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Gewerbestandort in Berlin: Flughafen Tegel soll „Urban Tech Republic“ werden

Vision Tegel: So könnte die künftige „Urban Tech Republic“ aussehen.

Vision Tegel: So könnte die künftige „Urban Tech Republic“ aussehen.

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Atelier Loidl

In Tegel wird die Stadt in einiger Zeit wieder die Chance haben, ein einmaliges Entwicklungsprojekt zu realisieren: die Neugestaltung des alten Flughafen-Geländes. Nach jetzigen Vorstellungen sollen dort 5000 Wohnungen gebaut werden, und zugleich ein Forschungs- und Industriepark für Zukunftstechnologien errichtet werden. Etwas weniger als die Hälfte der Fläche des gesamten Flughafenareals von fast 500 Hektar sollen der Wissenschaft und der Wirtschaft zur Verfügung stehen, um „The Urban Tech Republic“ aufzubauen.

Blick nach Schönefeld

Wann das soweit sein wird, das hängt noch immer von der Fertigstellung des BER in Schönefeld ab. Vielleicht geht der tatsächlich in der zweiten Hälfte 2017 in Betrieb, dann ist in Tegel ein halbes Jahr später Schluss mit Flugverkehr.

Das ist nicht mehr so lange hin, wenn man die notwendigen Zeiten für die Planungen bedenkt. Und es werden jetzt Diskussionen lauter, ob man angesichts der Wohnungsknappheit in Berlin nicht mehr Wohnungen in Tegel bauen sollte.

Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU) äußerte im Gespräch mit der Berliner Zeitung allerdings vehement Widerspruch gegen solche Überlegungen: „Wir brauchen für die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung der Stadt ausreichend Gewerbeflächen. Sie sind unabdingbar für die neuen Arbeitsplätze, die wir zum Glück weiter in die wachsende Stadt holen.“

Das sei nicht als Geringschätzung des Wohnungsbaus zu betrachten, betonte sie ausdrücklich. Es sei klar, dass viele neue Häuser und Wohnungen gebaut werden müssen, wenn jedes Jahr um die 40.000 Menschen per Saldo nach Berlin kommen. „Aber wenn wir nicht wollen, dass die Unternehmen ins Umland abwandern, und die Berliner und Berlinerinnen dann täglich viel stärker pendeln müssen, müssen wir den Platz vorhalten“, sagte die Senatorin, „Da können wir keine Zugeständnisse machen.“ Insbesondere für das Entwicklungsgebiet Tegel gelte, dass eine Zurückdrängung von Gewerbeflächen nicht akzeptabel sei, sagte sie und widersprach damit Überlegungen aus dem Senatsbereich Stadtentwicklung.

Die Reserve schrumpft

Yzer verwies darauf, dass es im Berliner Stadtgebiet 4500 Hektar Gewerbeflächen gebe, von denen derzeit 300 „verfügbar und aktivierbar“ seien. Im Jahr 2011 seien es noch 420 Hektar gewesen. Damit sei innerhalb von wenigen Jahren ein ganzes Viertel der zur Verfügung stehenden Gewerbeflächen verkauft worden und stünde für aktuelle Nachfragen nicht mehr zur Verfügung. „Ich spreche ständig mit Investoren, die mich fragen, wo können wir hier in Berlin anfangen“, sagte sie.

Bei ihrer Forderung nach Erhalt von Gewerbeflächen ist die Senatorin einer Meinung mit Wirtschaftsverbänden und Interessenvertretungen. Die Industrie- und Handelskammer warnte ebenfalls, der zunehmende Wohnungsbau dürfe nicht dazu führen, dass Industrie und Gewerbe zurückfallen.

Wegen der starken Nachfrage von Firmen müssten dringend weitere Flächen für mögliche Gewerbeansiedlungen erschlossen werden, erklärte Yzer „Wir sind mit Hochdruck dabei“, sagte sie. Als eines der wichtigsten Projekte derzeit nannte sie die Erschließung des Geländes an der sogenannten Gleislinse am Betriebsbahnhof Schöneweide. Damit kann der absolut expandierende Wirtschafts- und Wissenschaftsstandorts Adlershof weiter wachsen. Dort geht es um 33 Hektar Industrie- und Gewerbeflächen, die mit 15 Millionen Euro aus Fördermitteln der Gemeinschaftsaufgabe zur Förderung regionaler Wirtschaftsstrukturen (GRW) fit gemacht werden.

Des Weiteren wird bereits daran gearbeitet, im Umfeld des Clean Tech Parks in Marzahn-Hellersdorf weitere Flächen im Bereich Boxberger Straße/Hornower Ring mit rund zehn Hektar für Ansiedlungen zu erschließen. Dafür werden neun Millionen Euro aus dem GRW-Topf bereitgestellt. Der Clean Tech Park selbst hat einen unschätzbaren Vorteil in Berlin: Auf einer zusammenhängenden Fläche von 90 Hektar können zumindest in einer Kernzone fast nahezu alle industriellen Produktionen angesiedelt werden. Das ist sonst in der Stadt nirgendwo mehr möglich.

Mit- statt gegeneinander

Zudem sollen auch kleine Flächenpotenziale genutzt werden, um vor allem technologieorientierten, innovativen kleinen und mittleren Firmen in räumlicher Nähe zu Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen Grundstücke anbieten zu können. Das betrifft unter anderem die Brunnengalerie in Berlin-Buch, hier sollen rund fünf Hektar für den Campus Buch – führend im Bereich Biomedizin – erschlossen werden. „Zusammen sind das 53 Hektar Gewerbeflächen, die bereits in der Pipeline sind“, sagte die Senatorin.

Yzer betonte, dass die Berliner Wirtschaft überdurchschnittlich wächst und die Firmen für Erweiterungen und Neuansiedlungen entsprechenden Platz brauchen. „Wir müssen die Arbeitsplätze hier schaffen, damit die Menschen mit ihren Familien das Geld zum Leben und auch zum Wohnen selbst verdienen können“, sagte sie. Das bedeute kein Gegeneinander von Arbeiten und Wohnen, sondern ein Miteinander.