabschluss führen? Dabei ist Jamal  motiviert.  Er will  einen Beruf lernen, will etwas mit den eigenen Händen gestalten. Bisher wohnte er mit seiner Mutter in einer kleinen Wohnung in Lankwitz. Aber die Mutter ist jetzt oft in Hamburg, kümmert sich um Verwandte dort. Jamal, der seine Oberarme im Fitnessstudio gestählt hat, ist nun noch mehr auf sich alleine gestellt.

Im Jaz können Jugendliche in sieben Handwerken die Gesellenprüfung ablegen. „Das Angebot  richtet sich an junge Menschen, die aufgrund ihrer sozialen, schulischen und psychischen Defizite Anspruch auf Jugendhilfeleistungen haben und die wegen ihrer Benachteiligung ohne diese Maßnahme keine oder kaum eine Chance hätten, eine qualifizierte Berufsausbildung zu erhalten“, heißt es auf der Homepage. Maelzer denkt nun daran, die Berufsvorbereitungskurse auszuweiten.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Die anderen vier: Wohnungssuche und Praktika

Burchin: Vorbereitung auf's Sprachdiplom

Burchin ist eine bulgarische Türkin.

Burchin ist eine bulgarische Türkin.

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BLZ/Markus Wächter

Anders als die meisten ihrer Mitschüler in der Willkommensklasse sind Burchin (17) und ihre Familie nicht als Asylbewerber nach Berlin gekommen. Sie sind Angehörige der türkischen Minderheit im EU-Staat Bulgarien und wollen einfach ein besseres Leben.  Burchin probierte während ihres Betriebspraktikums bei  einem Lichtenberger Bildungsträger Verschiedenes aus:  Büroarbeit hat ihr am besten gefallen, Küchenarbeit oder Gartenland- und Landschaftsgestaltung nicht so. Als  Büroangestellte musste sie einem imaginären Chef eine Reise buchen, die günstigsten Flüge und Hotels heraussuchen. Derzeit bereitete sie sich auf den zentralen Test für das Deutsche Sprachdiplom vor. Wenn sie besteht, kann sie in eine Regelklasse gehen.

Jamil: „In Syrien wäre ich Soldat oder tot"

Jamil lebte früher im syrischen Aleppo. Heute rappt er auf Kurdisch und Deutsch.

Jamil lebte früher im syrischen Aleppo. Heute rappt er auf Kurdisch und Deutsch.

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BERLINER ZEITUNG/MARKUS WÄCHTER

„Derzeit gibt es zwei Seiten in Deutschland. Die eine will uns helfen, die andere hat Angst. Beide Seiten kann ich verstehen“, sagt der empfindsame Jamil (16). Von der Kölner Silvesternacht hat er gehört. „Es gibt Araber aus anderen Ländern, die sagen, sie seien Syrer, um einen Aufenthaltstitel zu bekommen“, sagt er dazu fast warnend. Und er, der schon mehr als zwei  Jahre hier ist, reagiert  verunsichert auf Menschen, die jetzt erst aus Syrien ankommen. „In letzter Zeit kommen auch Leute, die haben dort andere getötet – für Geld“ sagt der junge Mann aus Aleppo in Syrien.

Sein Betriebspraktikum hat er in Irland gemacht, in einer sozialen Einrichtung für Bedürftige. Die Schule pflegt diesen Austausch seit Jahren. „Ich dachte immer, in Berlin essen alle Kartoffeln. Aber das ist nichts gegen Irland. Dort gibt es zu jeder Mahlzeit Kartoffeln.“  Mit seinem Halbjahreszeugnis war Jamil  zufrieden.  Bald kommt die Berufsbildungsreife-Prüfung. Mathe sei gut, in Deutsch  müsse er besser werden, sagt er.
Als er jüngst in einen BVG-Bus zustieg, hat ein älterer  Mann zu ihm gesagt, er störe hier. „Der Fahrer, ein Türke, hat sich dann für mich eingesetzt.“ Zuversichtlich ist Jamil geblieben. „Man muss Deutschland dankbar sein. Wäre ich in Syrien geblieben, wäre ich heute Soldat oder schon tot.“

Bassel: Praktikum beim Architekten

Bassel floh mit seiner Familie aus Nordsyrien.

Bassel floh mit seiner Familie aus Nordsyrien.

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BLZ/Markus Wächter

Der Kurde aus Nordsyrien lernt für den Mittleren Schulabschluss (MSA). Ein Thema für die Präsentationsprüfung hat Bassel schon: „Der türkisch-kurdische Konflikt und seine Wahrnehmung in Deutschland“, so lautet die Aufgabe, die er sich selbst ausgesucht hat und an der er seit Wochen arbeitet. Für Bassel, der ein Armband in den Farben Kurdistans am Handgelenk trägt, ist das ein hochemotionales Thema. Sein Halbjahreszeugnis war nicht schlecht, in Physik hat er sogar eine Eins. In den Kernfächern  lief es nicht so gut. In Deutsch hat er immerhin eine 3, in Mathe und Englisch  eine 4. Allerdings werden genau diese Kernfächer beim MSA geprüft. „Da muss ich bestehen.“

Die zentralen Prüfungen sind für alle Schüler gleich, egal woher sie stammen. Sein Praktikum hat Bassel, sei drei Jahren hier, im Büro der Architektin Christine Edmaier gemacht, der Präsidentin der  Architektenkammer vermittelt von einer Lehrerin. „Ich hatte 15 Bewerbungen geschrieben, sie war die einzige, die mich genommen hat.“  Stolz zeigt er die Aufnahmen von einem Gipsmodell, das er dort gefertigt hat – ein  Wochenendhaus am Wasser.

Houda: Der Traum von einer Wohnung

Houda ist Christin und stammt aus Damaskus.

Houda ist Christin und stammt aus Damaskus.

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BLZ/Markus Wächter

Houda (16) wohnt immer noch im Wohnheim in Marienfelde. Die Familie will dort raus, hat sich schon verschiedene Wohnungen angeschaut und jetzt tatsächlich  eine in Aussicht. Davon träumt Houda, die vor einem Jahr aus dem Palästinensercamp Jarmuk in Damaskus nach Berlin gekommen ist, schon lange. Es fehlt noch die Zusage des Jobcenters zur Kostenübernahme.  Houda lebt gerne hier. „In Berlin fühle ich mich wohl, es gibt so viele Ausländer“, sagt sie.

Noten gab es für sie zum Schulhalbjahr noch nicht. „Ich habe das Zeugnis für die A2-Stufe bekommen, weil ich neu in B1 war.“ Das sind spezielle Zeugnisse, in denen steht, was ein Schüler etwa in Deutsch oder Mathe schon gut kann. Richtige Noten gibt es erst in B1. Am wichtigsten sei, dass die neuen Schüler Texte erfassen, Textaufgaben und Statistiken verstehen lernen, sagt die Lehrerin. Für Grammatik und Rechtschreibung gebe es bei  Tests die wenigsten Punkte.

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