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Geschichtsträchtigem Gewerkschaftshaus droht der Abriss

In Gefahr: Dem Haus der Gewerkschaft Verdi (links) droht der Abriss.

In Gefahr: Dem Haus der Gewerkschaft Verdi (links) droht der Abriss.

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Berliner Zeitung/Markus Wächter

In eine alte Planung kommt neue Bewegung. Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) ist sich mit der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi in den Verhandlungen über einen Ankauf des Gewerkschaftshauses am Schiffbauerdamm 19 in Mitte näher gekommen. Damit rückt die geplante Neugestaltung des Luisenblocks Ost zwischen Spree, Stadtbahntrasse und Luisenstraße nach dem preisgekrönten Entwurf aus dem Jahr 2009 näher – allerdings mitsamt der umstrittenen Abrissplanung.

„Wir haben mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) eine Verständigung über die Struktur und Grundlage eines Erwerbs des Grundstücks erreicht“, erklärte Verdi-Sprecher Christoph Schmitz jetzt auf Anfrage der Berliner Zeitung. „Allerdings sind die wirtschaftlichen Eckdaten noch in der Diskussion“, sagte er. Zu Details der Verkaufsgespräche wolle sich Verdi „mit Rücksicht auf die laufenden Verhandlungen nicht äußern“, betonte Schmitz.

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Der Bundestag will das Parlamentsviertel seit Jahren in Richtung Bahnhof Friedrichstraße erweitern. Im 47.000 Quadratmeter großen Luisenblock Ost sollen weitere Büroflächen für Abgeordnete und ihre Mitarbeiter entstehen. Das Problem: Ein 3 740 Quadratmeter großes Grundstück mitten auf dem Areal ist nicht im Besitz des Bundes, es gehört der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Der Bund bot Verdi zwar ein Tauschgrundstück an, doch forderte Verdi eine so hohe Ausgleichszahlung, dass sich der Bund darauf nicht einließ.

Historisch wertvoll

Für den Luisenblock Ost war das kein Nachteil. Denn die städtebauliche Planung für das Areal sieht vor, dass neben den wenig ansehnlichen Plattenbauten am Schiffbauerdamm auch das geschichtsträchtige Gewerkschaftshaus von Verdi abgerissen werden soll. Dagegen gibt es Protest. „Der Abriss dieses Hauses wäre ein Frevel“, sagt der renommierte Architekturkritiker und Stadtplaner Dieter Hoffmann-Axthelm. Schließlich sei das Haus am Schiffbauerdamm 19 „das letzte der klassischen Geschäftshäuser der Frühmoderne, die einst den Schiffbauerdamm prägten“. Das inzwischen sanierte Gebäude war 1910 bis 1912 im Neuklassizistischen Stil errichtet worden. Es steht zwar nicht unter Denkmalschutz, ist aber laut Hoffmann-Axthelm „von der Qualität ein Baudenkmal“.

Einen besonderen Wert hat das Gebäude auch wegen seiner Eigentümergeschichte. So gehörte die Immobilie seit 1928 dem Gewerkschaftsbund der Angestellten, der Vorläuferorganisation der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG). Die Nazis enteigneten die Immobilie 1938 und überschrieben sie der Deutschen Arbeitsfront. Zu DDR-Zeiten ging das Haus zunächst in den Besitz des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes über, später wurde es Volkseigentum. 2002 wurden Haus und Grund zurückübertragen.Seitdem ist die Immobilie im Besitz der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, weil die DAG eine der fünf Gründungsorganisationen von Verdi war.

Im Siegerentwurf nicht mehr enthalten

In der Wettbewerbsausschreibung zur Neugestaltung des Luisenblocks Ost hieß es zwar noch, die Teilnehmer sollten „prüfen, inwieweit das sanierte Gebäude Schiffbauerdamm 19“ in das neue Konzept integriert werden könne. Doch im Siegerentwurf der Architekten Kusus und Kusus war das Haus dann nicht mehr enthalten.

Es geht jedoch auch anders. Weil Verdi so lange um einen möglichst hohen Preis für sein Grundstück feilschte, gab die Bundestags-Baukommission eine Alternativplanung in Auftrag. Dabei sollte untersucht werden, ob sich der preisgekrönte Entwurf auch dann realisieren lässt, wenn das Verdi-Grundstück nicht im Besitz des Bundes ist. Ergebnis: Es ist möglich. Es kann um das Verdi-Haus herum gebaut werden.

Zwei Varianten möglich

Der veränderte Plan finde „auch in der Leitung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt deutliche Zustimmung“, heißt es in einem Papier der Bundestags-Baukommission, das der Berliner Zeitung vorliegt. Dies gelte „auch für den Fall, dass es der Bima langfristig doch noch gelingt, das Grundstück oder Teile des Grundstücks zu erwerben“. Das sieht nach einem Stimmungswandel zugunsten eines Erhalts des Verdi-Hauses aus. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung gibt sich auf Nachfrage jedoch zurückhaltend. Der Entwurf für den Luisenblock Ost sei „mit und auch ohne einen Erhalt der Bebauung Schiffbauerdamm 19 umsetzbar“, erklärt Behördensprecher Martin Pallgen diplomatisch. Das Land Berlin hält sich damit beide Optionen – Abriss oder Erhalt – offen. Aus Sicht des Bundestags wäre es einfacher, das Areal ohne das Verdi-Haus zu bebauen. Gut möglich, dass Berlin sich nicht mit dem Bund anlegen will und deswegen zur Aufgabe des Verdi-Hauses bereit ist.

Der Bebauungsplan wird nun für beide Varianten vorbereitet, sagte Pallgen. Zur Zeit werde das Schallgutachten erarbeitet. Im Sommer soll die Bürgerbeteiligung erfolgen. Zum Ende des Jahres könnte das Abgeordnetenhaus den Plan beschließen. In welcher Variante, ist offen.