04.02.2012

Genuss: Die Abgründe des Popcorn-Kinos

Von Mathias Raabe
Das ist nicht McDonald's, sondern das Kino in der Kulturbrauerei. Ohne Snacks könnten die Kinobetreiber nicht über die Runden kommen.
Das ist nicht McDonald's, sondern das Kino in der Kulturbrauerei. Ohne Snacks könnten die Kinobetreiber nicht über die Runden kommen.
Foto: Benjamin Pritzkuleit
Magenknurren ist auch kein schönes Geräusch. Diese Kinobesucher wissen, wie man es verhindert.
Magenknurren ist auch kein schönes Geräusch. Diese Kinobesucher wissen, wie man es verhindert.
Foto: Benjamin Pritzkuleit
Berlin –  

Am Donnerstag beginnt die Berlinale, bei der traditionell kein Popcorn verkauft wird. Die Snacks gehören inzwischen zur Grundausstattung beim Kinobesuch. Doch vielen Filmfreunden ist das Dauerknuspern ein Graus.

Der klassische Kinobesucher hat eigentlich immer eine Hand zu wenig: In der einen die Popcorntüte, in der anderen die Colaflasche fehlt am Eingang zum Filmsaal regelmäßig die dritte Hand, um die Kinokarte vorzuzeigen. Doch trotz dieser Mühen sind die Snacks aus den Kinos nicht mehr wegzudenken. Was im Theater oder Konzert undenkbar wäre, gehört beim Filme gucken zur Grundausstattung.

Statistiken belegen, dass zwischen 44 und 57 Prozent der Kinobesucher ihren favorisierten Film nicht ohne Bier, Cola, Nachos, Chips oder Erdnussflips erleben wollen. Und das kommt den Kinobetreibern sehr entgegen. Denn diese machen ihre ganz eigene Rechnung auf: Rund 50 Prozent des Umsatzes müssen inzwischen durch den Verkauf von Lebensmitteln in den Kinos erreicht werden.

Das sagt jedenfalls Katja Schubert von der Yorck-Kinokette, die in der Stadt immerhin 14 Filmtheater betreibt. Die Hälfte des Kartenpreises geht an die Filmverleiher. Für viele Kinobetreiber ist es eine Frage des Überlebens, möglichst viele Snacks zu verkaufen. Popcorn gerne eimerweise, Cola am liebsten im Literbecher.

Vor allem die Jungen knabbern

Doch vielen Filmfreunden ist genau das ein Graus. Sie fühlen sich von Essgeräuschen und -gerüchen im Kino abgestoßen. Ein guter Tipp, falls Sie auch dazu gehören sollten: Suchen Sie sich einen Platz neben Filmfans über 60. Die geben – laut Statistik – kaum Geld für Popcorn, Nachos oder anderen Süßkram aus, sind also eher geräuscharme Sitznachbarn.

Bundesweit gab diese Altersgruppe 2010 72 Millionen Euro für Kinokarten aus, aber nur 16 Millionen für Snacks und Getränke. Dagegen langen die jüngeren Kinogänger diesbezüglich ordentlich zu. In der Gruppe der 20- bis 29-Jährigen werden 242 Millionen Euro für die Tickets, und immerhin die stolze Summe von 104 Millionen in das kulinarische Vergnügen investiert.

Ältere und jüngere Besuchergruppen werden daher mittlerweile gerne auch räumlich getrennt. So gibt es in der Yorckgruppe gleich mehrere Kinos, die Popcorn-freie Zonen sind. Laut Pressesprecherin Katja Schubert gehört das frühere DDR-Premieren-Kino International in der Karl-Marx-Allee dazu, das vor allem ältere Menschen aufsuchen.

Im International hat das aber auch den Grund, dass fürs Saubermachen dieses großen Kinos gleich mehrere Mitarbeiter nötig wären. Was man an den Snacks verdiente, müsste man also wieder fürs Personal ausgeben. Weil der Kinosaal im International schräg abfällt, hat man dort übrigens schon sehr früh Flaschenhalter an die Sitze montiert. Das Gekuller von abwärts rollenden Flaschen möchte man den Gästen nämlich gerne ersparen.

Ganz anders in der Kulturbrauerei. Dort gehen täglich 20 Kilogramm Popcorn über den Tresen, außerdem sieben Kisten Bier und rund 30 Liter Cola. Popcorn gehört schon seit mehr als hundert Jahren zur Grundausstattung der Kinos in den USA. Dort wurde der Snack in den Jahren der großen Depression wegen des Billigpreises von nur einigen Cent zum erschwinglichen Luxus für Jedermann.

Männer mögen’s süß

In Deutschland ist die Sitte oder Unsitte – nach Standpunkt – seit Mitte der 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts Kult. Eingeführt haben soll es hierzulande ein Münchener Film-Aktivist. Dieter Buchwald heißt der Mann, der 1977 nach einem USA-Trip von der Kombination Popcorn und Kino überzeugt war.

Buchwald stellte in seinem Kino Cinema in der Nymphenburger Straße die erste Popcorn-Maschine auf und leitete damit einen Siegeszug ein. Sechs Jahre lang soll Buchwald in Deutschland dann alleiniger Popcorn-Anbieter gewesen sein. Die aufgeplusterten Maiskörner sind aber schon vor mehr als 4000 Jahren begehrt gewesen – die Indianer Süd- und Mittelamerikas sollen sie sogar als Schmuck getragen haben.

Geschlechterspezifisch gibt es unter den Popcorn-Konsumenten ebenfalls statistisch exakt belegte Unterschiede. So mögen Frauen das Maisprodukt eher salzig, Männer entscheiden sich dagegen eher für die süße Variante. Die Geräusche sind aber beim Verzehr beider Geschmacksrichtungen gleich nervig für Cineasten, die sich ausschließlich auf "ihren" Film konzentrieren wollen.

Knirschen, mahlen, mampfen - Erlebnisberichte

Das Unheil nahm seinen Lauf in Gestalt eines etwa 25-Jährigen, der neben mir Platz nahm. In beiden Händen einen Pappeimer, groß genug, um darin ein Vollbad zu nehmen und randvoll mit Popcorn. Ich versuchte mich auf den schwedischen Film zu konzentrieren, sparsame Dialoge, kaum Musik, kurz: Nichts, was das Dauergeräusch in meinem rechten Ohr hätte übertönen können. Es knirschte, mahlte und raschelte unablässig. Nach 10 Minuten war ich entnervt. Nach 20 Minuten kochte ich, und nach einer halben Stunde platzte mir der Kragen: "Junge, gönn’ uns mal eine Pause von deinem Gemampfe." "Sie haben mich zu siezen", blaffte es von der Seite zurück. "Wir können auch mal rausgehen", setzte der Gescholtene hinterher, begleitet vom Gekicher der umliegenden Sitzreihen. "Geh doch schon mal vor, ich komm dann nach, wenn der Film zu Ende ist", erwiderte ich. Den restlichen Film über war Ruhe, nur ab und an unterbrochen vom leisen Schnauben meines Sitznachbarn.

Marcus Weingärtner

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