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Gegen Ärztekorruption: Der Unbestechliche

Das werbefreie Arztzimmer: Bei Thomas Lindner sind keine Firmenlogos auf den Kugelschreibern, auch nicht auf Kalendern, Notizblöcken, Terminzetteln.

Das werbefreie Arztzimmer: Bei Thomas Lindner sind keine Firmenlogos auf den Kugelschreibern, auch nicht auf Kalendern, Notizblöcken, Terminzetteln.

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Jens Blankennagel

Im Wartezimmer steht ein prächtig geschmückter Weihnachtsbaum – also alles ganz normal in der Praxis des Dialysearztes Thomas Lindner in Hennigsdorf (Oberhavel). Doch auf den zweiten Blick fallen ein paar Unterschiede auf: Es fehlen die üblichen Aufsteller mit aufgedruckten Namen von Pharmafirmen, es fehlen die vielen Flyer, mit denen die Hersteller die Vorzüge ihrer neuesten Medikamente anpreisen – hier fehlt die Werbung.

Nur der Tannenbaum wirbt für Weihnachten und auf einem Tischchen liegen Visitenkarten einer örtlichen Firma, die Patienten zu Arztpraxen fährt. Das weitgehend werbefreie Wartezimmer ist Absicht. Reklame für Medikamente ist in der Praxis tabu, denn Thomas Linder ist ein Überzeugungstäter – ein Mezis.

Durchlaufstation im positiven Sinne

Die Abkürzung steht für „Mein Essen zahle ich selbst“. So nennt sich eine „Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte“. Bundesweit sind 280 Mediziner dabei, in Brandenburg sind es drei. „Um die Relation klar zu machen“, sagt Lindner, „bundesweit gibt es 140.000 niedergelassene Ärzte.“ Und viele hätten nichts dagegen, wenn sie von der Pharmaindustrie in schöne Hotels zu Ärztestammtischen eingeladen werden. Dort werde ihnen nicht nur von den Wunderkräften der neuesten Arzneimittel vorgeschwärmt. „Natürlich gibt es auch gutes Essen – auf Kosten der Pharmafirmen“, sagt der 62-Jährige. „Bei diesen Fachvorträgen, die von Werbung nicht zu unterscheiden sind, essen wir nichts oder zahlen selbst.“ So entstand auch der Name der Initiative. Er gehe vor allem zu den Treffen, um bei den Vorträgen kritisch nachzuhaken, um „zu stänkern“ – und so vielleicht ein paar Kollegen zum Nachdenken zu bringen.

Wolfgang Wodarg vom Vorstand der Anti-Korruptionsvereinigung Transparancy International lobt die Mezis-Ärzte als Vorbilder, weil sie nicht den Verlockungen des Geldes erliegen. „Deshalb arbeiten wir mit ihren zusammen.“

Lindners Praxis ist eine Durchlaufstation im positiven Sinne. Hier werden täglich Leben gerettet: Jeder seiner 50 nierenkranken Dauerpatienten kommt alle drei Tage vorbei, legt sich für vier Stunden auf eine Liege neben ein Dialysegerät und lässt sich das Blut reinigen, weil die defekten Nieren dies nicht mehr selbst erledigen können. 17 Patienten können pro Schicht auf den zwei Etagen behandelt werden. In der Praxis arbeiten drei Ärzte, zehn Schwestern und zwei Sprechstundenhilfen in vier Schichten.

An den Wänden hängt viel Kunst, aber kein Kalender mit Pharmawerbung, auch Stifte, Radiergummis, Terminblöcke, Klebezettel und T-Shirts sind werbefrei. „Aber auch wir sind noch nicht 100-prozentig sauber“, sagt Lindner. Neulich habe er wieder einen Werbe-Kuli entdeckt. Dabei hat er doch extra Stifte mit dem Namen der Praxis anfertigen lassen. Büromaterial könne sich jeder Arzt selbst kaufen. Früher gab es von der Industrie sogar kostenlose Computer oder Reisen mit der Ehefrau zu Kongressen.

„Die meisten Ärzte bezeichnen sich als unbestechlich und machen mir Vorhaltungen nach dem Motto: Herr Lindner, sind Sie denn nicht in der Lage, die Medizin selbst auszuwählen?“ Lindner ist der Überzeugung, dass die Werbung der Industrie durchaus Einfluss hat. „Wenn auf dem Mousepad des Computers der Name einer Firma steht, ist es nicht abwegig, dass der Arzt davon beeinflusst wird, wenn er mit der Mouse ein Medikament auswählt.“

Er empfängt auch nicht mehr all die jungen hübschen Damen, die die Industrie als Pharmareferenten durch die Praxen schickt – sie dürfen nur noch ihre Broschüren abgeben, aber keine Werbegeschenke. „Immerhin gibt es 16.000 solcher Vertreter, das macht die Industrie nicht ohne Grund und Gewinn.“ Die Werber geben den Ärzten auch Proben von Medikamenten, die die dann kostenlos an Patienten geben.

Manchmal auch bestechlich

„Das klingt erst einmal gut“, sagt Lindner. „Aber es sind meist neue, unbekannte, teurere Medikamente, die mit Macht in den Markt gedrückt werden sollen.“ Und wenn die Pillen alle sind, muss der Patient die teuren weiter kaufen. Lindner verlässt sich sowieso lieber auf Medikamente, die schon lange genutzt und erprobt sind. „Es gibt pro Jahr sehr viele neue Mittelchen in Apotheken, aber weltweit vielleicht ein wirklich neues Medikament.“

Manchmal ist auch Lindner bestechlich. „Aber nur von möglichst unabhängigen wissenschaftlichen Studien, die ich nach Feierabend lese.“ Er erzählt auch, dass ihm bei Treffen mit Kollegen oft der Wind ins Gesicht wehe, weil er ihre „Umarmung mit der Industrie“ kritisiert. Doch er macht weiter, setzt nun auf den Nachwuchs und geht an die Unis. „Die Studenten sind von der Industrie noch nicht angefixt.“

In Brandenburg sind 1.069.200 Erwerbstätige gemeldet. In unserer Serie stellen wir ungewöhnliche Jobs in loser Folge vor.

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