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Gesundheitsreport: Berlin Psycho

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BLZ/Galanty, Quelle: DAK Gesundheit

Ein Mal im Jahr schlägt – mindestens – bei den großen Krankenkassen der Republik die Stunde der Statistiker. Diesmal war die DAK an der Reihe. Am Mittwoch stellte sie ihren Gesundheitsreport für die Hauptstadt vor. Dafür wurden Daten von mehr als 105.000 erwerbstätigen DAK-Versicherten in Berlin ausgewertet. Zur Einordnung: Die DAK hat in Berlin 240.000 Versicherte und ist damit neben der AOK und der Barmer GEK eine der größten Kassen der Stadt. Die Daten sind also repräsentativ.

Steigerung um 24 Prozent

Wichtigste Erkenntnis des Reports: Der Krankenstand in Berlin sinkt von 4,4 Prozent im Jahr 2011 auf aktuell 4,3 Prozent. Die Tendenz ist bekannt, in Berlin werden seit Jahren kontinuierlich sinkende Fehltage registriert. Und doch bleiben die Zahlen beeindruckend: Sie bedeuten, dass in Berlin von 1000 Arbeitnehmern pro Tag durchschnittlich 43 krankgeschrieben waren. Und das ist immer noch höher als der Bundesdurchschnitt von 3,8 Prozent.

Aufgeschlüsselt nach Branchen lassen sich Angestellte der öffentlichen Verwaltung am häufigsten krankschreiben, solche aus Bildung, Kultur und Medien am seltensten. Auch bei der Dauer einer Krankschreibung liegt Berlin über dem Schnitt (14,1 zu 12,6 Tage).

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Als einen Grund dafür haben die Medizin-Mathematiker die Zunahme von psychischen Erkrankungen ausgemacht, und gerade die dauern lange. „In Berlin sind es durchschnittlich 33 Tage“, sagte Astrid Fricke, Chefin des Regionalzentrums Berlin der DAK, am Mittwoch bei der Vorstellung der Zahlen.

Bundesweit liegt Berlin bei Depression und Co. auf Platz 3, nur im Saarland und in Hamburg fehlten die Beschäftigten noch länger wegen seelischer Leiden. So blieben in Berlin voriges Jahr 100 Arbeitnehmer im Schnitt an 250 Tagen wegen einer psychischen Erkrankung daheim – 24 Prozent mehr als vor zwölf Jahren.

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In dieser Statistik ist die Stadt den meisten anderen Bundesländern voraus. Bundesweit wurden 2012 „nur“ 204 Krankheitstage wegen solcher Erkrankungen gezählt. Psychische Erkrankungen gelten oft als Großstadt-Phänomene. Dennoch sprechen die Gesamtzahlen eher dafür, dass sich der Begriff der Depression bundesweit durchsetzt: Noch 1997 wurde jeder 50. Erwerbstätige deswegen krankgeschrieben, 2012 war es bereits jeder 22. Die Provinz holt also auf. Interessant auch: Frauen waren fast doppelt so häufig betroffen wie Männer. Insgesamt betrug der Produktionsausfall im Jahr 2012 wegen psychischer Prognosen 25 Milliarden Euro.

Mode-Diagnose Burnout

Und die Ausfälle werden weiter steigen. Inzwischen sind die seelischen Erkrankungen an Platz 3 der Rangliste für Krankschreibungen angelangt. Noch führen die Erkrankungen des Muskel-Skelett- vor denen des Atemsystems, doch alle anderen Diagnosen als Depression werden immer seltener gestellt.

Was nicht heißt, dass die Menschen heute tatsächlich an anderen Gebrechen leiden als früher. Betroffene und Ärzte gehen nur anders damit um, so die DAK. „Viele Arbeitnehmer werden heute mit einem psychischen Problem krankgeschrieben, während sie früher etwa wegen chronischer Rückenschmerzen arbeitsunfähig gewesen wären“, sagte DAK-Chefin Fricke. Die Symptome seien oft sehr ähnlich, die Diagnose sei heute nur differenzierter. Deswegen weigere sie sich auch davon zu sprechen, „die Deutschen seien ein Volk von psychisch Kranken“, so Fricke.

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Während die Zunahme der Depressionen bei den Kassen akzeptiert wird, haben sie beim Phänomen Burnout ein Problem. Der mancherorts inflationär benutzte Begriff beschreibe keine psychische Erkrankung, sondern nur eine Anpassungsstörung an Veränderungen im Arbeitsbereich. Der Psychiater und Psychotherapeut Kai Treichel vom Ärztehaus Friedrichshain geht noch einen Schritt weiter und sagt: „Burnout ist keine wissenschaftliche, sondern eine Mode-Diagnose.“

Recht schwer tut sich die DAK mit der Ursachenforschung. So sei es zu einfach, die moderne Arbeitswelt mit ihrer Entgrenzung von Job und Privatleben zu verteufeln. Nach ihren Daten seien tatsächlich gar nicht so viele Versicherte auch nach der Arbeit permanent erreichbar – was vielerorts als krankheitsgefährdender Stress genannt wird – wie vermutet. Im Übrigen gelte: Keine Arbeit zu haben ist mindestens so schlimm – und ungesund.



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