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Nachrichten aus Berlin und der ganzen Welt

Geflüchtete Jugendliche suchen in Berlin neue Wege

Bassel (16), Houda (15), Jamil (16), Burchin (16) und Jamal (18) berichten aus ihrem Schulalltag in Deutschland.

Bassel (16), Houda (15), Jamil (16), Burchin (16) und Jamal (18) berichten aus ihrem Schulalltag in Deutschland.

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Markus Wächter

Es gab Halbjahreszeugnisse und das zweiwöchige Betriebspraktikum; die Kölner Silvesternacht entfachte eine Debatte um das Frauenbild junger muslimischer Männer und die fremdenfeindliche Alternative für Deutschland (AfD) zog mit zweistelligen Ergebnisse in mehrere Länderparlamente ein.  Viel ist passiert seit unserem letzten Besuch an der Johanna-Ecke-Sekundarschule in Tempelhof vor mehr als drei Monaten.

Die Berliner Zeitung begleitet seit dem Sommer fünf Schüler der Eck-Schule, die mit ihren Familien nach Deutschland geflüchtet sind. Einer dieser Schüler hat inzwischen die Schule ohne Abschluss verlassen. Zwei Schülerinnen besuchen noch Willkommensklassen, wo sie Deutsch lernen und auf einen Sprachtest zum Übertritt in eine Regelklasse vorbereitet werden. Es gibt in diesen Sprachlerngruppen die verschiedenen Niveaustufen A1, A2 und B1, der höchste Level, so wie es der europäische Referenzrahmen vorgibt.

Sprachstufen und Spezialklassen

Die aus Syrien stammende Palästinenserin Houda ist gerade in die B1-Stufe gewechselt. Burchin befindet sich schon länger in B1 und macht jetzt den offiziellen Sprachtest, um von der Sprachlerngruppe in eine Regelklasse aufzurücken. Dort bereiten sie sich dann auf einen Schulabschluss vor. In der Eck-Schule gib es spezielle Regelklasse, die vornehmlich von Jugendlichen aus Flüchtlingsfamilien besucht werden. Es gibt viele unterschiedliche Modelle in Berlin und auch keine einheitlichen Prüfungsvorgaben.

Jamil besucht die 9, Bassel schon die 10. Klasse. Ergänzend werden die Schüler von Mitschülern unterrichtet, wofür die Schule jüngst einen Preis erhalten hat. Die Lehrer achten darauf, dass  die jungen Flüchtlinge etwas lernen und  halten auch Kontakt zu den Eltern, machen Hausbesuche. Lehrerin Ilona Ludwig-Schulze etwa hat schon mal Bassels Familie besucht. Dort wurde ihr gleich Mlouchia aufgetischt, ein minzartiges Muskraut mit Öl, Reis und Fleisch. „Lecker“, sagt die Lehrerin.

Offen redet sie inzwischen auch mit den Schülern  über die Ängste von Einheimischen angesichts der zahlreichen Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen. „Einige sind verunsichert oder haben eine kleine Rente und müssen überlegen, ob sie sich einen Wintermantel kaufen können“, formuliert sie. Die meinen dann, dass die Flüchtlinge zuviel Geld vom Amt bekommen. Die Lehrerin ist etwas besorgt, dass die deutschen Schüler für die Flüchtlinge nur begrenzt als Sprachvorbilder taugen. In der Hofpause werde oft kein gutes Deutsch mehr gesprochen. Artikel fehlten, die Wortstellung stimme oft nicht. Isch geh Fitness, heißt es dann,  wenn man den Besuch eines Fitnessstudios ankündigt.

Jamal: Noch nicht ausbildungsreif

Jamal stammt aus Afghanistan.

Jamal stammt aus Afghanistan.

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BLZ/Markus Wächter

Jamal – in Afghanistan geboren, im Iran aufgewachsen – ist schon seit Monaten nicht mehr an der Schule. „Er geht gerade einen anderen Weg“, seufzt eine Lehrerin. „Wir haben uns letztens noch einmal getroffen und gesprochen. Er ist schon 19 und muss Geld verdienen, das ist für ihn gerade wichtig.“ Seine Lehrerin und auch die Schulsozialarbeiterin versuchen noch, den Kontakt zu halten.  Damit er doch noch den Schulabschluss macht, wenigstens die Berufsbildungsreife, den früheren Hauptschulabschluss, das haben sie ihm empfohlen. „Aber im Moment ist er so ein bisschen beratungsresistent“, heißt es. 

Jamal, seit gut  drei Jahren in Deutschland, möchte jetzt über die Berufsausbildungshilfe das alte Handwerk des Täschners lernen. Das will er bei einem freien Träger, dem  Jugendausbildungszentrum (Jaz) in Zehlendorf machen, das er über ein Praktikum kennengelernt hat. Allerdings ist sein Deutsch noch nicht gut genug. Deshalb hat er nun erst einmal eine Bewerbung für einen Berufsvorbereitungskurs abgegeben. „Solche Kurse dauern drei bis sechs Monate“, sagt Jaz-Geschäftsführer Gerold Maelzer, ein jovialer Mann. „Dabei lernen die Jugendlichen ihren Tag zu strukturieren, es kann auch ein Haushaltsplan erstellt werden, damit sie den Umgang mit Geld besser lernen und es gibt Deutsch-Intensivkurse.“ Das Jugendamt zahlt dies im Rahmen der Jugendberufshilfe.

Über junge Flüchtlinge wie Jamal wird derzeit viel diskutiert. Wie kann man sie ohne ausreichende Deutschkenntnisse und ohne Schulabschluss zu einem Berufsabschluss führen? Dabei ist Jamal  motiviert.  Er will  einen Beruf lernen, will etwas mit den eigenen Händen gestalten. Bisher wohnte er mit seiner Mutter in einer kleinen Wohnung in Lankwitz. Aber die Mutter ist jetzt oft in Hamburg, kümmert sich um Verwandte dort. Jamal, der seine Oberarme im Fitnessstudio gestählt hat, ist nun noch mehr auf sich alleine gestellt.

Im Jaz können Jugendliche in sieben Handwerken die Gesellenprüfung ablegen. „Das Angebot  richtet sich an junge Menschen, die aufgrund ihrer sozialen, schulischen und psychischen Defizite Anspruch auf Jugendhilfeleistungen haben und die wegen ihrer Benachteiligung ohne diese Maßnahme keine oder kaum eine Chance hätten, eine qualifizierte Berufsausbildung zu erhalten“, heißt es auf der Homepage. Maelzer denkt nun daran, die Berufsvorbereitungskurse auszuweiten.

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