Berlin
Informationen und Veranstaltungen rund um die Hauptstadt Berlin und die Region

Gewaltattacke am Alexanderplatz: Das lange Warten auf Onur U.

Von 
Einer der mutmaßlichen Täter nach der Festnahme.
Einer der mutmaßlichen Täter nach der Festnahme.
Foto: Michael Körner
Berlin –  

Noch immer sitzen zwei Tatverdächtige nach dem Totschlag am Alexanderplatz in der Untersuchungshaft. Einer befindet sich noch auf freiem Fuß. Der Hauptverdächtige aber, Onur U. hält sich weiterhin in der Türkei auf.

Die Rathausstraße am Alexanderplatz, fast vier Wochen nachdem dort der 20-jährige Jonny K. totgetreten wurde: Frische Blumen in Kübeln stehen unter einem großen weißen Sonnenschirm, Grablichter, sauber in Klarsichtfolie eingeschlagene kleine Texte sowie eine thailändische und eine deutsche Flagge schmücken den Ort.

Das ist nicht selbstverständlich in dem Berliner Herbst, der so gnadenlos alles Bunte, Fröhliche grau aussehen lässt. Erst recht nicht in dieser oft so schroffen Umgebung. Passanten bleiben stehen, lesen die Texte, gehen weiter. Stumm. Nachdenklich, wie es scheint.

Onur U. weiterhin in der Türkei

Es ist ein schöner Trost, dass es diese Stätte gibt, an der Berlin immer noch trauert. Trauert um ein sinnloses Opfer, einen jungen Mann, der an jenem 14. Oktober offenbar nur zur falschen Zeit am falschen Ort war. Leider passt zu dieser stillen Trauer so gar nicht der Fortschritt bei den Ermittlungen über die Todesnacht. Oder zumindest das, was darüber bekannt ist.

Nach wie vor sitzen zwei der sechs mutmaßlichen Täter in Moabit in Untersuchungshaft, einer ist in Berlin wieder auf freiem Fuß, mit drei weiteren haben Polizei und Staatsanwaltschaft noch gar nicht gesprochen. Darunter der 19-jährige Onur U., den die Staatsanwaltschaft für den Haupttäter hält.

Nach Lage der Dinge hält er sich weiterhin in der Türkei auf, wohin er zusammen mit seinem Vater kurz nach der Tat gefahren war. Um „geschäftliche Dinge“ zu regeln, wie er in einem Interview mit der Bild-Zeitung erklärte, und nicht etwa, um vor der Berliner Polizei zu fliehen. Aber natürlich wolle er sich seiner „Verantwortung stellen“. Es gibt an dem Fall beteiligte Rechtsanwälte, die sprechen von blankem Zynismus. Einen Gefallen habe er sich damit nicht getan.

Rechtshilfeersuchen eingegangen

Aber stimmt das? Hat Onur U. sich mit dem frechen Interview selbst geschadet? Ob das deutsche Generalkonsulat in Istanbul oder das Auswärtige Amt – alle verweisen auf die Berliner Staatsanwaltschaft als ermittelnde Behörde. Und die schweigt.

Kein Wort darüber, ob es inzwischen wenigstens einen internationalen Haftbefehl gibt. Ob es Kontakt zu den türkischen Kollegen gibt. Ob ihn überhaupt schon jemand in Izmir aufgespürt hat. Nur so viel sagt Justizsprecher Martin Steltner: „Wir versuchen alles, um die weiteren Verdächtigen zu kriegen.“ Als Trost mag diese Aussage nicht recht taugen.

Zu tief sitzt das Unverständnis darüber, dass sich da offenbar jemand auszusuchen gedenkt, wann er mit den Ermittlern spricht. Immerhin: Wie der Tagesspiegel am Sonntag unter Berufung auf Polizeikreise berichtet, ist das Rechtshilfeersuchen an die türkischen Behörden zur Auslieferung des Verdächtigen eingegangen. Zudem gebe es Hinweise, dass sich zwei weitere Mittäter, ein 24- und 21-Jähriger, in Griechenland aufhalten könnten. Sie sollen die griechische Staatsbürgerschaft haben.

Die Wohnung von Familie U. in einer gut gepflegten Siedlung am Volkspark Rehberge in Wedding ist seit jenen Tagen im Oktober verwaist. „Da tut sich gar nichts“, berichten die Wirtsleute, die direkt unter der Wohnung eine Kneipe betreiben. Bis dahin habe man normalen Kontakt gehabt, die Eheleute hätten ab und zu einen Kaffee bei ihnen getrunken, die Familie habe schon mal einen Schlüssel in der Gaststätte deponiert, mal Flugtickets für Familienmitglieder hinterlegt – Nachbarschaftsdinge eben. Doch der silberfarbene Transporter der Familie, der sonst immer irgendwo in der Nähe parkte, ist seit der Abfahrt nicht mehr gesehen worden.

Mehr dazu

Ratlos ist auch immer noch Berlins Boxgemeinde, zu der Onur U. bis vor einem Jahr noch gehörte. Bis er nach einer Niederlage im Kampf um die Berliner Meisterschaft plötzlich aufhörte. Und er schließlich aus seinem Heimatverein Schöneberger Boxfreunde herausgenommen wurde. Vereinstrainer Fred Bergemann, bei dem schon Onurs erfolgreicher Onkel Oktay boxte, oder auch Branchenkenner Izzet Mafratoglu vom Club Isigym in der Potsdamer Straße in Schöneberg, sind sich heute nicht mehr sicher, ob der junge Mann überhaupt je Boxer werden wollte. Er sei nicht hart genug gewesen gegen sich selbst, habe nicht genug trainiert, nicht genug gewollt. In jedem Fall habe er ihre Regeln gebrochen, die Respekt und Selbstkontrolle verlangen.

Eines, so Mafratoglu, sei aber ganz sicher: Dass Onur sich stellen muss, reinen Tisch machen muss. Die Wahrheit komme sowieso heraus. Er ist überzeugt, dass der junge Mann das Geschehen nie wieder los werde. „Der eine stirbt einmal, der andere zehnmal“, sagt der Boxtrainer. (mit dapd)

Auch interessant
9. November 1989
Jahrzehntelang trennte sie die Menschen. Am 9. November 1989 und den Tagen danach erklimmen die Menschen die Berliner Mauer, um das Ende der Teilung zu feiern. Heute stehen nur noch wenige Reste des gefürchteten Bauwerkes.

Am 9. November 2014 jährt sich der Mauerfall zum 25. Mal. Alles zum Thema lesen Sie hier.

Facebook
Berliner-Zeitung.de auf Facebook
Ressort

Was in Berlin passiert, beschäftigt oft die ganze Republik. Wir schreiben Nachrichten, Reportagen und Analysen aus dem Herzen der Hauptstadt. Und sagen, was wo läuft.


Wowereits Nachfolger
Am Tag nach der Entscheidung: Michael Müller, 49, während des Interviews mit der Berliner Zeitung in einem Kreuzberger Café.

Die SPD-Mitglieder haben Michael Müller als nächsten Regierungschef bestimmt. Ist das die richtige Wahl?

Umfrage

Soll sich Berlin für Olympia bewerben?

Service

Wo drohen Staus? Fährt die S-Bahn? Immer ab 16 Uhr für den Folgetag.

Anzeige

Offen, hell und freundlich - am Berliner Bahnhof Gesundbrunnen entsteht ein neues Empfangsgebäude. mehr...

Sonderbeilagen & Prospekte
Aktuelle Berlin-Videos
So sah Berlin früher aus
Dossier
Am Alexanderplatz soll ein 150-Meter-Turm entstehen.

Wie soll die Mitte Berlins aussehen? Alles zur Städtebau-Debatte.

Dossier
Am 8. Mai 2010 hatte Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) das Flugfeld für die Öffentlichkeit freigegeben.

Wohnen oder Park: Was wird aus dem alten Flughafen-Gelände?

Dossier
Wriezener Karree am Ostbahnhof.

Wie geht es weiter mit dem Berliner Immobilienmarkt?

Dossier
Der mittelständische Bauverband ZDB warf der öffentlichen Hand vor, in den vergangenen Jahrzehnten aus Kostengründen ihre Kompetenz als Bauherr stetig zurückgefahren zu haben.

Der Pannen-Flughafen Berlin-Brandenburg wird zum Politikum.

Berlin in Bildern
Polizei
Berliner Jobmarkt
Berliner Kieze und Bezirke