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Berliner Zeitung | Gideon Joffe im Interview: "Wir brauchen mehr Schutz für jüdische Einrichtungen"
03. February 2016
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Gideon Joffe im Interview: "Wir brauchen mehr Schutz für jüdische Einrichtungen"

Der alte ist nun auch der neue Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin: Er hatte den internen Streit für sich entschieden.

Der alte ist nun auch der neue Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin: Er hatte den internen Streit für sich entschieden.

Foto:

berliner zeitung/Gerd Engelsmann

Es gibt viele Namen für Gideon Joffe, den bisherigen und auch neuen Chef der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Grotesk überzogen sind sie alle. Die einen nennen ihn Monster, Diktator, Putin. Für die anderen ist er ein guter Junge, ein Retter, ein Beschützer. Am vergangenen Sonntag ist Joffe zum Vorsitzenden wiedergewählt worden. Die Opposition spricht allerdings von Wahlbetrug. Über Streit und Versöhnung sowie seine eigentlichen Aufgaben sprachen wir mit Gideon Joffe in einem Lokal neben der Neuen Synagoge an der Oranienburger Straße.

Herr Joffe, nach Ihrer Wiederwahl haben Sie gesagt, Ihre Hand sei zur Zusammenarbeit ausgestreckt. Ist das ein Versöhnungsangebot an die Opposition?

Ja, das ist der Grund, warum wir die Ausschüsse noch nicht besetzt haben. Wir halten die Tür zur Zusammenarbeit offen und sagen, dass es Platz gibt zur aktiven Mitarbeit in den Ausschüssen, wenn Interesse daran besteht.

Glauben Sie, dass der Oppositionsführer Sergey Lagodinsky darauf eingehen wird?

Es ist ja so: Ein Mitstreiter von Herrn Lagodinsky hat vor der Wahl gesagt, Gruppierungen vor der Wahl halten nie lange. Die lösen sich recht schnell auf. So dass man nach der Wahl nicht mehr der Fraktion verpflichtet ist, sondern nur noch seiner eigenen Lust und Laune. Sie werden sehen, dass alle recht schnell vernünftiger werden. Es sind ja auch gestandene Persönlichkeiten bei ihm in der Gruppe. Wir werden sehen, ob Herr Lagodinsky noch sehr lange für diese Leute sprechen wird.

Also wird jetzt alles gut?

Nein. Ich würde es besser finden, wenn es eine klare Fraktion in der Opposition gäbe. Dann könnte man Absprachen treffen. So weiß man nie, wer repräsentiert welche Leute. Mit wem sollen wir reden?

Wie wollen Sie denn dann eine Versöhnung hinbekommen?

Indem von der Opposition unsere ausgestreckte Hand angenommen und aktive Bereitschaft zur Mitarbeit in den Ausschüssen kommuniziert wird. Dann können wir einen Wettbewerb der Ideen beginnen.

Bisher lässt die Opposition keine Bereitschaft erkennen. Sie spricht von Wahlbetrug. Das Schiedsgericht des Zentralrats hat sich zwar für nicht zuständig erklärt, aber angeregt, dass die Wahl überprüft werden müsse, bis dahin seien möglicherweise alle Beschlüsse unwirksam. Wie können Sie in so einem Zustand arbeiten?

Es ist nicht schwer, damit umzugehen, wenn man, wie ich, davon überzeugt ist, dass alles rechtlich einwandfrei gelaufen ist. Dies sah der Schiedsausschuss der Gemeinde genauso und nahm den Einspruch wohl deshalb nicht zur Entscheidung an. Dieser ist laut Wahlordnung der einzig zuständige für die Wahlanfechtung.

Also rechtmäßig?

Ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass der Wahlleiter seiner Aufgabe zu hundert Prozent korrekt nachgekommen ist. Und das Schiedsgericht des Zentralrats hat sich für nicht zuständig erklärt.

Prüft denn noch jemand?

Der Schiedsausschuss der Gemeinde hat sich klar positioniert. Das endgültige Wahlergebnis steht fest.

Wirkt sich denn der Streit auf das Gemeindeleben aus?

Ich glaube nicht. Ein Indikator für die Zufriedenheit der Gemeindemitglieder ist die Entwicklung der Gemeindeinstitutionen. Über Jahre hinweg hat es nur einen Kindergarten gegeben, nur eine Grundschule und dort nur drei erste Klassen. Da hat sich lange nichts getan. Wir werden jetzt erstmalig vier erste Klassen in der Grundschule haben. Wir haben einen zweiten Kindergarten eröffnet und beide Kindergärten haben trotzdem Wartelisten. Das ist für mich der Indikator dafür, inwieweit die Gemeindemitglieder diese Verleumdungen ernst nehmen. Die interessieren sich hauptsächlich dafür, ob sie in ihre Synagoge gehen können, bekommen ihre Kinder einen Platz im Kindergarten, in der Grundschule, in der Oberschule und nicht, ob sich ihre Repräsentanten untereinander fetzen.

Das heißt, wir sprechen über die falschen Dinge?

Meiner Meinung nach ja. Wir haben so viele interessante Sachen zu bieten. Die Heinz-Galinski-Grundschule bekommt einen bilingualen Zweig. Wir haben dort verstärkt Englisch-Unterricht angeboten und das hat dazu geführt, dass wir überrannt werden. Es gibt so viele Eltern, die ihre Kinder bilingual erziehen lassen wollen. Das ist das Erfolgsgeheimnis dieser Schule aktuell. Davor haben die Eltern ihre Kinder auf andere Privatschulen geschickt, die nicht jüdisch geprägt sind. Wir entwickeln jetzt einen Schwerpunkt Deutsch-englisch-hebräisch. Allerdings müssen wir auch neue Institutionen in Mitte eröffnen. Der alte Kindergarten befindet sich in Grunewald, aber die wenigsten Gemeindemitglieder leben in Grunewald. Der Weg dorthin ist zu weit. Da entwickeln wir gerade konkrete Pläne.

An dem Zulauf für Kindergärten und Schulen sieht man, dass viel mehr junge jüdische Menschen in der Stadt leben, die Kinder bekommen als früher?

Ja, auf jeden Fall.

Der Altersdurchschnitt bei den Gemeindemitgliedern ist aber hoch, zwei Drittel sind über 50 Jahre alt. Die jungen Leute treten nicht ein in die Gemeinde?

Es ist bisher so gewesen, dass alle Institutionen der jüdischen Gemeinde allen gleichermaßen zur Verfügung stehen, unabhängig davon, ob sie Gemeindemitglieder sind oder nicht.

Wie wollen Sie das ändern?

Wir legen jetzt Wert darauf, dass es eine Dienstleistung der Gemeinde nur gibt, wenn derjenige auch Mitglied ist. Beispiel: Wenn jemand einen Kindergartenplatz möchte, sehen wir nach, ob beide Eltern Mitglied sind. Dann bekommt derjenige auf jeden Fall einen Platz. Danach versorgen wir Paare, wo nur Mutter oder Vater Mitglied sind, und danach werden Leute bedient, die nicht Mitglieder, aber jüdisch sind. Und zum Schluss kommen Nicht-Mitglieder, die auch nicht jüdisch sind, an die Reihe.

Alle deutschen jüdischen Gemeinden sind überaltert. Speziell Berlin hat aber doch einen großen Zuzug jüdischer Menschen. Warum fällt denen nicht von selber ein, in die Gemeinde einzutreten?

Das Konzept der Kirchensteuer gibt es nur in Deutschland und Österreich. Das gibt es nicht in Israel, in Amerika, in Frankreich. Wenn jemand aus Israel kommt, dann sagen wir, tritt mal ein. Dann sagt der, ich soll eine Steuer dafür zahlen, dass ich Jude bin, warum das denn? Das ist sehr schwer zu erklären.

Also Kirchensteuer abschaffen?

Wir sind auf die Steuereinnahmen angewiesen. Sie machen derzeit zirka zehn Prozent unseres Haushalts aus.

Wie sehen Sie den großen Zulauf von Flüchtlingen in Berlin?

Natürlich muss man helfen. Und wir sind überzeugt, dass die meisten aus menschlich nachvollziehbaren Gründen herkommen. Deutschland ist nun mal eines der besten Länder der Welt. Ich gehe fest davon aus, dass 99 Prozent der zu uns gekommenen Flüchtlinge keine bösen Absichten hegen. Aber bei einem Prozent habe ich Bedenken. Und ein Prozent von einer Million sind eben 10.000.

Was bedeutet das für die Sicherheit der Jüdischen Gemeinde?

Wir brauchen mehr Polizei auf unseren Straßen und Schutz für die jüdischen Einrichtungen. Bei allen bisherigen Anschlägen durch Islamisten in Europa waren immer auch Juden oder jüdische Einrichtungen betroffen. Die konkrete Gefährdungslage war für uns noch nie so hoch wie heute. Außerdem hat Berlins Verfassungsschutzpräsident aktuell wieder darauf hingewiesen, dass die Stadt eine Hochburg der Salafisten sei.

Das Gespräch führte Julia Haak.


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