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Gesetz gegen Ferienwohnungen: Vermieter fürchten ums Geschäft

Frühstücken, wo einst Studenten die Revolution probten: Ferienwohnung in der Stephanstraße in Moabit.

Frühstücken, wo einst Studenten die Revolution probten: Ferienwohnung in der Stephanstraße in Moabit.

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Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

Die Oehls aus Essen und die Wilhelms aus Bad Tölz sitzen beim Frühstück. Alle zusammen, vier Erwachsene, sechs Kinder. Brötchen werden geschmiert, Kaffee gekocht, Müslis zusammengerührt. Der Tisch ist groß und nimmt doch nur einen kleinen Teil des dank großer Fensterfront hellen Ess- und Wohnraums ein. Dazu gehören noch ein paar Nebenzimmer und ein Bad. Zusammen haben die beiden befreundeten Familien für eine Woche eine Ferienwohnung in Moabit gemietet. Eine mit Geschichte.

Ursprünglich gehörten die Remisenräume im Hinterhof der Stephanstraße 60 zu einer Filzerei, die Stoff für Uniformen herstellte. Berühmt wurden sie mehr als 60 Jahre später. In der Wohnung, die sich die Oehls und die Wilhelms für ihren einwöchigen Berlin-Urlaub teilen, hat zur Hochzeit der Studentenbewegung eine Hippiegruppe aus Köln gewohnt. Deren Ziel war es, „die kulturelle Trennung von Leben und Arbeit zu überwinden“. So sprach, dachte und lebte man damals. Der Spiegel schrieb über die Kölner in Moabit: „Sie blieben die Miete schuldig und schleppten außerdem Läuse ein.“

Das war dem Vermieter zu viel, obwohl der einiges gewohnt war: Rainer Langhans, Ober-Student, Chef-Feminist, Kämpfer für eine antiautoritäre Gesellschaft und freie Liebe. Langhans lebte mit Mitstreitern einen Stock darüber in der legendären Kommune I. Die Bilder von nackten Langhaarigen, die auf Matratzen hockten und die Welt ändern wollten, gingen um den Globus.

Ende 1969 beendete Hauptmieter Langhans das gesellschaftliche Experiment. Mancher zog sich ins Private zurück, andere in den Untergrund. Nach einigen Zwischennutzungen verfielen die Fabriketagen.

Mittlerweile wird in den Räumen der Kommune I wieder Politik gemacht. Hier hat Stephan La Barré sein Büro. Der gelernte Physiker ist Inhaber von Berlin Lofts, einem Unternehmen mit 14 Ferienwohnungen in Berlin. Seit 1997 gehört ihm die Remise an historischem Ort – ursprünglich ausgebaut als Gästewohnung, später umfunktioniert zur Ferienwohnung. Neben den Räumen der Kölner Kommune vermietet La Barré auch das von den damaligen Kommunarden ebenfalls genutzte Dachgeschoss sowie acht weitere Wohnungen auf der anderen Seite des Backsteingemäuers.

Mehr Ferien- als Mietwohnungen

Das ging lange gut, La Barré sieht sich als eine Art Wiederaufbauhelfer nach Jahrzehnten des Siechtums. Doch jetzt hat sich der Wind gedreht, Ferienwohnungen gelten als verwerflich, weil sie den knappen Wohnraum verbrauchten. Weil sie Touristen in die Stadt lotsten, die nach und nach ganze Viertel umkrempeln würden. Weil es schon Wohnhäuser gibt, in denen es mehr Ferien- als Mietwohnungen gibt.

Er fühle sich „verfolgt“, sagt La Barré. Man wolle ihn und seine Kollegen Vermieter „ausrotten“. Weil die Politik zu lange ignoriert habe, dass die Stadt wachse, opfere man jetzt die Aufbauer, sagt er.

Hintergrund der starken Worte ist das Zweckentfremdungsverbotsgesetz. Es sieht für bestehende Wohnungen einen zweijährigen Bestandsschutz vor. Danach braucht jeder Vermieter eine Genehmigung. Doch die Hürden sind hoch. Derzeit sieht es so aus, als sollte kaum ein Vermieter sie nehmen können. Über die Vorlage soll am Mittwoch im Bauausschuss des Abgeordnetenhauses abgestimmt werden. Da alle Fraktionen dafür sind, gilt die Annahme als sicher.

Stephan La Barré hat sich den Mittwochstermin im Kalender angestrichen. Er will hingehen, auch in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Apartment Allianz Berlin, einem Zusammenschluss von 25 Vermietern. La Barré hat den Verein im Sommer gegründet und versucht durch Lobby-Arbeit, die Branche zu retten. Schließlich sei es doch positiv, wenn auf diese Weise fremde Menschen in die Stadt kämen. Im Übrigen seien auch sie für Regulierungen, strenge Lärmauflagen, Lizenzvergaben für Vermieter – aber ein faktisches Verbot sei eine Unverschämtheit und eine Katastrophe.

La Barrés Kurzzeit-Mieter dürften das ähnlich sehen. „Die Kommune 1 war nicht der Grund, dass wir die Wohnung genommen haben“, sagt Urlauber Hans Oehl aus Essen. Entscheidend war der recht günstige Preis für 220 Quadratmeter (196 Euro pro Nacht) und die zentrale Lage. „Aber es hat uns auch nicht gestört“, sagt er.

„Wir können ja nicht die Welt ändern“, sagt Stephan La Barré. Das haben in seinen Wohnungen andere Leute zu anderen Zeiten schon mal ganz anders gesehen.