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Gentrifizierung in Prenzlauer Berg: 2927,66 Euro statt bisher rund 850 Euro – Kampf gegen teure Sanierung

Sven Fischer und seine Lebensgefährtin Maike Ahlers in ihrer Mietwohnung in der Kopenhagener Straße.

Sven Fischer und seine Lebensgefährtin Maike Ahlers in ihrer Mietwohnung in der Kopenhagener Straße.

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dpa

Sven Fischer und Maike Ahlers leben seit eineinhalb Jahren auf einer Baustelle. Das Haus in Prenzlauer Berg, in dem sie seit 15 Jahren zur Miete wohnen, wird energetisch saniert, Bauarbeiter sind allgegenwärtig. Um dem ständigen Lärm und Dreck zu entkommen, verbrachten Ahlers und Fischer in den Sommerferien ihrer zehn- und 14-jährigen Töchter so wenig Zeit wie möglich zu Hause. Das könnte ihnen das Leben gerettet haben.

Am Freitag vorvergangener Woche stellte die Bauaufsicht fest, dass der Schornstein der Wohnung entfernt und der Zug abgedichtet worden war. „Es war ein glücklicher Zufall, dass wir die letzten Wochen nicht da waren, und dass die das entdeckt haben“, sagt Fischer. „Sonst wäre es zu einer CO2-Vergiftung gekommen.“ Die Abgase von Warmwasseranlage und Gasetagenheizung konnten nicht entweichen - seit wann, ist unklar. „Wir gehen davon aus, dass es ein Mordanschlag auf unsere Familie war“, sagt Fischer.

Er traut den Hauseigentümern so etwas zu, weil sich die Mieter schon lange schikaniert und zum Auszug gedrängt fühlen. Nach dem Tod des vorherigen Besitzers verkauften dessen Erben im Frühjahr 2013 das Haus an die Christmann Unternehmensgruppe. Bald gab es erste fristlose Kündigungen wegen angeblicher Mietrückstände.

Sanierung und üppige Mieterhöhung

Dann wurde die Sanierung angekündigt - und üppige Mieterhöhungen für die Zeit danach. Ahlers und Fischer sollten künftig eine Warmmiete von 2927,66 Euro statt bisher rund 850 Euro zahlen. Die Mieter lehnten die Modernisierung ab, Christmann verklagte sie auf Duldung. Es folgten zahlreiche Gerichtstermine, weitere Kündigungen und einstweilige Verfügungen. Erst am vergangenen Freitag wurde Fischer bereits zum vierten Mal fristlos gekündigt - diesmal weil er Christmann den Mordversuch vorgeworfen hatte.

Im März 2014 wurden Baugerüste aufgestellt, eine Plastikplane umhüllte das Haus, während die Fassade gedämmt wurde. Gleichzeitig wurden die teilweise noch bewohnten Wohnungen zum Verkauf angeboten. Acht Monate lang blieb die Plane. Zermürbt nahmen nach und nach die meisten der einst 45 Mieter Abfindungen an und zogen aus. Seit einigen Monaten sind nur noch Ahlers, Fischer und ihre beiden Töchter sowie zwei Mitbewohner übrig.

Dass die Bauaufsicht neulich im Haus war und die Entfernung des Schornsteins entdeckte, lag daran, dass Bauarbeiter die Decke eines Badezimmers eingerissen und das Bad verwüstet hatten. Christmanns Anwälte schrieben daraufhin an die Anwältin von Ahlers und Fischer, dass man die Beschädigung bedaure. Geschehen ist seitdem nichts, im Bad liegen immer noch Schutthaufen. Wegen der fehlenden Abgasleitung hat die Familie zudem weder warmes Wasser, noch kann sie heizen.

Kein warmes Wasser, keine Heizung

Es sei eine „Riesenschweinerei“, was im Haus in der Kopenhagener Straße geschehe, sagt der zuständige Baustadtrat des Bezirks Pankow, Jens-Holger Kirchner (Grüne). Er habe angeordnet, dass Christmann alle Gefahren für die Gesundheit sofort zu beseitigen habe. Dessen Anwälte hätten Widerspruch eingelegt.

Auf eine Bitte um eine aktuelle Stellungnahme antwortete die Christmann-Gruppe nicht. Im vergangenen Oktober hatte sie auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur die „Kooperationsbereitschaft“ der Mieter in der Kopenhagener Straße bei der Modernisierung bemängelt. „Aufwertung ist nichts Negatives und sollte auch nicht so verstanden werden“, hieß es. Das Verhältnis zu den Mietern sei naturgemäß gespannt: „'Zuhause' ist zu allererst ein Gefühl und insofern werden Veränderungen an der Wohnung von den Mietern natürlich als Eingriff betrachtet und von jedem individuell und emotional verarbeitet.“

Ahlers und Fischer haben inzwischen Angst. Sie sehen sich als Zielscheibe, weil sie weiter ausharren und an die Öffentlichkeit gehen. Aufgeben komme allerdings nicht infrage. „Wir wollen hier wohnen bleiben. Und wir wollen nach außen auch ein Zeichen setzen, dass es möglich ist“, so Fischer. Das mache den Bewohnern anderer Häuser in Berlin Mut, die sich ebenfalls von der Verdrängung durch Investoren bedroht sehen.

Erinnerungen an Schöneberger "Horrorhaus

„Es gibt drei Eigentümer in Pankow, die immer wieder auffällig werden“, sagt Kirchner. Aber auch in anderen Bezirken gibt es ähnliche Fälle. Zuletzt wurde viel über das „Horrorhaus“ in Schöneberg berichtet. Dort klagten die Mieter über Lärm, Müll und ständige Polizeieinsätze. Der Eigentümer hatte rund 200 Roma-Wanderarbeiter zu angeblich überhöhten Mieten auf engstem Raum einquartiert. Ihm wurde vorgeworfen, die Mieter vertreiben zu wollen, um das Haus teuer verkaufen zu können.

Auf seiner Website teilte Christmann unterdessen im Juni mit: „Nur 4 Monate nach Verkaufstart wechselt die letzte freie Wohnung in der Kopenhagener Strasse 46 ihren Besitzer. Wir beglückwünschen alle Käufer der dort entstehenden Altbauklassiker und Dachgeschosswohnungen.“ (dpa)