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Glaube: Beim Freitagsgebet in der Sehitlik Moschee

sehitlik moschee

Eingangsschilder des türkischen Friedhofs und der Sehitlik Moschee am Columbiadamm in Berlin-Neukölln.

Foto:

imago/Sabine Gudath

Berlin -

Der Hof vor der Moschee füllt sich schon lange vor der Zeit mit Gläubigen. Es ist Freitag, jener Tag in der Woche, an dem der Glaube alle muslimischen Männer verpflichtet, um die Mittagszeit eine Moschee aufzusuchen zur Juma, dem Freitagsgebet. Auch in die Sehitlik Moschee am Columbiadamm sind hauptsächlich Männer gekommen. Ordentlich sehen die meisten aus, gewaschen, neu eingekleidet, wie es die vorgeschriebene Praxis ist. Ein Duft von Parfüm liegt in der Luft. Zwei Männer in fleckiger Bauarbeiterkleidung fallen aus dem Rahmen.

Mehr als 2 000 Menschen kommen an den meisten Freitagen zum Beten in diese Moschee. Es ist so voll, dass die Männer schließlich dicht hintereinander, Schulter an Schulter beide Etagen der Moschee ausfüllen. Auf dem Hof werden zusätzlich Teppiche ausgerollt. Die wenigen Frauen finden Platz in einem Nachbargebäude.
Der Gesang des Vorbeters hebt an, und die letzten Gespräche verstummen. So ist es gedacht. Die Gläubigen sollen sich sammeln, von allem anderen freimachen und eine Verbindung zu Gott suchen. Wie in jeder Religion dient das Ritual der Konzentration auf den Kern der Sache.

Das islamische Gebet gewinnt seine suggestive Wirkung aus der Gleichförmigkeit der Bewegungen, dem Auf und Nieder der Männerrücken, die sich hier über dem dicken Teppich beugen, dem Hin- und Herwerfen der Köpfe, dem Wechselspiel aus Lobpreisungen des Imams und der Stille, die folgt.

In der Predigt geht es an diesem Tag um die 99 Namen für Allah. Die Gläubigen mögen die Bedeutung dieser Namen in ihr Leben übertragen, sagt der Vorbeter. „Unser Herr ist Rahman und Rahim. Viel vergebend und bewahrend. Gegenüber allen Lebewesen, allen Menschen, im Jenseits den Gläubigen gegenüber barmherzig.“ Er sei unendlich geduldig, großzügig und höflich. Dann ist die Ansprache schon wieder vorbei, im Vergleich zu der Predigt in einer christlichen Kirche ist diese hier erstaunlich kurz.

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Die Verbeugung, Verneigung im islamischen Gebet heißt Ruku.

Foto:

Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Während die Gläubigen schon auf den Hof strömen, werden dort noch schnell die Teppiche eingerollt. Die meisten bleiben noch eine Weile, stehen zusammen und unterhalten sich, essen etwas, trinken Tee. Ahmad Bekir ist  aus Kreuzberg gekommen, um zu beten. Der Mann hat seinen Laden, in dem er Brautmoden verkauft, einfach abgeschlossen und ist mit dem Bus zum Columbiadamm gefahren. „Es ist meine Pflicht, freitags in die Moschee zu gehen. Meine Kunden verstehen das. Sie gehen selbst zum Gebet. Niemand wird sich wundern, wenn das Geschäft freitagmittags nicht geöffnet ist“, sagt er. Es dauert eine Weile, mehr von ihm zu erfahren.

Er ist es ganz offenbar nicht gewohnt, über Rituale zu sprechen, die er von Kindheit an kennt. „Es ist einfach so“, sagt er mehrmals. Dann, nach einer Weile Überlegen, fängt er wohl doch an, Gefallen an dem Gespräch zu gewinnen.  „Es ist ganz gut so, dass man durch die festen Gebetszeiten immer wieder gezwungen ist, mal die Ladentür abzuschließen“, sagt er. So müsse er ja das Klein-Klein des Alltags hinter sich lassen, um sich auf größere Dinge zu besinnen.

Gottesbezug ist wichtig

Zwei jüngere Frauen haben weniger Hemmungen, darüber zu sprechen, was ihnen das Gebet bedeutet. „Wir sind oft so egoistisch in dem, was wir tun, wie wir leben. Das Gebet hilft mir, nicht immer nur an mich zu denken“, sagt die eine. Die andere kommt vor allem wegen eines  Gemeinschaftsgefühls. „Es tut gut, sich hier zu treffen. Ich fühle mich aufgehoben und nicht so allein“, sagt sie. An einem ähnlichen Ritual ohne Gottesbezug hätte sie allerdings  kein Interesse. „Nein, im Gebet ehrt man den Schöpfer, und dadurch fühlt man sich dann gestärkt“, sagt die junge Frau. Das Gebet sei eine Quelle für Kraft. Ihre Mutter sei sogar der Ansicht, dass sie auf diese Weise ihre Schmerzen lindern könne.