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Giftige Köder für Hunde in Berlin: Hundehasser verstecken Rasierklingen in Fleischbällchen

Auch für Hunde gilt: Nimm nichts von Fremden!

Auch für Hunde gilt: Nimm nichts von Fremden!

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dpa/Julian Stratenschulte

Berlin -

Tiefe Schnitte im Rachen hatte der Terriermischling Rex, als ihn seine Besitzerin vor ein paar Tagen in die Lichtenberger Praxis von Tierarzt Holger Fuhrmann brachte. Der Veterinär stellte innere Blutungen fest, legte das Tier an den Tropf, doch dem Hund ging es nach zwei Tagen immer noch so schlecht, dass Fuhrmann ihn einschläfern musste. Die inneren Verletzungen könnten von Rasierklingen stammen, sagt Fuhrmann.

Es gab weitere Fälle: Hundehalter brachten ihre verletzten Tiere in Fuhrmanns Praxis. Ein Hund hatte eine durch Säure verätzte Zunge, er wurde geheilt. Eine Besitzerin fand einen Köder, der aus Bierschinken und einem weißen Pulver bestand. Fuhrmann wurde klar: Rund um den Lichtenberger Anton-Saefkow-Platz hat ein Hundehasser Giftköder ausgelegt. Der Tierarzt stellte Strafanzeige wegen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz. Er hängte Warnzettel in seiner Nachbarschaft aus, und er erfuhr von weiteren Verletzungen, die Hunde erlitten. „Ich bin entsetzt, wie viele solcher Fälle es in Berlin gibt“, sagt der Tierarzt.

Tatsächlich melden Hundehalter immer wieder, dass ihre Tiere sich verletzen, weil sie gefährliche Köder finden. Im Jungfernheidepark in Charlottenburg fanden Besucher mit Hunden im September gefärbte Fleischbrocken, in denen Rasierklingen steckten. Auf einem Grünstreifen der Prenzlauer Allee fand eine Hundebesitzerin im April ein Wurststück, in dem eine Teppichmesserklinge steckte, in der Aroser Allee in Reinickendorf waren es Nägel. An anderen Orten fanden Hundehalter Fleisch- und Wurststücke mit Rattengift, Blausäure und Glassplittern. In Wilmersdorf wurde eine Radfahrerin beobachtet, die auf ihrer Fahrt Fleischbällchen auf dem Gehweg verteilte. Ins Fleisch hatte sie Rasierklingen gesteckt. Gefasst wurde die Frau nicht.

Aushänge zur Warnung

Zwar erstatten die Hundehalter, die Giftköder finden, Strafanzeige bei der Polizei. Doch die Tierquäler bleiben meist unerkannt. „Die Aufklärungsquote ist in solchen Fällen sehr gering“, sagt Polizeisprecherin Kerstin Ziesmer. „Es ist sehr schwer, einen Täter zu finden.“

Und so warnen sich die Hundebesitzer meist selbst mit Aushängen und scheuen sich, ihre Hunde im Park oder auf einer Wiese frei umherlaufen zu lassen. Neuerdings können sie die Fundorte der Giftköder auf einer bundesweiten virtuellen Karte im Internet eintragen, Giftköder-Radar heißt die Adresse.

Berlins Tierschutzbeauftragter Horst Spielmann warnt die Hundehalter regelmäßig. „Es kommt immer wieder vor, dass Hundehasser aus Wut über Hundekot oder über angeblich aggressive Hunde Giftköder auslegen“, sagt er. Spielmann rät: Sollten Hundebesitzer Auffälligkeiten an ihrem Tier entdecken, sollten sie unverzüglich einen Tierarzt aufsuchen oder den tierärztlichen Notdienst und Kleintierkliniken. Auch die Polizei soll gerufen werden. „Denn das Auslegen von Giftködern ist eine Straftat.“

329 Verstöße gegen das Tierschutzgesetz registrierte die Polizei 2012. Durch Köder vergiftete Tiere werden nicht extra aufgelistet. Bei den registrierten Fällen handelt es sich um gewerbliche Straftaten, zum Beispiel wenn ein Zoohändler zu viele Tiere im Käfig hält, Zirkustiere wenig Auslauf haben oder Tiere illegal gezüchtet werden, und nichtgewerbliche Straftaten, wenn etwa Hunde stundenlang ohne Frischluft im Auto gelassen werden.

Knapp 60 Prozent dieser Straftaten werden aufgeklärt. „Zu viele Verfahren bleiben liegen“, sagt der Grünen-Abgeordnete Benedikt Lux. Es gebe zu wenig Druck bei der Justiz.

Lux fordert deshalb ein Verbandsklagerecht für Tierschutzverbände. Sie sollen Verstöße selbst vor Gericht bringen und als Nebenkläger auftreten. Diese gesetzliche Neuregelung könnte auch helfen, wenn ein Tierhalter aus Geldmangel nicht allein gegen einen Giftköderleger vorgehen kann. Wenn denn mal einer gefasst würde.