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Goldener Ehrenbär: Im milden Licht des Vergessens: Meryl Streep ist "The Iron Lady"

Im wahren Leben ist sie alles andere als eine "Iron Lady": Meryl Streep.

Im wahren Leben ist sie alles andere als eine "Iron Lady": Meryl Streep.

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dapd

Margaret Thatcher war von 1979 bis 1990 Premierministerin von Großbritannien und von 1975 bis 1990 Vorsitzende der Conservative Party. In ihrer Ära wurden staatliche Betriebe und Einrichtungen, etwa die Trinkwasserversorgung und große Teile des Gesundheitswesens, privatisiert. Und Thatchers Angriffe auf die Gewerkschaften sind noch heute legendär.

Die britische Ökonomie erholte sich zunächst während ihrer Amtszeit, doch die Arbeitslosigkeit stieg bald, und insbesondere die Idee der Besteuerung aller Bürger – auch der Mittellosen – provozierte schwere Auseinandersetzungen, bis hin zur Krise.Ohne große Beachtung immaterieller Werte oder Rücksicht auf die vom Schicksal wenig Begünstigten vertrat Thatcher eine Politik der Tüchtigen und Tatmenschen, die damals monströs herzlos erschien, heute jedoch mehr oder weniger maskiert auch in Deutschland praktiziert wird.

Seltsam substanzlos

Dieser Aspekt eines liberalen Vorreitertums ist höchst interessant an Margaret Thatcher. In Phyllida Lloyds Biopic „The Iron Lady (Die eiserne Lady)“ spielt er indes keine Rolle. In diesem Film wird kein politischer Bezug zu unserer Gegenwart hergestellt, sondern ein medizinischer. Das macht die Sache seltsam substanzlos.

In der ersten Szene sehen wir eine alte, tatterige Dame in Kostüm und Kopftuch beim Einkaufen im Laden um die Ecke. Sie prüft die Preise, vor allem den für Milch, und eigentlich fürchtet man, dass diese gebrechliche Kundin sogleich überrannt wird von vitaleren Käufern. Doch sie schafft es tatsächlich nach Hause, und wie sie dort von einer Armada besorgter Assistenten empfangen wird, ist klar: Der Alten kam große öffentliche Bedeutung zu, aber das war eben einmal, früher.

Alzheimer, bedauerlicherweise

Nun ist Margaret Thatcher mehr oder weniger ein Pflegefall, Alzheimer bedauerlicherweise. Ihr Haus soll sie keinesfalls mehr allein verlassen. Sie halluziniert ihren seit Jahren verstorbenen Gatten; von dessen Sachen kann sie sich nicht trennen, nun aber soll es doch sein, Kisten und Tüten sind schon bereitgestellt. Die Angestellten und Thatchers Tochter verständigen sich flüsternd über den Zustand der Ex-Premierministerin, sie werden dabei aber wiederum von dieser beobachtet und belauscht.

Und das evoziert in diesem Film ein beständiges Schweben und Gleiten der Worte, Zusammenhänge und Zeitebenen. Im sanft weichgezeichneten, vielleicht auch nur vernebelten Rückblick erleben wir den Werdegang der Margaret Thatcher: Von der wertbewussten Tochter eines streng gläubigen Kolonialwarenhändlers, die während der deutschen Bombardierung ohne Angst um Leib und Leben die teure Butter sichert, zur Abgeordneten im hellblauen Kostüm unter lauter Männern in dunklen Anzügen bis hin zur Parteivorsitzenden und zum ersten weiblichen Premier in Westeuropa.

Zu klein entworfen

Die politische Karriere der Margaret Thatcher, geborene Roberts, ist auch die einer Außenseiterin. „Über den Hut könnte man eventuell sprechen, die Perlenkette werde ich aber sicherlich nicht ablegen...“, sagt sie, als man ihr Image als Konservative „optimieren“ will.

Meryl Streep verkörpert die Hauptfigur, worüber man nur Gutes sagen kann, davon aber wenig mehr als dies: Der britische Akzent ist makellos, die wiederholt sich einstellenden geistigen Absenzen der Hauptfigur sind vollkommen überzeugend dargeboten, und die Maske ist perfekt (die junge Thatcher wird von Alexandra Roach gespielt). Doch der Rahmen für Streeps Leistung, sprich dieser Film, ist zu klein entworfen.

Stets tough und zielorientiert

Phyllida Lloyd, die schon bei „Mamma Mia“ mit Meryl Streep gedreht hat, konzentriert sich auf die Aufstiegsgeschichte einer Frau in einer Männerwelt – was auch an der Eile deutlich wird, mit der sie die späten Stationen von Thatchers politischem Wirken abhakt.

Eine 30 Jahre währende Karriere wird in 105 Minuten gerafft. Ende der 1950er ist Thatcher noch eine kleine Kandidatin der Konservativen in einem Nordlondoner Wahlkreis. 1982 erklärt sie dann Argentinien den Falkland-Krieg und verbündet sich mit dem US-Präsidenten Reagan. In ihrem Aufstieg wird Thatcher hier stets tough und zielorientiert gezeigt, nie gekränkt oder gar verzweifelt, auch wenn sie noch so unverschämt als Frau und Krämerstochter diskriminiert wird. Gab es so gar keine Zweifel?

Zu frisch ist die Erinnerung

Dass Margaret Thatchers Karriere wesentlich von ihrem Mann (Jim Broadbent spielt ihn) gefördert wurde, was durchaus ungewöhnlich war zu damaligen Zeiten, wird ausgiebig gewürdigt – ja, eigentlich ist dies hier fast ein Liebesfilm. Aber warum betont man diese Seite ausgerechnet bei einer der wichtigsten Politikerinnen Westeuropas? Eine Annäherung an die Frau Margaret Thatcher ist damit nicht zu erreichen, zu frisch ist noch die Erinnerung an die Eiserne Lady.

Und für eine Rehabilitierung wiederum ist unsere Zeit noch nicht verzweifelt genug. Eine schöne Idee hatte die Regisseurin aber doch: Wenn in diesem Film wieder einmal eine Tür geöffnet wird in einem der Häuser, weiß man nie, auch im übertragenen Sinn nicht, wohin sie führt.

The Iron Lady (Die eiserne Lady): 14. 2.: 22.30 Uhr, Berlinale Palast; 15. 2.: 10 Uhr, Haus der Berliner Festspiele. Ab 1. März regulär im Kino.

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