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Gewalt an Kindern in Berlin: Kurz vor Lillys Tod zog das Jugendamt die Helfer ab

Das Grab von Lilly wirkt gepflegt. Das Mädchen wurde auf dem Friedhof in Rehfelde beerdigt.

Das Grab von Lilly wirkt gepflegt. Das Mädchen wurde auf dem Friedhof in Rehfelde beerdigt.

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Berliner Zeitung/Katrin Bischoff

Das Grab auf dem kleinen Friedhof von Rehfelde unweit von Berlin ist das letzte in einer Reihe, die zur Kapelle führt. Der Grabstein setzt sich aus drei Granitstücken zusammen, die wie Kinderbausteine ein Tor bilden. „Lilly“ steht auf dem obersten Stein. Zwei Jahreszahlen sind zu lesen: 2011 und 2013. Das Kind, das hier begraben liegt, wurde keine zwei Jahre alt. Lilly starb aber nicht an einer Krankheit oder durch einen Unfall.

Das kleine Mädchen wurde geschüttelt, geschlagen, getreten und auf den Boden geworfen – vom Stiefvater. Die Ärzte im Virchow-Klinikum der Charité, wo das Mädchen einen Tag später behandelt wurde, konnten es nicht mehr retten. Lilly starb drei Tage später auf der Intensivstation, ohne noch einmal das Bewusstsein wiedererlangt zu haben.

Lillys Schicksal ist kein Einzelfall. Und das Problem wird nicht kleiner, weil die Gesellschaft trotz Aufklärung häufig wegschaut und Jugendämter oft überfordert sind. Jede Woche sterben in Deutschland drei Kinder, weil sie von ihren Müttern, Vätern oder Stiefvätern misshandelt wurden. Experten gehen davon aus, dass die Dunkelziffer doppelt so hoch ist. Dass die Kinder gewaltsam starben, bleibt oft unentdeckt.

Allein in Berlin wurden im Jahr 2014 mehr als 650 Fälle von Kindesmisshandlung bekannt und damit fast ein Drittel mehr als im Jahr zuvor. Doch es gibt weitaus mehr Kinder, deren Schicksal nicht bekannt oder einfach ignoriert wird, etwa weil Ärzte keine Meldepflicht haben. Schätzungen gehen von 32.000 misshandelten Mädchen und Jungen pro Jahr in der Hauptstadt aus. Die Behörden haben die Brisanz erkannt. Noch im Frühjahr nehmen in Berlin fünf Kinderschutzambulanzen ihre Arbeit auf.

Versprechen eines Vaters

Für Enrico Giese kommen diese Angebote zu spät. Der 32-Jährige ist der Vater der kleinen Lilly. Er hatte sich vor ihrem Tod Mitte Dezember 2013 darum bemüht, das Mädchen dauerhaft zu sich nehmen zu können. Lilly sollte Weihnachten und ihren zweiten Geburtstag bei ihm verbringen. Zur Begründung sagt er, er habe schon länger das Gefühl gehabt, dass seine Tochter vom Stiefvater misshandelt wird.

Der Gerüstbauer hat als Nebenkläger zwei Prozesse gegen den Mann miterlebt, der Lilly umgebracht hat. Erst vor zwei Wochen war ihr Peiniger vom Landgericht in Frankfurt (Oder) in einem neuen Verfahren wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Es war Giese, der nach dem ersten milden Urteil gegen den Täter in Revision ging. Und erfolgreich war. Er sagt, das habe er seiner kleinen Tochter versprochen.

Giese und seine damalige Freundin hatten schon einen Sohn, als Lilly zur Welt kam. „Für mich war es traumhaft, Vater eines Mädchens zu werden, die Kleine war eine Prinzessin für mich.“ Doch die Beziehung ging in die Brüche, Lillys Mutter zog mit den Kindern zu einem anderen Mann. Anfangs lief alles gut. Der neue Freund der Mutter soll liebevoll mit den Kleinen umgegangen sein. Er sei aber mit der Zeit immer strenger geworden, besonders zu der Kleinen, hat Lillys Mutter im Prozess ausgesagt.

Am Abend des 10. Dezember 2013 wurde Lilly Opfer eines unglaublichen Gewaltexzesses. Und selbst nach zwei Prozessen ist nicht klar, warum der Stiefvater das schlafende Kleinkind aus dem Bettchen zerrte, es über eine Stunde lang malträtiert und mit kalten Wasser abgeduscht hat. Unklar ist bis heute auch, warum Lillys Mutter ihr Kind vor diesem Mann nicht in Schutz nahm. Sie war dabei, fuhr zwischendurch sogar Bier holen. Sie sagte im Prozess, dass sie Angst gehabt habe, alles könne noch schlimmer werden. Sie kam mit einer Bewährungsstrafe davon.

Es war wie so oft bei misshandelten Kindern: Als Lilly am nächsten Morgen in eine Klinik gebracht wurde, erzählten Mutter und Stiefvater, das Mädchen sei bei einem Bremsmanöver im Auto nach vorn geschleudert worden. Als die Ärzte dies nicht glaubten, hieß es, Lilly sei der Mutter beim Baden in der Wanne aus den Händen geglitten.

Familie vom Jugendamt betreut

Zur gleichen Zeit bemühten sich vier Ärzte um das bereits bewusstlose Kind, das schwerste Hirnverletzungen und ein schweres Bauchtrauma erlitten hatte. „Das war kein Unfall. Hier war irgendetwas ganz Schreckliches mit dem Kind passiert“, sagte eine Ärztin des Krankenhauses im Prozess um Lillys Tod. Ein Arzt der Rettungsstelle berichtete als Zeuge, dass er beim Anblick des Kindes selbst um Fassung habe ringen müssen. Er war es auch, der schließlich die Polizei alarmierte.

Das Kind wurde, wenn man so will, unter den Augen von Nachbarn und des Jugendamtes zu Tode misshandelt. Eine Nachbarin erklärte bei Gericht, Lillys Mutter und Stiefvater hätten sich als glückliche Familie gegeben. Aber sie hörte auch, wie der Mann die Kinder zu Hause als „Drecksgören“ anbrüllte. Eine andere Nachbarin rief die Polizei, nachdem der Stiefvater Lilly auf der Treppe geschlagen hatte.

Als Reaktion schickte das Jugendamt zwei erfahrene Familientherapeuten. Die Familie habe kooperiert und mitgearbeitet, ließ das Amt nach Lillys Tod mitteilen. Alles sei auf gutem Weg gewesen. Nichts habe darauf hingedeutet, dass die Lage eskalieren würde. Die Therapeuten kümmerten sich bis November 2013 um die Familie.

Zwei Wochen später war Lilly tot.


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