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Gelände am Wannsee: Was aus der Lungenklinik Heckeshorn werden soll

Notaufnahme – nur noch für Film-Dreharbeiten in Betrieb.

Notaufnahme – nur noch für Film-Dreharbeiten in Betrieb.

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Benjamin Pritzkuleit

OPs, Intensivstation, Rettungsstelle und, natürlich, die Pathologie – es ist noch alles da, was für den Krankenhausbetrieb nötig ist. Nur operiert und geheilt wird hier schon seit über sieben Jahren niemand mehr. Einst residierte auf dem riesigen Gelände in bester Wannsee-Lage die Lungenklinik Heckeshorn mit 400 Betten. Heute werden dort nur noch Krankenhausfilme gedreht.

Einige Verwaltungsgebäude und Labors nutzt der DRK-Blutspendedienst. In manchen Häusern sind Wohnungen vermietet. Andere stehen leer. Mit 15 Hektar ist das Areal eine der letzten großen, zusammenhängenden Flächen in Landesbesitz. Aber die Verwertungsversuche des Liegenschaftsfonds sind bislang gescheitert. Denn das geltende Baurecht lässt nichts anderes als Gesundheits-Einrichtungen zu. So ergreift die Vegetation mehr und mehr wieder Besitz von der Idylle. An den Zäunen warnen Schilder: Betreten verboten. Lebensgefahr.

Guido Müller ist froh über die Flatliner. Das sind die Filmdienstleister, die die drei erst Anfang der 90er Jahre fertiggestellten, letzten Krankenhausneubauten angemietet haben. Die machen einen richtig modernen Eindruck und werden gerne von Filmproduktionen aller Art gebucht. Mit den Filmleuten kommt wenigstens Leben auf das unübersichtliche Gelände. Das vermindert die Gefahr Vandalismus und auch Brandstiftung wie zuletzt im Spreepark.

Übernachtungsgäste mit Zelten

Seit die Lungenklinik 2006 trotz heftigem Protest von Wannsee ins Zehlendorfer Bering-Krankenhaus umziehen musste, ist Guido Müller so etwas wie der Hausherr von Heckeshorn. Er arbeitet für einen Hausmeisterdienst, der im Auftrag des Liegenschaftsfonds das Gelände betreut. Müller sorgt dafür, dass Wasser- und Stromleitungen funktionsfähig bleiben, umsturzgefährdete Bäume gefällt werden und sich keine Ortsfremden ansiedeln.

„Wir haben hier öfter Übernachtungsgäste mit Zelten“, sagt er. Auch Metalldiebe seien immer wieder unterwegs. In den ersten Jahren nach der Klinik-Schließung habe es viel „Fütter-Tourismus“ gegeben. So nennt Müller Besucher, die kamen, um die an den Kontakt zu den Patienten gewöhnten, handzahmen Wildschweine zu versorgen. „70 Prozent meiner Arbeitszeit verbringe ich an der frischen Luft“, sagt Guido Müller. „Das ist wunderbar.“

Die ältesten der insgesamt 41 Gebäude auf dem Gelände unweit der Liebermann-Villa und dem Haus der Wannsee-Konferenz stammen aus den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Unter den Nationalsozialisten wurde dort Mitte der 30er Jahre die sogenannte Reichsluftschutzschule aufgebaut. Es entstanden Schul-, Verwaltungs- und Wohngebäude.

1943, während des Zweiten Weltkrieges, kam ein Hochbunker mit sechs Ebenen hinzu, der nach Einschätzung des Vereins Berliner Unterwelten zu den größten und stabilsten Bunkerbauten Berlins zählt. Noch 1985 wurde er mit Millionenaufwand zu einem Notkrankenhaus für bis zu 600 Personen ausgebaut. Nach dem Mauerfall und dem Ende des Kalten Krieges ist das Inventar an osteuropäische Länder verschenkt worden.

Die Lungenklinik bezog 1947 das Gelände am Wannsee, als eine Tuberkuloseepidemie in Berlin grassierte. Einige der Gebäude stehen unter Denkmalschutz. Es gibt fünf rote Backsteinhäuser aus den 30er Jahren, in denen früher Ärzte wohnten. Sie haben verwunschene Gärten und sind zumeist an Privatpersonen vermietet, die das Leben fernab von der Hektik der Stadt trotz der ungewöhnlichen Rahmenbedingungen genießen. „Hier kennt man sich und achtet aufeinander“, sagt Guido Müller.

In den 60er und 70er Jahren kamen erste Neubauten hinzu. Etwa das Bettenhaus auf der anderen Seite der Straße Zum Heckeshorn mit einer Nutzfläche von rund 9000 Quadratmetern. Die Krankenzimmer und Flure machen noch immer einen völlig intakten Eindruck. Sogar das Licht funktioniert. Ein neuer Nutzer hat sich dennoch nicht gefunden. Der Liegenschaftsfonds hat das Gebäude auch dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) angeboten, das ständig neue Unterkünfte für Flüchtlinge sucht. Bislang ohne Ergebnis. Das Objekt sei „noch in der Prüfung“, heißt es beim Lageso.

„Sicherheitswohnen“ im Wald

Die Ein- bis Drei-Zimmer-Appartements in den äußerlich schon ziemlich herunter gekommenen Schwesternwohnhäusern gegenüber sind zumindest zum Teil vermietet, an ehemalige Krankenschwestern und Externe. „Ich mag die Ruhe“, sagt einer der Mieter, der gerade das Haus verlässt. Er sei erst vor drei Jahren hierher gezogen, arbeite in einer Verwaltung im Stadtzentrum, erzählt der Mann mittleren Alters.

Die Verkehrsanbindung sei in Ordnung. Alle 20 Minuten fahre der Bus vor der Tür zum S-Bahnhof Wannsee. Angesichts des Standards findet er die Miete von 600 Euro warm für 73 Quadratmeter etwas hoch. „Das hier ist doch schon eher Sicherheitswohnen, damit die Gebäude nicht völlig verwaist sind.“ Am meisten störe ihn jedoch die ungewisse Zukunft: „Irgendwann werden sie hier alles abreißen und Luxuswohnungen bauen.“

Norbert Schmidt hält das für ausgeschlossen. Schmidt ist der Stadtrat für Stadtentwicklung im schwarz-grün regierten Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf. Für größere Wohnbauprojekte fehle in dieser Gegend die verkehrliche Infrastruktur, sagt der CDU-Politiker. „Dort darf nur Gesundheit statt finden.“ Und in der Bezirksverordnetenversammlung, die über Bebauungspläne beschließt, gebe es niemanden, der bereit sei, von dieser Vorgabe abzuweichen. Da ist sich Norbert Schmidt ganz sicher.



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